Vielleicht wird Selm einmal „die Stadt mit dem Barbarossakopf“ heißen. So wünschen es sich alle, die das Jubiläumsjahr 2022 vorbereiten. Aber war der Kaiser mit dem roten Bart je in Selm?

Cappenberg

, 25.09.2019, 19:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Zwei außergewöhnliche Ereignisse prägen das Jahr 2022. Beide haben die deutsche Geschichte verändert, und beide prägen Cappenberg bis heute.

Gottfried von Cappenberg, der letzte Spross eines der mächtigsten und wohlhabendsten Adelsgeschlechtern des Hochmittelalters, bricht radikal mit seinem bisherigen Leben. Er verzichtet auf Familienfreuden, Reichtum und Kriegsglück und macht den Familiensitz auf den Cappenberger Höhen zum Kloster – im selben Jahr, in dem Kaiser Barbarossa geboren und getauft wird. Dessen Taufpate: Gottfrieds ebenfalls geläuterte Bruder: Otto von Cappenberg.

War Kaiser Barbarossa je in Cappenberg? Knut Görich: „Das wäre durchaus möglich.“

Knut Görich lehrt mittelalterliche Geschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität München. © Görich

Prof. Dr. Knut Görich, der Leiter der öffentlichen, wissenschaftlichen Tagung zu den Ereignissen 1122, die am 27. und 28. September in Cappenberg stattfindet, hilft im Gespräch, beides einzuordnen. Görich ist Mittelalter-Experte und Autor der 2011 erschienenen Biografie „Friedrich Barbarossa“.

Kurz nach der Klostergründung wurde Friedrich, der spätere Kaiser Barbarossa, geboren und Otto von Cappenberg wurde sein Taufpate. Wie hat eine solche Taufpatenschaft im Hochmittelalter bedeutet?

Wir haben keinerlei Informationen, ob und wie lange Otto sein Patenkind nach der Taufe gesehen hat. Das spielt sich im Reich der Spekulation ab. Fest steht aber, dass durch die Taupatenschaft eine persönliche Beziehung zu dem Sohn des Herzogs von Schwaben begründet wurde. Kein Mensch konnte damals ahnen, dass dieses Kind einmal Kaiser werden würde.
Als Verwandter hatte Otto grundsätzlich einen persönlichen Zugang zum Kaiser. Die Klostergemeinschaft von Cappenberg hatte durch die Nähe ihres Probstes zu Barbarossa also eine Möglichkeit, zum Ohr des Herrschers zu gelangen. Das war wichtig, um eigene Anliegen vortragen zu können. Die Taufschale erwähnt diese Bindung – wahrscheinlich, um diese besondere Beziehung im Stift in Erinnerung zu halten.
Hat Barbarossa wohl je seinen Paten Otto auf Cappenberg besucht?
Das wäre durchaus möglich gewesen. Ob wir von solchen Begegnungen etwas wissen oder nicht, hängt vom zufälligen Horizont der Geschichtsschreibung ab. In Cappenberg gab es keinen Geschichtsschreiber.
Wir haben zwar die Viten Gottfrieds, aber keine Annalen oder Chroniken des Klosters. 1156 war Barbarossa in Münster. Das wissen wir aber auch nur, weil es just das Osterfest war: ein prominenter Anlass. In Cappenberg wurden keine Urkunden ausgestellt, die auf einen Kaiserbesuch hinweisen. Das heißt aber nicht, dass er nie da war.
Wenn Sie die Gelegenheit hätten, Barbarossa eine Frage zu stellen. Welche wäre das?
Mich würde interessieren, wie die Begegnung mit Italien auf ihn gewirkt hat. Welchen Eindruck hatte er angesichts der Zeugnisse der Antike in Rom. Schließlich gab es nichts Vergleichbares diesseits der Alpen.
Kaiser wurde. Die Wahl war für die deutschen Fürsten das Entscheidende und der Papst sozusagen nur das ausführende Organ.
Während seines zweiten Kreuzzuges starb der fast 70-jährige Kaiser bei einem Bad im Fluss Saleph in der heutigen Türkei. Wie wurde die Art seines Todes in der damaligen Zeit beurteilt?
Der Tod durch Ertrinken ist ein rascher Tod. Und der galt als schlechter Tod, als Strafe Gottes. Denn er bot keine Gelegenheit, sich vorzubereiten. Darum wird Barbarossas Tod ganz unterschiedlich erzählt: Mal ist er sofort tot, mal stirbt er erst Tage später, je nachdem, welche Haltung der jeweilige Chronist hatte. Barbarossas Gegner haben seinen Tod als Strafe Gottes gedeutet insbesondere für seine Politik gegen den Papst, aber auch gegen die lombardischen Städte. Seine Anhänger hoben hervor, dass er als Kämpfer für den Glauben – nämlich während eines Kreuzzugs – gestorben ist.
28 von 39 Herrschaftsjahren verbrachte Friedrich I. in Italien. Er führte sechs Italienzüge und hatte ständig Ärger mit dem Papsttum. War das typisch Barbarossa oder typisch für die Epoche?
Die hauptsächlichen Konflikte, in die Barbarossa verwickelt war, waren die Jahrzehnte langen Kämpfe gegen den lombardischen Städtebund unter der Führung Mailands und die Auseinandersetzungen mit Papst Alexander III.: Konflikte, die ihn nach Italien gezogen haben. Konfliktauslöser waren in beiden Fällen Handlungen, die aus der Perspektive des Herrschers als Missachtung oder fehlende Anerkennung seiner Herrschaft wahrgenommen wurden.
Im Fall der italienischen Städte, allen voran Mailand, war es die Weigerung, sich dem königlichen Gericht unterzuordnen. Rechtsprechung war eine zentrale der Aufgabe des Herrschers. Wer seine Gerichtshoheit ablehnte, forderte ihn in besonderer Weise heraus: eine prinzipielle Herausforderung des Herrschers, die dieser nicht unbeantwortet lassen konnte.
Ähnlich verhält es sich mit dem Konflikt mit dem Papsttum. Alexander III. hatte, als er noch nicht Papst, sondern Kanzler der Römischen Kirche war, Barbarossa herausgefordert, indem er sagte, der Papst hätte dem Kaiser gerne außer der Kaiserkrönung noch weitere Lehen übertragen. Aus der Perspektive des Staufers und der deutschen Fürsten sah das so aus, als ob dem Papst die Verfügung über die Kaiserwürde offen stünde. Das hat man nördlich der Alpen ganz anders gesehen, wo der gewählte deutsche König seit 200 Jahren stets Kaiser wurde. Die Wahl war für die deutschen Fürsten das Entscheidende und der Papst sozusagen nur das ausführende Organ.

Termine
  • „Vom Schwimmen zum Bergsteigen – Das Mittelalter als wahre Moderne“ lautet der Vortrag am Donnerstag, 26. September, 19 Uhr, in der Stiftskirche Cappenberg. Prof. Horst Bredekamp referiert.
  • „ Cappenberg: Der Kopf, das Kloster und seine Stifter“ ist der Titel der wissenschaftlichen Tagung am 27. und 28. September im Schloss Cappenberg.
  • Themen sind der historische Kontext des Jahres 1122, als das Kloster Cappenberg entstand, die Ausstattung des Klosters und der Kopf.
  • Der Besuch des zweitägigen Programm, das jeweils um 9 Uhr beginnt, ist kostenlos. Der Rotary-Club bittet aber um eine Spende. Anmeldungen sind hier möglich.
  • Am Samstag, 28. September, stehen ab 11 Uhr die Ergebnisse der materialtechnischen Untersuchung des Kopfes von 1977/78 im Mittelpunkt. Prof. Henrike Haug referiert.
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