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In Pflegeheimen begleiten Pflegekräfte ihre Bewohner durchs Leben - und im Sterben. Wir haben mit ihnen darüber gesprochen, was das persönlich mit ihnen macht.

Selm

, 20.03.2019 / Lesedauer: 7 min

Der Selmer Hospizverein hat zum Gespräch eingeladen. Gekommen sind Svetlana Schmidtke, die Leiterin der Seniorenresidenz an der Ludgeristraße und Doreen Werner, Leiterin des Altenwohnhauses St. Josef. Svetlana Schmidtke hat auch noch die Palliativkraft Nora Mause mitgebracht. Auch die 1. Vorsitzende des Hospizvereins, Hausärztin Dr. Antje Münzenmaier und der 2. Vorsitzende Dieter Niechcial sowie die Koordinatorin Dorothea Stockmann nehmen an dem Gespräch teil. Im Verlauf des Gesprächs geht es emotional zu, das ein oder andere Mal beginnen die Augen bei den Teilnehmern zu glitzern - noch öfter wird aber auch gemeinsam gelacht.

Frau Schmidtke, Frau Werner, seit wann sind Sie jeweils Altenpflegerin?

Doreen Werner: Seit 1994.
Svetlana Schmidtke: Seit 1999.

Können Sie sich noch daran erinnern, wie es war, als das erste Mal in Ihrer Dienstzeit ein Bewohner verstorben ist?

Werner: An die allererste Situation kann ich mich nicht genau erinnern.
Schmidtke: Doch, ich kann mich daran erinnern. Das war eine extrem pflegebedürftige Frau, die Luise hieß. Sie ist am ersten Weihnachtstag gestorben, im Spätdienst. Es gab nichts, was diese Frau an Krankheiten nicht hatte. Ich weiß noch ganz genau, dass die Bindung mit ihrer Tochter sehr stark war. Wegen des Zustands der Frau war die Tochter schon sehr lange bereit für diesen Augenblick. Sie ist fast täglich gekommen. Als sie am ersten Weihnachtstag für ein paar Stunden weg war, ist es passiert. Es war wirklich schwer.

Sterbebegleitung im Pflegeheim: „Wenn jemand bald stirbt, merkt man das einfach“

Doreen Werner, Nora Mause und Svetlana Schmidtke (v.l.) © Sabine Geschwinder

Man merkt, dass es auch jetzt noch für Sie emotional ist.

Schmidtke: Das merkt man schon alleine dadurch, dass ich noch weiß, dass sie Luise hieß. Ich kann mich an den Nachnamen nicht mehr erinnern. Gott sei Dank, hat es sich so ergeben, dass die Frau in ihrem Zustand nicht mehr ins Krankenhaus musste. Es gab damals noch keine Palliativbewegung.

Hätte man das denn sonst so gemacht?
Schmidtke: Das war schon damals eine grenzwertige Problematik. Die Frage: Werden wir als Altenpfleger für irgendwas beschuldigt? So nach dem Motto ‚Warum haben Sie nicht alles für unsere Angehörige gemacht?“ Oder anders herum: ‚Warum, haben Sie das gemacht? Sie oder er waren doch kaum transportfähig?‘ Und das ist auch eigentlich bis heute so - dieser Ritt auf Messersschneide. Die Person, die entscheidet, das ist die diensthabende Pflegefachkraft. Die ist manchmal für bis zu 44 Bewohner zuständig und muss entscheiden, was jetzt das Richtige ist. Und manchmal ist es doch nicht das Richtige.
Antje Münzenmaier: Das ist eigentlich der Ansatz gewesen, mit Vorsorgevollmacht und Patientenverfügung zu helfen.
Werner: Das erleichtert wirklich vieles, obwohl das am Anfang vielleicht ein bisschen holprig war. Die Patientenverfügungen, die man so bekommen hat, die waren einfach überhaupt nicht aussagekräftig. Das war immer nur an der Oberfläche, ich will dies nicht, ich will das nicht. Es war zu allgemein. Mittlerweile sind die ja schon detaillierter.

Beraten Sie denn auch zum Thema Patientenverfügungen?

Werner: Wir beraten dahingehend, definitiv. Es gibt Veranstaltungen im Haus über Anwälte für Angehörige, die dieses Thema aufgreifen. Aber ich finde, man sollte damit nicht erst im Alter anfangen. Also ich selber habe eine, mein Mann hat eine Vorsorgevollmacht und Patientenverfügung. Ich war bei meinen Eltern auch froh, dass alles geregelt war. Das hat mich erleichtert. Ich als Kind musste bestimmte Entscheidungen nicht treffen, denn die waren durch meine Eltern schon getroffen.
Münzenmaier: Aber es löst nicht alle Probleme. Ich denke, das Wichtigste ist, dass man vorher drüber spricht. Wenn man weiß, was der Wille eines Menschen ist, dann hilft das. Wenn es keine Vorsorgevollmacht oder keine Patientenverfügung gibt, dann geht es ja nach dem mutmaßlichem Willen des Betroffenen. Wenn die Angehörigen sich nicht einig sind, dann ist es natürlich sehr hilfreich, etwas schriftlich zu haben.

Inwieweit hat sich denn die Arbeit mit sterbenden Menschen in Pflegeheimen in den vergangenen Jahren verändert?

Schmidtke: Es gab früher bis vor etwa sieben Jahren viel mehr Menschen, die einen deutlich längeren Aufenthalt in den Pflegeheimen hatten. Es kommen viel mehr Menschen, die schon sehr krank sind.
Werner: Das ist das, was der Gesetzgeber wollte: ambulant vor stationär. Und das merkt man auch. Wenn es zu Hause nicht mehr geht, dann ist der Weg zu uns ganz klar, aber der ist dann viel viel später.

Sterbebegleitung im Pflegeheim: „Wenn jemand bald stirbt, merkt man das einfach“

Die Pflegekräfte mit Dorothea Stockmann, Antje Münzenmaier und Dieter Niechcial (v.l.) vom Hospizverein bei einem Gespräch im vergangenen Jahr © Sabine Geschwinder


Das heißt, Ihre Arbeit verschiebt sich auch etwas. Also, Sie arbeiten mehr mit sterbenskranken Menschen.

Schmidtke: Wir haben vermehrt Bewohner, die weniger Ressourcen haben. Früher war es umgekehrt.
Werner: Die kommen schon mit einem enormen Hilfebedarf mittlerweile.
Wie ist die Kooperation von Ihnen als Pflegeeinrichtung mit dem Hospizverein?
Werner: Da gibt es eine sehr gute Zusammenarbeit, über die wir sehr froh und dankbar sind. Denn Sterbebegleitung ist auch sehr zeitintensiv. Und Angehörige sind nicht immer dazu in der Lage; mental, oder weil sie zu weit weg wohnen. Aus dem laufenden Betrieb jemanden 24 Stunden dafür abzustellen, ist schwierig. Deshalb sind wir sehr dankbar, dass wir da Unterstützung haben.

Und wie sieht die Arbeit dann konkret aus?

Dorothea Stockmann: Das kommt ganz darauf an, wie es den Sterbenden geht. Wir nehmen Kontakt auf, fragen nach der jetzigen Situation und danach, was wirklich auch gewünscht ist. Und suchen dann einen Ehrenamtlichen, der diese Begleitung übernimmt. Das kann sein, dass der dann die Zeitung vorliest, am Bett sitzt. Es kann aber auch sein, dass wir die Angehörigen mehr in den Blick nehmen.

Ab wann beginnt denn der Zeitpunkt, wenn man sagt, man begleitet jemanden nicht mehr durch das Leben, sondern man begleitet ihn im Sterben?

Nora Mause: Ich finde, das ist immer so ein Übergang.
Werner: Das spürt man einfach.
Mause: Genau, das merkt man. Man merkt das an den Bewohnern, am Verhalten. Dafür braucht man ein bisschen Mensch-Gefühl. Die Menschen hören auf zu essen oder zu trinken. Manche werden ganz unruhig, manche werden ganz liebevoll, manche fangen an, ganz viel Nähe zu suchen. Es ist ganz unterschiedlich. Je nachdem, wie die Bewohner sind. Angehörige deuten das falsch, sie versuchen dann den Bewohner zu füttern und stopfen ihn mit Essen voll und dann ist das unsere Arbeit ihnen schonend beizubringen, dass das nichts bringt.
Münzenmaier: Essen und Trinken hält die Seele zusammen, das ist man so gewohnt.
Mause: Genau, manche Leute kommen dann sogar mit Hühnersuppe an oder Hippgläschen. Die Leute haben Angst, dass ihr Angehöriger verhungert oder verdurstet. Aufklärung für die Angehörigen ist ein unheimlich großes Thema. Es gibt da wirklich eine Kontrast zwischen den Sterbenden und den Angehörigen.

Wie ist es denn für die Sterbenden?

Mause: Wir hatten jetzt gerade eine Bewohnerin, mit ihr habe ich lange gesprochen und sie sagte: ‚Ich glaube, ich sterbe‘. Und ich habe sie dann gefragt: Haben Sie Angst? Und sie sagte: Noch nicht. Und dann habe ich mit ihr die Vereinbarung getroffen, wenn Sie Angst haben und nicht mehr antworten können, dann drücken Sie einfach die Hand ganz fest. Dann machen wir ein Signal. Das war für sie unheimlich beruhigend, auch, wenn es dann nachher nicht mehr geklappt hat. Die Angehörigen sind sehr unterschiedlich. Manche sind stark eingebunden und manche rufen nur an und wollen wissen, ob die Person noch lebt.

Gibt es für die Mitarbeiter denn spezielle Schulungen, wie sie leichter in schwierigen Situationen zu einer Entscheidung zu kommen?

Schmidtke: Also der Umgang mit Grenzsituationen ist etwas, was man als Fachkraft in der Ausbildung lernt. Schulungen, die mit Palliativsituationen zu tun haben, laufen jährlich. Dazu sind wir verpflichtet. Wir würden es auch ohne Verpflichtung machen. Aber meine persönliche Meinung ist, dieses Gefühl, ‚tu ich jetzt das Richtige‘, das kann man nicht lernen. Kein Professor dieser Welt kann einem das beibringen. Das macht für mich auch den hohen Stellenwert einer Altenpflegefachkraft aus, dass sie am Ende des Tages mit ihrer Entscheidung einschlafen muss.

Sterbebegleitung im Pflegeheim: „Wenn jemand bald stirbt, merkt man das einfach“

Doreen Werner, Nora Mause und Svetlana Schmidtke (v.l.) © Sabine Geschwinder

Gibt es denn etwas - abgesehen von mehr Personal - was die Politik in diesem Bereich tun könnte?

Werner: Wir sind sehr froh, dass wir durch den Hospizdienst begleitet werden. Aber nichtsdestotrotz, ist es viel, was die Mitarbeiter leisten und Sterbebegleitung ist etwas, was man on top macht. Es wäre schön, wenn es eine Vergütung dafür gäbe, die an den Mitarbeiter oder das Team weitergegeben würde. Von uns wird viel erwartet und viel gesetzlich festgelegt, es wird immer mehr auf die Schultern der stationären Einrichtungen gepackt.
Münzenmaier: Die Bezahlung ist grottenschlecht für das, was die Pflegekräfte leisten.
Mause: Ich finde auch, die Gesellschaft weiß gar nicht, was wir leisten. Altenpflege wird immer als negativ empfunden. Weiß die Gesellschaft eigentlich, dass wir Sterbebegleitung leisten?
Schmidtke: Ich weiß noch etwas, was die Politik ändern könnte. Im Gesetz steht, dass es in jeder Einrichtung mindestens eine Palliativfachkraft geben muss, die Politik könnte die finanziellen Mittel dafür bereit stellen. Wir müssen das selbst bezahlen.

Wie ist es denn, wenn der Bewohner verstorben ist. Wie viel Kontakt gibt es dann mit den Angehörigen? Und wie ist das für die anderen Bewohner?

Werner: Wir haben so ein Buch, wo ein Foto des verstorben Bewohners eingeklebt wird. Wenn es geht, kann man einen anderen Bewohner auch mitnehmen zur Beisetzung. Was die Angehörigen angeht, haben wir auch viele Ehrenamtliche gewonnen, die früher einen Angehörigen bei uns hatten.
Mause: Ein Buch haben wir auch. Wir haben auch eine Regelung, dass mindestens ein Mitarbeiter den Verstorbenen nach Draußen zum Leichenwagen begleitet. Wir haben gerade angefangen, dass wir die Bewohner herrichten. Wir legen sie auf Samttücher und je nachdem, was die Bewohner mochten, legen wir Sternchen oder Muscheln dazu. Wir richten sie her, um ihnen Würde zu geben. Wir hätten auch gern ein Trauercafé, mit dem wir die Angehörigen alle drei Monate zum gemeinsamen Trauern einladen können. Um zu erfahren, wie ging es ihnen danach, wie ging es weiter?
Schmidtke: Und einer der Pflegekräfte geht immer zur Beerdigung.
Werner: Am Ende des Jahres machen wir einen ökumenischen Trauergottesdienst und dazu laden wir alle Angehörigen ein. Jeder Bewohner wird erwähnt, es wird eine Kerze und eine Rose hingelegt und wir gehen hinterher ins Gespräch mit den Angehörigen.

Wie hat Ihre Arbeit Ihre persönliche Sicht auf das Thema Tod und Sterben geprägt?

Schmidtke: Diese Frage hat sich für mich noch nie gestellt. Wenn man für diesen Beruf geeignet ist, dann ändert das nichts. Ich würde nicht sagen, dass mich das sensibler gemacht hat, oder härter. Manche Leute denken ja, man ist abgehärtet. Um Gottes Willen. Ich weine auch als Heimleitung. Ich habe nicht das Gefühl, dass sich irgendwas geändert hat.
Werner: Ich weiß auch nicht, ob ich sagen kann, ich kann da heute besser mit umgehen als am Anfang. Es berührt mich immer noch. Egal wie alt der Bewohner war, egal wie gut ich ihn kannte oder wie krank er war.
Mause: Härter wird man nicht.
Schmidtke: Mir ist vor sechs bis sieben Jahren aufgefallen. Zu 90 Prozent verabschiede ich mich immer von den verstorbenen Bewohnern. Ich widme dem Bewohner immer ein paar Sekunden. Mir ist es einmal passiert, dass ich mich von einem Menschen verabschiedet habe, ihn berührt habe und dann kam ich aus dem Zimmer raus, noch ganz in Gedanken und ein anderer Bewohner kam mir total fröhlich entgegen und meinte: ‚Ah Chefin, erzähl mir mal nen Witz‘. Und dann musste ich zehn Sekunden später mit dem Anderen lachen.
Werner: Aber genau das ist unser Alltag. Das Leben geht weiter.

DIE SERIE

Der letzte Weg: Sterben und Tod

Mit unserer Serie „Der letzte Weg: Sterben und Tod“ wollen wir das Thema Tod aus der Tabuzone holen. Denn Sterben gehört zum Leben dazu. Grund genug, darüber offen zu sprechen.
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