So steht es laut Bürgermeister Mario Löhr um Selm

Sommerinterview

Das Wetter mag in den Ferien lange durchwachsen gewesen sein. Wirtschaftlich scheint seit Wochen die Sonne für die Stärkungspaktkommune Selm. So sieht es zumindest Bürgermeister Mario Löhr. Warum das so ist und wo sich die Stadt gerade überall verändert, erzählt er in unserem großen Sommerinterview.

SELM

, 26.08.2017 / Lesedauer: 6 min
So steht es laut Bürgermeister Mario Löhr um Selm

Selms Bürgermeister Mario Löhr ist zufrieden mit der Haushalts-Situation.

Die Sommerferien neigen sich dem Ende zu. Haben Sie auch schon Urlaub gemacht?

Nein, der steht erst im Winter an. Vorher verreise ich nicht, abgesehen von unserem Betriebsausflug.   

Betriebsausflug?

Ja, den machen wir zum zweiten Mal. Im vergangenen Jahr waren Mitarbeiter unserer Verwaltung auf mich zugekommen und hatten gefragt, ob wir das einmal machen sollten: gemeinsam mit den Kollegen nach Mallorca fliegen. Natürlich zahlt jeder komplett selbst. Das kam so gut an, dass wir das jetzt vom 31. August bis 3. September wiederholen werden. 24 Kollegen sind dabei.  

Vom Verreisen zum Hin- und Herfahren. Wer vom Amtshaus in Bork zum Einkaufen auf die Kreisstraße in Selm will, muss weit fahren…

… am besten über die Umgehungsstraße, Werner Straße.  

Die Baustelle ist seit Juni eingerichtet, konsequent gesperrt ist die Kreisstraße aber erst seit August, verbunden mit der Absperrung des Kreuzkamps. Ein richtige Entscheidung?

Ich war dafür, das von Anfang an so streng zu handhaben, damit sich der Schleichverkehr gar nicht erst so ausbreitet. Aber in dieser Frage gab es bei uns in der Verwaltung zunächst keinen Konsens. Die Erfahrung der ersten Baustellenwochen, als sich ununterbrochen Autos an den Baumaschinen vorbei zwängten, zeigte mir aber, dass wir aktiv werden müssen.

Wenn wir schon gedanklich dort entlang fahren: Im Frühjahr hatten Sie von der Chance einer gewerblichen Neuansiedlung an der Werner Straße, gegenüber des Gewerbegebietes, gesprochen. Was ist daraus geworden?

Daraus wird noch was. Die Abstimmungsgespräche laufen. Es handelt sich um ein cooles Unternehmen, das 80 bis 120 Arbeitsplätze bei uns schaffen will. Ich gehe davon aus, dass wir Anfang des vierten Quartals mit Details an die Öffentlichkeit gehen können.  

Kann noch etwas schief gehen?

Ich bin zu diesem Zeitpunkt überzeugt, dass sich das Unternehmen ansiedeln wird, genauso wie auch noch das eine oder andere weitere Unternehmen. Konkret reden wir von der Ansiedlung eines Unternehmens mit 80 bis 120 Arbeitsplätzen und eines anderen von 50 bis 80. Außerdem haben wir geholfen, dass etwa mit Mennes ein heimischer Betrieb in der Stadt bleibt, obwohl er am ursprünglichen Standort keine Erweiterungsmöglichkeiten hatte. Und es gibt bereits weitere Anfragen.  

Das heißt, es läuft gut?

Gut? Ich bin regelrecht in Euphorie. Wenn alles so läuft, wie es zurzeit aussieht, werden wir vom letzten Jahr bis Ende nächsten Jahres 150.000 bis 180.000 Quadratmeter Gewerbefläche vermarktet haben. So etwas hatten wir in Selm noch nicht.  

Wie erklären Sie sich diesen guten Lauf?

Wirtschaftsförderung ist in Selm Chefsache. Wenn man Unternehmen, die neue Arbeitsplätze schaffen, hierhin holen will, reicht es nicht hier in der Verwaltung zu sitzen und zu warten bis das Telefon schellt. Da muss man raus und sich kümmern. Ich führe die Verhandlungen persönlich. Hier gibt es dann einen großen runden Tisch mit den Vertretern der Fachabteilungen Liegenschaften, Bauverwaltung, Genehmigungsbehörde und dem Investor. Probleme kommen auf den Tisch, und wir lösen sie.  

Von den Gewerbestandorten rechts und links der Werner Straße zur Freifläche am Kreisverkehr Zeche-Hermann-Wall-Kreisstraße: die Rüschkamp-Fläche. Wie weit sind die Ansiedlungs-Gespräche?

In der finalen Phase. Ich rechne 2018 mit dem Baubeginn. Dann werden dort das neue Autohaus Rüschkamp, eine Tankstelle und ein Burger King entstehen.

Und am bisherigen Standort etwas weiter stadteinwärts?

Dort werden Rewe, Aldi und ein Café entstehen. Auch vor dem Hintergrund, dass gerade in Bork das neue Einzelhandelszentrum fertig geworden ist, werden wir dann eine gute, flächendeckende Versorgungssituation haben.  

Man hört, die Stadt wolle zurzeit auch Häuser erwerben an der Kreisstraße. Stimmt das?

Nein, die Stadtentwicklung Selm GmbH plant den Erwerb einiger Immobilien, von Kreisstraße 68 bis 84: alte Häuser, in denen vielfach die Wohnungen im Obergeschoss leerstehen. Die wollen wir kurzfristig nutzen für die Unterbringung von Flüchtlingen.  

Und langfristig?

Der Straßenzug wird sich verändern. Statt leerstehender Altbauten kann ich mir sehr gut moderne Wohn- und Geschäftshäuser dort vorstellen. Viele bisherige Ladenlokale dort sind für die Bedürfnisse von Geschäftsleuten einfach zu klein und die Bausubstanz ist schlecht.

Lesen Sie auf Seite 2, was Selms Bürgermeister Mario Löhr über die Aktive Mitte, die Veränderungen in Cappenberg und Bork sowie die Lage von Selms Haushaltskasse sagt.

 

Haben Sie keine Sorge, dass sich das Gesicht der Straße zu stark verändern wird?

Nein, das Beispiel der Volksbank zeigt ja gerade sehr schön, wie es gehen kann. Der Neubau an der Kreisstraße ist modern, setzt neue Akzente und fügt sich gleichzeitig ins Gesamtbild hervorragend ein. Wenn der Kreisstraßenumbau abgeschlossen sein wird, wird es viel mehr Aufenthaltsqualität im Zentrum geben. Dabei wird der alte Allee-Charakter wieder aufleben. Ich bin davon überzeugt, dass wir ein neues, attraktives Bild bekommen.  

Und wo parken die Besucher?

Auch wenn einige wegfallen: Es wird ja auch weiter Parkmöglichkeiten geben an der Straße. Außerdem wird ein etwa 3000 Quadratmeter großer Parkplatz im Bereich von Sams Dönerbude gebaut.  

Nicht nur an der Kreisstraße tut sich etwas. In diesem Sommer haben die Bauarbeiten zur Aktiven Mitte begonnen: für den Auenpark am renaturierten Selmer Bach und das Campus-Gelände mit Skateranlage, Freizeit- und Wohnbebauung...

… stimmt, da lassen sich jetzt täglich Veränderungen beobachten.

Was ist aber mit dem ebenfalls dort geplanten Haus der Wirtschaft?

Auch da geht es voran. Mit dem Jobcenter gibt es bereits einen Ankermieter. Ein weiterer ist ebenfalls bereits gefunden und wird demnächst Vorgestellt. Ich gehe davon aus, dass 2018 Baubeginn sein wird. Mitte 2020 wird alles fertig sein.  

Und die sogenannte Stadt am Wasser: die 15 Hektar große Ackerfläche am Bach, die ein Wohngebiet werden soll?

Stimmt, die stand lange nicht so im Fokus wie die anderen Regionale-Projekte. 2019 wird dort der erste Spatenstich erfolgen.  

Gibt es denn Bedarf für neuen Wohnraum?

Und wie. Das belegt ja das große Interesse an den 37 Bauplätzen am Friedhof in Bork. Die Bevölkerungsentwicklung in Selm ist leicht steigend, unabhängig von den Flüchtlingen, die wir zugewiesen bekommen.  

Reicht die Infrastruktur aus?

Bei den Schulen schon. Da haben wir die richtigen Weichen gestellt mit der Verlagerung der Förderschule und dem Ausbau des Schulstandorte in Bork und Selm. Anders im Kitabereich. Da benötigen wir eine weitere Vier-Gruppen-Einrichtung auf dem Gelände der ehemaligen Pestalozzischule.  

Also am Zechenbusch, dort, wo auch Neubauten entstehen sollen. Ist die Überlegung, dafür einen Teil des Waldes zu roden vom Tisch?

Ja. Ende September stellen wir im Bauausschuss die aktuellen Pläne vor.  

Von Selm nach Bork. Dort laufen zurzeit ebenfalls Planungen für die Umgestaltung des Ortszentrums.

Wir wollen noch in diesem Jahr Fördermittel in Höhe von 19,5 Millionen Euro beantragen. Wichtig dabei: Wie wir das Geld einsetzen, ist noch offen. Das entscheiden wir in engen Abstimmungsgesprächen mit den Bürgern. Die Planungen sind auch politisch noch nicht beschlossen.  

Aber die Stadt schafft doch bereits Fakten durch den Kauf von Immobilien.

Wir schaffen keine Fakten, sondern sichern nur Möglichkeiten. Ob diese Häuser dann abgerissen werden, um etwa einen neuen Marktplatz anzulegen oder nicht, ist zurzeit noch völlig offen.  

Dass der alte Marktplatz wegkommt, ist dagegen beschlossene Sache.

Ja, da errichtet die Caritas ein neues Altenwohnhaus. Die Pläne stellt der Verband Ende September vor.

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Zum Schluss ein Blick nach Cappenberg…

Auch dort laufen seit diesem Jahr die Diskussionen über das integrierte Handlungskonzept. Allerdings stehen wir dort zum einen noch ganz am Anfang, zum anderen werden es auch nicht so große Maßnahmen werden wie in Selm und Bork.  

Überall Aufbruchsstimmung. Da vergisst man fast, dass Selm zu den 61 finanziell belasteten Städten gehört, für die das Land 2011 den Stärkungspakt angelegt hat.

Ich vergesse das nicht. Darum ist es ja gerade so wichtig, dass wir so große wirtschaftliche Fortschritte machen: damit wir auch über 2021 hinaus (Anm. d. Red.: dann endet der Stärkungspakt und mit ihm die zusätzliche finanzielle Unterstützung des Landes) unseren Haushalt im Griff haben. Zurzeit ist er ausgeglichen und weist einen Überschuss aus.  

Müssen die Bürger mit noch höheren Grundsteuern rechnen?

Die schmerzhafte Anhebung der Grundsteuer B zu Beginn des Stärkungspakts war unvermeidlich. Dass die Gewerbesteuer 2018 steigen wird, ist längst beschlossen. Aber wenn wir sehen, was uns trotz der schwierigen Ausgangssituation alles gelungen ist, dürfen wir zufrieden sein. Ich bin es.

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