Waffelino-Prozess: 32-Jähriger muss sich wegen 19-fachen versuchten Mordes verantworten

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Erst hatte er sich als Opfer des Brandanschlags bedauern lassen. Jetzt steht der Lebensgefährte der Betreiberin des ehemaligen Cafés Waffelino als mutmaßlicher Täter selbst vor Gericht.

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, 23.01.2019 / Lesedauer: 3 min

Besonders schwere Brandstiftung, gefährliche Körperverletzung und 19-facher versuchter Mord: Das könnte eine der schwerwiegendsten Anklagen sein, denen sich ein Selmer in jüngster Vergangenheit stellen musste. Hamza K. muss sich deswegen ab dem 29. Januar vor dem Dortmunder Landgericht verantworten. Der 32-Jährige ist Selmer, obwohl auf der aktuellen Terminliste der nächsten Strafkammersitzungen ein anderer Wohnort steht: Justizvollzugsanstalt Hamm.

Seit mehr als einem Jahr in Haft

Kurz vor Weihnachten 2017 hatte sich der junge Familienvater am Flughafen der Polizei gestellt - nach mehrmonatiger Flucht mit seiner Lebensgefährtin und dem einjährigen Sohn. Er kam sofort ins Gefängnis – nicht wegen des Feuers im Café Waffelino an der Kreisstraße, sondern wegen anderer Delikte quer durch das Strafgesetzbuch: Verstoß gegen Bewährungsauflagen, Betrug im Zusammenhang mit dem Verkauf einer Wohnung, uneidliche Falschaussage, Beleidigung, unerlaubtes Entfernen vom Unfallort. Diese Taten hat er inzwischen abgesessen. Jetzt folgt ab der nächsten Woche die Verhandlung, an deren Ende er für viele Jahre im Gefängnis bleiben könnte.

Brandbeschleuniger im Einsatz

Dr. Thomas Jungkamp, Richter am Landgericht und Dezernent für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, skizziert knapp den Tatvorwurf. Hamza K. soll sich am 5. August 2017 gegen 1 Uhr zum Café im Erdgeschoss eines Mehrfamilienhauses begeben haben. „Hier soll der Angeklagte unter Zuhilfenahme von Brandbeschleuniger in einem Abstellraum einen Brand gelegt haben.“ Das Feuer hat das nur zwei Monate zuvor eröffnete Café seiner Lebensgefährtin nahezu vollständig ausgebrannt. Es hätte leicht von dem Ladenlokal auf das Obergeschoss und das Hinterhaus übergreifen können, so der Vorwurf.

19 Bewohner erlitten Rauchverletzungen

Die Tötung der zur Nachtzeit „vollkommen arg- und wehrlosen Bewohner“ habe der Angeklagte „jedenfalls billigend in Kauf genommen“. Dass keiner der Bewohner tatsächlich starb, sei lediglich „glücklichen Umständen“ zu verdanken. Allerdings: 19 Bewohner haben sich Rauchverletzungen zugezogen.

Angeklagter soll es auf die Versicherung abgesehen haben

Das Motiv: Hamza K. habe laut Gerichtssprecher „betrügerisch beabsichtigt (...), finanzielle Mittel von der Brandschutzversicherung“ zu erhalten. Auch wenn der Waffelino-Brand im Mittelpunkt des Verfahrens steht, es ist nicht das einzige Delikt, das die Staatsanwaltschaft dem Selmer vorwirft. In dem am 29. Januar beginnenden Prozess geht es auch um „zwei gewerbsmäßige Betrugstaten“ und um „einem Raub in Tateinheit mit Körperverletzung“. Als weitere Verhandlungstermine sind der 5. und 6. Februar bereits festgelegt, weitere Termine könnten folgen.

Hamza K. stellte sich im Interview als Opfer dar

Habgier, Heimtücke und der Einsatz gemeingefährlicher Mittel gelten als Mordmerkmale: Anlass für Staatsanwalt Felix Giesenregen, in seiner Anklageschrift von Mordversuch auszugehen. Dazu könnte auch noch besondere Dreistigkeit kommen, wenn sich die Vorwürfe vor Gericht erhärten.

„Wir haben alles verloren.“ Und das schon zum zweiten Mal. Das hatte der Angeklagte kurz nach dem verheerenden Brand in einem Interview den RN gesagt. Bereits im Oktober 2016 hätten er und seine Frau bei einem Kellerbrand in ihrem Wohnhaus Hab und Gut verloren, teilte er mit. Jetzt der zweite vermeintliche Schicksalsschlag. Spontan hatten Menschen auf Facebook daraufhin eine Spendenaktion für die kleine Familie ins Leben gerufen. So weit, dass die Spenden überreicht wurden, kam es aber nicht. Denn nur wenige Tage später hatten sich Hamza K, seine Lebensgefährtin und das Baby nach Bulgarien abgesetzt.

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