Vier Häuser mit Gärten zum Hof und Tiefgarage: Das soll der Lutherschule folgen

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„Hässlicher Klotz.“ So nannten Anwohner und Politiker das, was die Wohnungsbaugesellschaft UKBS ursprünglich auf dem Gelände der Lutherschule bauen wollte. Jetzt gibt es einen neuen Entwurf.

Selm

, 14.01.2019, 05:35 Uhr / Lesedauer: 4 min

Der Protest aus dem Sommer hallt noch immer nach. Als die Anwohner der Lutherschule damals erfahren hatten, dass die Unnaer Kreis-, Bau- und Siedlungsgesellschaft das mehr als 100 Jahre alte Schulgebäude entgegen aller vorherigen Pläne doch abreißen will, haben sie es zum Schluss erfahren. Ein Fehler, wie Bürgermeister Mario Löhr während der letzten Ratssitzung des Jahres, kurz vor Weihnachten, eingestanden hatte. Das wolle die Stadt künftig besser machen. Am Donnerstagabend gab es Gelegenheit dazu.

Anwohner erhalten Einblick vor den Politikern

Was die Mitglieder des Ausschusses für Stadtentwicklung erst Ende des Monats sehen werden, haben Anwohner der klaffenden Leerstelle zwischen Lutherweg, Schulstraße und Körnerstraße, auf der bis Ende September die Lutherschule stand, bereits jetzt zu Gesicht bekommen: den Entwurf für die geplante Wohnbebauung. Genau genommen: den neuen Entwurf. Denn die erste Fassung, die die UKBS gleich mit Bekanntwerden ihrer Abrisspläne vorgestellt hatte, war durchgefallen: bei Politikern und Anwohnern. Die beiden Gebäudekörper seien „zu groß und mächtig“ und in der Gesamtwahrnehmung ein „hässlicher Klotz“, war von mehreren Seiten zu hören. Matthias Fischer, der Geschäftsführer der UKBS, hatte den Auftrag erhalten, umzuplanen. Das um rund 700 Quadratmeter Wohnfläche verschlankte Ergebnis stellten er und Architekt Axel Knappstein im Borker Amtshaus vor - vor zehn Anwohnern. Deren Urteil fiel positiv aus.

Erinnerung an die alte Schule

„Das sieht richtig gut aus“, sagte eine Anwohnerin. „Ich habe 60 Jahre lang auf die Schule geschaut. Und das, was ich hier auf den Entwurfsskizzen sehe, erinnert mich doch sehr daran“: klare Fassaden mit vielen Fenstern. Der Planer sprach von einer „Lochfassade mit stehenden Rechtecken“ und fühlte sich von der Anwohnerin auf Anhieb richtig verstanden. Tatsächlich wollten er und seine Kollegen von den beiden Dortmunder Architekturbüros Assmann und Soll/Sasse an die alte Schule erinnern, „nur deutlich kleiner“.

Axel Knappstein präsentierte mehrere Zeichnungen und Animationen der Wohnanlage: Bilder, die aber noch nicht zur Veröffentlichung freigegeben seien, wie Bürgermeister Löhr betonte. Das dürfe erst nach der Sondersitzung des Fachausschusses am Donnerstag, 31. Januar, 17 Uhr, im Feuerwehrgerätehaus Selm, Auf der Geist 2, erfolgen. Die Präsentation der Pläne am Donnerstag sollte hinter verschlossenen Türen stattfinden. Damit waren Anwohner aber nicht einverstanden und hatten die RN informiert.

Was typisch für das Selmer Stadtbild ist

Laubengänge, wie der erste Entwurf sie noch vorsah - also offene Erschließungen der einzelnen Wohnungen in den Obergeschossen - gibt es nicht mehr „Das passt einfach nicht hier hin“, so Knappstein. Genauso wenig wie Balkone zur Straßenseite. Oder wie bodentiefe Fensterfronten und schwarze Klinkerfassaden. Typisch und daher identitätsstiftend für das Selmer Stadtbild seien dagegen bei all der Verschiedenartigkeit der verwendeten Baumaterialien „traufständige Häuser mit sogenannten Zwerchhäusern“. Das sind zum eigentlichen Hauptdach aufgeschobene Dachaufbauten, Gauben nicht unähnlich. Die finden sich auch auf den geplanten Satteldächern der einzelnen Gebäude. Die Häuser sollen sich etwa einen Meter mit dem Souterrain-Geschoss aus dem Boden recken, darüber sind zwei Vollgeschosse und das Dachgeschoss geplant. Auch zum Hof hin sieht der Entwurf keine Balkone vor, „damit die nicht alles verschatten“, sondern Loggien: Wohnräume, die sich im Sommer komplett öffnen lassen.

Mietpreis könnte doch noch höher ausfallen

Knappstein wünscht sich eine rote Klinkerfassade. Die käme auch bei den Anwohnern am besten an. UKBS-Geschäftsführer Fischer wollte sich da aber noch nicht festlegen. Das müsse erst durchgerechnet werden. Offen ist auch noch die Größe und damit die Zahl der Wohnungen: zwischen 24 und 30. „Es gibt auch einen wachsenden Bedarf an kleinen Wohnungen“, bestätigte Löhr. Auch in einem anderen Punkt, der am Donnerstagabend nicht Thema war wollte sich der UKBS-Chef nicht festlegen lassen: beim Mietpreis. Auf RN-Anfragen im Sommer, Herbst und Winter hatte er stets gesagt, dass es bei 7,50 Euro pro Quadratmeter bleibe. „Das will ich heute nicht ausschließen, will es aber auch nicht unterschreiben“, sagte er am Freitag auf RN-Anfrage. Die Baukosten hätten in den vergangenen Monaten extrem angezogen.

Nachbarn sorgen sich um Risse im Haus

Egal, wie viele Mieter in das Luther-Quartier, wie Knappstein es genannt hat, einziehen werden. Sie brauchen Parkplätze. „Für den kompletten ruhenden Verkehr wird es eine Tiefgarage geben“, so der Architekt und erntete damit zunächst Protest bei einigen Anwohnern. Sie machen sich Sorgen um die Standfestigkeit ihrer teilweise mehr als 100 Jahre alten Häuser, wenn direkt nebenan tief gegraben wird. Da sei nichts zu befürchten, entgegnete Knappstein. „Das ist baulich leicht umzusetzen“ - ohne die befürchteten Erschütterungen. Die gab es beim Abbruch der Lutherschule - und sie haben Spuren hinterlassen: Risse in den Wänden, wo vorher keine waren. Mit dem Ehepaar, das das beklagte, wird es in zwei Wochen - also noch vor der Sondersitzung mit dem Ausschuss - einen Ortstermin geben. „Wir werde uns das gemeinsam anschauen und eine Lösung finden“, so Löhr.

Lieber vier statt drei Gebäude

Für die Sorge eines anderen Anwohners gibt es jetzt schon eine Lösung. Knappstein und seine Kollegen hatten zunächst drei Gebäude vorgesehen: zwei kleinere, die L-förmig zum Lutherweg und zur Schulstraße stehen und ein größeres zur Körnerstraße. Die Einfahrt zur Tiefgarage war zwischen diesem Gebäude und der einstigen Schulmauer, die erhalten wird, vorgesehen. Das Öffnen und Schließen des Tores werde eine akustische Belästigung werden, meinte der direkte Nachbar: eine Sorge, die inzwischen genommen zu sein scheint. Die Stadtverwaltung hatte die UKBS gebeten, statt des einen großen Gebäudes an der Körnerstraße zwei kleinere zu planen: mit der Tiefgaragenzufahrt in der Mitte. Das kam in der Runde auch aus optischen Gründen besser an. „Das ist aufgelockerter“, meinte eine Frau.

Architekt Knappstein machte keinen Hehl daraus, dass ihm drei statt vier Gebäude besser gefielen, „aber da richten wir uns natürlich nach ihren Wünschen“, sagte er. Hauptsache, der grüne Innenhof - eine „halböffentliche Fläche mit gepflasterten Wegen und Mietergärten, die von Hecken eingefasst werden“ - bleibe weiter erhalten. Ebenso wichtiger Bestandteil des Quartiers sei ein öffentlicher Treff nicht nur für Mieter der Mehrgenerationen-Wohnanlage, sondern auch für Nachbarn.

Verkehrsfluss während der mehr als einjährigen Bauzeit

Wann aus den Plänen Wirklichkeit wird? „Wir möchten noch in diesem Jahr beginnen“, so Fischer. Maximale Bauzeit: 18 Monate. Woher die Baumaschinen zur künftigen Großbaustelle fahren werden, steht schon fest: über Sandforter Weg und Lange Straße.

Kampf für Bürgerrechte geht weiter

Angesichts der ehemaligen Lutherschule geht der Blick aber nicht nur nach vorne. Das wollen Wilhelm Gryzcan-Wiese und seine Mitstreiterinnen Marion Küpper, Natalie Stefanski, die Initiatoren des Bürgerentscheids gegen den Abriss der Lutherschule, nicht zulassen. Dass der Rat einem Abriss der Schule zugestimmt hatte, obwohl die am Ende erfolgreiche Unterschriftensammlung dagegen noch lief, lässt ihnen keine Ruhe. „Da wurden Bürgerrechte mit Füßen getreten“, so Gryzcan-Wiese. Zwar sei die Lutherschule unwiederbringlich verschwunden, aber es gehe darum, „neue Rechtsgrundlagen zu schaffen, wie zukünftig mit Bürgerinteressen umzugehen ist“. Dafür sei eine gerichtliche Entscheidung nötig - insbesondere, nachdem der Kreis als übergeordnete Behörde keinen Rechtsverstoß der Stadt Selm festgestellt hatte. Gryzcan-Wiese, Küpper und Stefanki hoffen bei dem Rechtsstreit auf finanzielle Unterstützung aus der Bevölkerung. Spendendosen stehen bei Krevert, an der Lottostelle Ludgeristraße, im Buchladen am Markt, und in der Bäckerei in Bork.

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Das Grundstück ist leer: Nicht nur die Lutherschule ist verschwunden, sondern auch der Bauschutt, der von ihr übrig geblieben war. Dennoch will die Initiative für den Erhalt nicht aufgeben.

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