Unwetter in Selm: Innerhalb von wenigen Stunden gingen 123 Notrufe ein

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Was für ein Unwetter! So schlimm wie am Sonntag hat es Selm seit 20 Jahren nicht getroffen. Hunderte Keller standen plötzlich unter Wasser. Ausnahmezustand für Feuerwehr und Wetterdienst.

Selm

, 10.08.2020, 18:45 Uhr / Lesedauer: 2 min

Dass dieser Sonntag (9. 8.) ungemütlich werden würde, ahnte Thomas Isermann seit mittags. Da war erstmals von einem Sommergewitter die Rede, Später von schweren Gewittern. Dann auch von Starkregen. Zwischen 17 und 18 Uhr gab der Deutsche Wetterdienst die höchste mögliche Warnstufe für Selm aus. Da goss es allerdings bereits in Strömen und wollte gar nicht mehr aufhören.

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Wolkenbruch in Selm

Malte Witt hatte am Sonntag keinen Dienst. Er ist beim Deutschen Wetterdienst (DWD) zuständig für Vorhersage und Warndienste. Tatsächlich, sagt er am Montag, sei die Warnung des Deutschen Wetterdienstes „sehr nah an der Lage dran“ erfolgt. Fast in Echtzeit. Da sei nichts verschlafen worden. Das Gewitter habe eine besondere Dynamik gezeigt.

In zwei Stunden ist ein Zehntel des Jahresniederschlags gefallen

„Das Gewitter hat sich kaum vom Fleck bewegt.“ Der dafür nötige Luftstrom in der Höhe sei ausgeblieben. Und so goss es aus Strömen immer auf die gleiche Stelle: auf Selm. In Olfen und Werne habe es auch geregnet, aber schon deutlich weniger. In Lünen nur etwas, In Dortmund gar nicht.

Witt kann für den Non-stop-Wolkenbruch einen schmalen Streifen in Nord-Süd-Richtung ausmachen: gerade einmal 15 bis 20 Kilometer breit. Darin liegen Selm, aber auch Hamm und Beckum.

123 Einsätze hatte die Feuerwehr am Sonntagabend in Selm.

123 Einsätze hatte die Feuerwehr am Sonntagabend in Selm. © Bußmann

„Da kam jede Menge runter“ - in Selm innerhalb von zwei Stunden ein Zehntel des gesamten Jahresniederschlags. „Dass da die Kanalisation nicht mitspielt“ sagt der Wetter-Experte, kann ich verstehen. Für solche Mengen seien die Rohre nicht ausgelegt. Und der knochentrockene Boden auch nicht.

Technische Störung an zwei Pumpen

„Das ist so wie bei einem trockenen Schwamm“, erklärt der Wetter-Mann. Der könne auch nicht viel Wasser aufnehmen, anders als ein feuchter Schwamm. Anstatt in die Erde einzusickern und die vorm Verdursten stehenden Pflanzen zu retten, flossen die Wassermassen ungenutzt davon - in die Kanalisation. Thomas Isermann ist Augenzeuge von dem, das dann passierte: er und 126 andere Einsatzkräfte der Feuerwehr, darunter auch 36 aus Lünen, sowie Kollegen des DRK.

„Die Kanalisation war voll. Da ging nichts mehr.“ Es kam zu einem Rückstau. Anstatt in Richtung Klärwerk zu fließen drückte das Wasser aus den Abflüssen wieder nach oben - in die Kellerräume. Die Folge: eine Überschwemmung, wie Isermann sie zuletzt Allerheiligen 1998 in Selm erlebt hatte.

Die Tatsache, dass zwei fest verbaute Pumpen der Stadtwerke - eine davon am Ternscher See - am Sonntag ausfielen, machte die Sache nicht leichter. „Eine technische Störung durch das Gewitter“, sagt Stadtsprecher Malte Woesmann. Sie sei aber schnell behoben worden.

Pumpeneinsatz nur ab 15 Zentimeter Wasser

123 Menschen wählten den Notruf, als das Wasser nicht aufhörte zu steigen. „Zwischen 10 bis 15 Zentimetern und 1 Meter.“ So hoch habe das Wasser gestanden in den einzelnen Kellern. Die Höhe war aber nicht entscheidend für die Reihenfolge, nach der die Feuerwehr die Einsätze abarbeitete.

„Wir haben eine Prioritätenliste“, sagt Isermann. Pflegeeinrichtungen etwa stünden ganz oben. Er macht keinen Hehl daraus, „dass die Leute mitunter zwei bis drei Stunden warten mussten, bis wir kamen“. Und nur da, wo das Wasser tatsächlich mehr als 15 Zentimeter hoch stand, konnten er und seine Kameraden helfen. Sonst könnten die Pumpen nicht loslegen. „Und mit dem Wischmob arbeiten wir nicht.“

Kompliment an Bürger und Kameraden

Ein großes Kompliment macht der Feuerwehrchef allen Bürgerinnen und Bürgern, die sich untereinander unterstützt hätten. Die Nachbarschaftshilfe sei groß gewesen. „Viele haben auch darauf verzichtet, uns zu rufen und selbst gepumpt.“

Ein weiteres großes Dankeschön sagt Isermann seinen Kollegen von der Freiwilligen Feuerwehr. „Viele von ihnen hatten selbst nasse Keller.“ Dennoch hätten sie sich erst in den Dienst der Allgemeinheit gestellt.

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