Warum sind die Abfallgebühren in Selm so hoch?

Platz zwei im Landesvergleich

Selm hat sich vorgearbeitet – von Platz drei auf Platz zwei in der Liste der landesweiten Spitzenreiter bei den Abfallgebühren. Nur in Münster muss eine vierköpfige Familie noch mehr bezahlen, so der Bund der Steuerzahler. Wie viel die Selmer wofür zahlen und was die Verantwortlichen der Stadtverwaltung dazu sagen, lesen Sie hier.

SELM

, 14.09.2017, 12:53 Uhr / Lesedauer: 2 min

Wie kommt Selm zu dem unrühmlichen Spitzenplatz?

„Die Abfallgebühren in Selm beinhalten nahezu sämtliche Teilleistungen aus dem Abfallgebührenrecht, die in vielen anderen Städten dem Bürger über zusätzliche Gebühren in Rechnung gestellt werden“, sagt Stephan Braun, der Leiter des Amtes Finanzen der Stadtverwaltung. Während anderorts die Kommunen die Hand aufhalten für zusätzliche Angebote, bekommen die Selmer ein All-Inklusive-Angebot. Dazu gehören die kostenlose Nutzung des Wertstoffhofes, die jährliche zentrale Abfuhr des Grünschnitts im gesamten Stadtgebiet, die zusätzliche Grünabfallsammlung mehrmals im Jahr in Cappenberg und Bork und das Abholen von Sperrmüll bei einer Verwaltungsgebühr von 15 Euro, unabhängig von der Menge.

Bei einem Vier-Personen-Haushalt sind die Kosten für die 14-tägige Abholung des Bioabfalls um fast 18 Prozent im vergangenen Jahr gestiegen. Warum?

Im Wesentlichen sieht Braun die gestiegenen Kreisabfallgebühren dafür verantwortlich. Der Kreis Unna habe die Entsorgungskosten pro Gewichtstonne um rund fünf Euro angehoben. Außerdem seien 230 Tonnen mehr Bioabfall als im Vorjahr angefallen. Außerdem nennt Braun „die Berücksichtigung von Defiziten aus Vorjahren“ als weiteren Grund.

Die Gebühren in der Nachbarstadt Werne sind um 200 Euro geringer. Wie lässt sich das erklären?

Stephan Braun nennt zwei große Unterschiede. Erstens: „Auffällig ist, dass die Fehleinwurfsmengen in Selm deutlich höher sind als im Stadtgebiet Werne.“ Zu viele Selmer würden trotz vermehrter Kontrollen immer noch Restmüll in die Biotonne werfen, der dadurch nicht mehr kompostiert werden könne, sondern teuer in der Müllverbrennungsanlage Hamm verbrannt werden müsse. Zweitens: Die Sperrmüllmenge auf dem Wertstoffhof in Selm liegt erheblich höher als auf dem Wertstoffhof in Werne. „Dies führt neben Entsorgungskosten auch zu hohen Betriebskosten.“

Wie werden sich die Kosten weiter entwickeln?

Braun erwartet, dass die Preise bei der Müllverbrennungsanlage Hamm 2018 sinken werden. Darüber hinaus hätten es sie Bürger selbst in der Hand, die Gebühren zu senken, in dem sie besser achtgeben beim Befüllen.

Was sagt Münster zum Gebührenvergleich des Bundes der Steuerzahler?

„Wir sehen uns da jedes Jahr angeprangert“, sagt Manuela Feldkamp von den Abfallwirtschaftsbetrieben der Stadt Münster, die die rote Laterne hat im Land, auf Anfrage. Zu Unrecht, wie sie ergänzt: Die Zahlen seien „praxisfremd“. In Münster werde der Biomüll jede Woche entsorgt und nicht alle 14 Tage wie in der Modellrechnung: „Das heißt Äpfel mit Birnen vergleichen.“

Und was ist die Meinung des Bundes der Steuerzahler?

„Vor dem Hintergrund ständig steigender Wohnkosten ist es wichtig, die Kostenbereiche, die der Staat verursacht, besonders im Auge zu behalten“, sagt Heinz Wirz, der Vorsitzende des Bundes der Steuerzahler NRW. Deshalb habe sein Verein, der sich für die Rechte der Steuerzahler engagiert, auch zum 26. Mal den Gebührenvergleich vorgenommen.

Wie haben sich landesweit die Müllgebühren entwickelt?

Erstmals seit Jahren sind sie im Landesdurchschnitt wieder gesunken, wenn auch nur minimal. Nach der Tabelle des Bundes der Steuerzahler muss ein Vier-Personen-Haushalt für die Entsorgung einer 120-Liter-Tonne im 14-Tage- Rhythmus derzeit im Durchschnitt 265 Euro berappen – rund die Hälfte von dem, was in Selm anfällt.

Der Bund der Steuerzahler hat sein Gebühren-Ranking am 9. August veröffentlicht. Warum berichten wir erst jetzt darüber?

Die Veröffentlichung fiel mitten in die Urlaubszeit. Auch der zuständige Mitarbeiter im Amtshaus war verreist. Wir haben auf seine Rückkehr in der vergangenen Woche gewartet.

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