ÖPNV-Anbindung

Suche nach einer Ausbildungsstelle in Selm ist ohne Auto schwierig

Wer einen Ausbildungsplatz sucht, muss schauen, wie er zu seiner Arbeitsstelle kommt. Ist kein Auto greifbar oder der Weg per Rad zu weit, wäre eine Busverbindung hilfreich. Das klappt in Selm nicht immer.

Im Gewerbegebiet an der Werner Straße in Selm haben sich mittlerweile viele Unternehmen angesiedelt. Weitere werden folgen. Gut für die Wirtschaft. Das schafft Arbeitsplätze. Im Idealfall auch Ausbildungsplätze. Aber es ist offenbar so, dass die nicht einfach zu besetzen sind. Einer der Gründe könnte in einem ganz speziellen Punkt liegen.

Die Agentur für Arbeit und das Jobcenter legen jungen Menschen neben Motivation und Einsatzbereitschaft ans Herz, einen Ausbildungsplatz zu wählen, der nicht direkt vor der eigenen Haustür beziehungsweise in der eigenen Stadt liegt. Das hat Roland Froch, Teamleiter im für Selm zuständigen Arbeitgeberservice der Arbeitsagentur, gegenüber der Redaktion gesagt. Flexibel zu sein, sei eine der Tugenden, mit denen junge Menschen punkten können, die nach einer Ausbildungsstelle suchen.

Flexibilität hat Grenzen

Flexibel sein zu wollen oder müssen, bringt aber offenbar nicht wenige dieser motivierten, einsatzbereiten jungen Menschen an ihre Grenzen. Flexibel zu sein, bedeutet, mobil zu sein. Was ist aber, wenn kein Führerschein, kein Auto oder Moped zur Verfügung steht. Oder wenn der Weg zur Arbeit mit dem Fahrrad zu weit ist?

„Dann sagen uns Bewerber ab“, sagt Peter Mennes, Geschäftsführer der Mennes GmbH, Spezialist für Glas- und Kunststofftechnik mit Sitz an der Schachtstraße im Gewerbegebiet Selm. Alternativen zu Auto, Moped und Rad seien schlicht nicht vorhanden, wenn es darum geht, das Gewerbegebiet Werner Straße zu erreichen. „Wir haben unglaublich viele Bewerber gehabt, die gerade in der Mobilität ein riesiges Problem gesehen haben“, führt Mennes aus. Bewerber aus Kamen, Bergkamen oder auch Werne hätten signalisiert, dass sie an einem Ausbildungsplatz bei Mennes interessiert seien, hätten aber keinen Führerschein gehabt und seien deshalb auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen.

Ausschlusskriterium

„Das war dann ein Ausschlusskriterium, weil die dann irgendwo über Lünen hierhin oder mit dem Zug nach Selm-Beifang kommen müssen. Wir haben schon angeboten, dort – am Bahnhof Beifang – ein Fahrrad zur Verfügung zu stellen.“ Doch Letzteres habe nicht gefruchtet, auch, weil Bewerber es abgelehnt hätten, bei Wind und Wetter mit dem Rad vom Bahnhof Beifang zum Gewerbegebiet an der Werner Straße zu fahren.

Gleichwohl müssten alle Beteiligten nach Lösungen für dieses Anbindungsproblem suchen, sagt Roland Froch. Elektroroller für Mitarbeiter sei eine der Ideen dazu.

Alternativen zum Auto: Eines der Themen, das Mario Löhr in seiner Zeit als Bürgermeister der Stadt Selm als zukunftsorientiert angesehen hat. „Wir müssen den ÖPNV in die Fläche bekommen“, hat er einst gesagt. Jetzt ist er Landrat des Kreises Unna, hat also den Blick auch auf die Kommunen rund um Selm.

Tangenzialverbindung Selm-Werne wichtig

In einem Gespräch, das Mario Löhr jüngst mit der Selmer Kreistagsabgeordneten Bettina Schwab-Losbrodt geführt hat, haben beide laut einer Pressemitteilung betont, dass „auch die Tangenzialverbindung Selm-Werne“ wichtig sei. Mario Löhr wird in der Pressemitteilung so zitiert: „Insbesondere für die Berufsschülerinnen und Berufsschüler ohne Führerschein ist der Ausbau von alternativen Verkehrssystemen immens wichtig und ein deutliches Statement gegen den Führerschein und ein eigenes Auto“.

Gibt es denkbare Möglichkeiten, um Ausbildungswilligen und Betrieben zu helfen, zueinander zu kommen? Wir haben beim Landrat angefragt.

Sind Ihnen die Probleme mit der mangelnden ÖPNV-Anbindung des Gewerbegebiets Werner Straße, wie sie der Chef der Mennes GmbH der Redaktion gegenüber geäußert hat, bekannt? Das war eine der Fragen an Mario Löhr.

„Grundsätzlich ist die Anbindung von Gewerbegebieten wegen der unterschiedlichen Anforderungen zum Beispiel bei den Betriebszeiten schwer mit ÖPNV zu versorgen“, lässt der Landrat über die Pressestelle des Kreises Unna mitteilen. „Insbesondere der Einsatz von Bussen ist in diesem Zusammenhang meist unwirtschaftlich. Da macht das Gewerbegebiet Werner Straße keine Ausnahme. Aktuell werden die Bedarfe in der einzelnen Gewerbegebieten neu erfasst.“

Zählt die fehlende Direktverbindung zwischen Werne und dem Gewerbegebiet Werner Straße in Selm zu den weißen ÖPNV-Flecken, die etwa mit der Mobilitätsstrategie „Flexibel unterwegs im Kreis Unna“ ausradiert werden sollen?

Die Antwort Mario Löhrs: „Ja, wenngleich die Lösung nicht zwangsläufig auf die Schaffung einer Buslinie hinauslaufen muss. ,Flexibel im Kreis Unna‘ setzt ja gerade auf unterschiedliche Verkehrsträger und Einsatzmöglichkeiten, je nach Nachfrage und Rahmenbedingungen.“

Gibt es möglicherweise bereits konkrete Gespräche mit Verkehrsverbünden oder -unternehmen, um eine direkte ÖPNV-Verbindung zwischen Werne und Selm (inklusive Gewerbegebiet Werner Straße) zu schaffen? „Für das Berufskolleg in Werne ist eine Tangenzialverbindung mit Bussen bereits geschaffen worden“, heißt es vom Kreis Unna. Dabei werden an Schultagen eine Anfahrt und zwei Rückfahrten angeboten. Eine tägliche Anbindung des Gewerbegebietes sei von den Gegebenheiten (Zeiten, Häufigkeit, Auslastung) abhängig.

Welche Hindernisse gibt es, die überwunden werden müssen, um eine solche Direktverbindung zu schaffen? Zunächst müsse der Bedarf geklärt sein, und damit auch die Wirtschaftlichkeit und gegebenenfalls die Kosten für die öffentlichen Hand, die die Defizitabdeckung zu tragen habe, lautet die Antwort aus der Kreis-Pressestelle.

Neue Radstation als Ankerpunkt?

Gibt es schon Gespräche über „alternative Verkehrssysteme“? Welche Systeme könnten das sein? „Es gibt in diesen Zusammenhängen eine ganze Palette von Alternativen, die jeweils auf die örtlichen Gegebenheiten anzupassen sind“, so die Mitteilung des Kreises. „Darunter fallen organisierte Fahrgemeinschaften mit anderen Betriebsangehörigen oder auch Radpendelverkehre von den jeweiligen letzten Haltepunkten von Bahn oder Bus (mit modernen Pedelecs beispielsweise). Die neue Radstation in Selm kann ein solcher Ankerpunkt für einen Radpendelverkehr mit dem eigenen Rad, mit Leih- oder Betriebsrädern sein.“

Ist da auch die Selmer Politik in die Diskussion eingebunden? Wenn ja, wie? „Die Stadt Selm ist im Juli gebeten worden, bei den örtlichen Unternehmen einzelne Bedarfe abzufragen“, antwortet die Pressestelle. Ein Ergebnis auf dessen Grundlage eine konkrete Diskussion über Lösungsmöglichkeiten und deren Kosten stattfinden kann liege aktuell noch nicht vor.

Über den Autor
Redaktion Selm
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Arndt Brede

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