So gesund sind Selms Erstklässler im Kreisvergleich

Fragen und Antworten

221 i-Männchen haben am Donnerstag in Selm ihre Schullaufbahn begonnen. Bestimmt waren viele der Kinder nervös, rund 30 von ihnen sind aber auch ohne Schultüte zappelig, zehn geradezu verhaltensauffällig - so das Ergebnis der Schuleingangsuntersuchung. Das beunruhigt die Amtsärztin jedoch nicht.

SELM

, 01.09.2017 / Lesedauer: 3 min
So gesund sind Selms Erstklässler im Kreisvergleich

Die Gesundheitsassistentin Birgit Hellmund mit einer angehenden Erstklässlerin bei der Schuleingangsuntersuchung.

Muss man sich um die verhaltensauffälligen Kinder Sorgen machen?

„Nein“ sagt Dr. Petra Winzer-Milo: „Trotz der hohen Ansprüche sind die Kinder bei den Untersuchungen nicht schlechter geworden.“ Sie leitet den Kinder- und Jugendgesundheitsdienst des Kreises Unna und begleitet seit Jahren die Untersuchungen der Mädchen und Jungen, die zwischen September 2016 und Juli dieses Jahres stattgefunden haben.

Getestet wurden in 60- bis 90-minütigen Untersuchungen mögliche Störungen und Auffälligkeiten in den Bereichen Motorik, Sprache, Wahrnehmung und Verhalten. Für das gerade beginnende Schuljahr waren es 3350 Kinder kreisweit, davon 217 aus Selm. Das heißt, vier weniger als heute eingeschult werden: Eine Differenz, die sich durch Zuzüge erklären lässt.

Hinken die Selmer Kinder irgendwo hinterher?

„Große Ausreißer gibt es eigentlich nicht“, meint Winzer-Milo. Und doch: In einem Punkt sind die Selmer Kinder Schlusslicht. Nur 43,9 Prozent sind im Sportverein. Zum Vergleich: Kreisweit sind es fast 50 Prozent. Einsame Spitze ist Schwerte mit 60,7 Prozent der i-Männchen. Die Mitgliedschaft in einem Sportverein gilt nicht nur als Indikator für eine gesunde körperliche Entwicklung, sondern fördert auch die sozialen Kompetenzen.

 

Warum steht Selm beim kindlichen Vereinssport vergleichsweise so schlecht da?

Michael Merten, der Vorsitzende des Stadtsportverbands, kann sich das spontan nicht erklären. „Ich kann für alle Vereine sprechen, wenn ich sage, dass Kinder gerne Angebote testen können, ohne dafür gleich Mitglied werden zu müssen.“ Merten weist darauf hin, dass beide Turnvereine, sowohl der TV Eintracht als auch die TG Einigkeit, spezielle Angebote für junge Kinder machten. Auch die drei Fußballvereine förderten den Nachwuchs, und bei der DLRG, die die Schwimmkurse anbietet, gebe es eine Warteliste.

Allein in Sachen Leichtathletik fehlten Angebote in Selm, die aber die Nachbarn in Nordkirchen und Olfen machten. Warum Selm trotzdem hinten liegt? „Wir werden das noch diskutieren“, sagt Merten.

Gibt es auch einen Bereich, in dem die Selmer Kinder besonders glänzen?

21 Prozent aller untersuchten Selmer i-Männchen haben Sprachstörungen. Das hört sich viel an, ist aber der niedrigste Wert im gesamten Kreis Unna. Kreisweit hat jedes vierte Kind (25,4 Prozent) Sprachstörungen. Dabei handelt es sich laut Petra Winzer-Milo um ernste Schwierigkeiten, die anders als Sprachauffälligkeiten behandelt werden müssen.

 

Apropos Sprache: Wie gut sprechen die Selmer Kinder Deutsch?

Besser als der Durchschnitt. Obwohl 18,5 Prozent aller Selmer i-Männchen als erste Sprache im Elternhaus nicht Deutsch gelernt haben, hat die Untersuchung nur bei 2,9 Prozent der Kinder schlechte Deutschkenntnisse festgestellt. Der Durchschnittswert im Kreis liegt bei 5,2 Prozent.

Wie sieht es mit den Verhaltensstörungen aus?

Echte Störungen, die therapiert werden müssten, haben nur 7,3 Prozent der Kinder aus Selm gezeigt – etwas weniger als im Kreisdurchschnitt (7,8 Prozent). Besonders große Schüchternheit oder das Gegenteil ADHS (Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom) seien die häufigsten Probleme. Auffälliges Verhalten bei der Untersuchung zeigten allerdings 14,2 Prozent der Selmer Kinder – und damit deutlich mehr als im Kreisdurchschnitt (10,4 Prozent). Auch wenn sie dafür keine Zahlen hat: „Meistens sind es Jungen“, so Winzer-Milo: „Die hinken in diesem Alter in der Entwicklung immer etwas hinterher, holen das aber bald auf.“

 

Was rät die Leiterin des Kinder- und Jugendgesundheitsdienstes den Eltern?

Mehr Gelassenheit zu zeigen, um den Kindern Freiräume zu eröffnen. „Viele Mädchen und Jungen leiden schon vor der Einschulung unter Leistungsdruck“, sagt Petra Winzer-Milo. Sie sollten Gelegenheit bekommen, sich frei zu entfalten – am besten draußen im freien Spiel. Der Alltag sehe aber oft anders aus: „Manche Eltern fahren ihre Kinder im Auto zur Ergotherapie, damit sie da das Balancieren lernen.“

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