Wie konnte mir das passieren? Eine typische Frage im Kopf von Opfern des Enkeltricks. Sie kennen die Warnungen, die Tricks. Und fallen dennoch drauf hinein. So wie bei diesem Fall in Bork.

Bork

, 24.07.2019 / Lesedauer: 5 min

Es ist eine Mischung aus Reue, Wut und Scham. Ein ganz mieses Gefühl. So beschreibt Udo Zocher aus Bork, wie es gerade in ihm aussieht. Wie sich vor allem seine 78-jährige Mutter fühlt, die vor Kurzem auf eine Betrugsmasche hereingefallen ist, die als Enkeltrick immer wieder durch alle Medien geht.

„Es kommt immer wieder diese Frage in mir hoch: Wie konnte uns das nur passieren?“, sagt Udo Zocher. Denn den Trick an sich - den kannte er. Und den kannte auch sein Mutter, als sie Mitte Juni den Anruf erhielt. Von einer angeblichen Nichte, die dringend Geld braucht.

Mutter sagt: „Das ist doch der Enkeltrick“

„Relativ früh hat meine Mutter gesagt: Das is doch der Enkeltrick. Aber irgendwie hat die Frau am Telefon es dann doch wieder geschafft, sie einzuwickeln.“ Seine Mutter - und später auch er - seien gefangen gewesen in der Geschichte, die die Betrüger an der anderen Seite der Leitung aufbauten.

Fälle des Enkeltricks im Kreis Unna

  • Zum ersten Mal ist diese Betrugsmasche in Deutschland 1999 in Hamburg angezeigt worden, sagt Polizeisprecher Thomas Röwekamp. Seit 20 Jahren also fallen immer wieder vorwiegend Senioren auf den Trick herein - trotz häufiger Warnungen und Bekanntmachungen der Polizei.
  • Im Jahr 2017 zum Beispiel gab es im Kreis Unna 87 angezeigte Fälle des Enkeltricks - in einem waren die Täter erfolgreich. 2018 sind im Kreis Unna 151 Fälle des Enkeltricks bei der Polizei gemdelt worden - zwei davon waren erfolgreich. In allen drei Fällen dieser Jahre lag die Schadenshöhe jeweils im fünfstelligen Bereich.
  • Laut Angaben des Weißen Rings erbeuten Kriminielle durch den Enkeltrick bundesweit jährlich Millionen Euro.

Der Schlüssel für dieses Lügenkonstrukt ist eigentlich nur ein Wort, ein Name: Inge. Der Name der Nichte. Udo Zochers Mutter selbst bringt ihn ins Spiel - die Betrüger nehmen ihn auf und stricken ihre Geschichte drumherum. Jene Inge sitze gerade bei einem Notar in Bochum, brauche - weil es einen Zahlendreher in der Überweisung gegeben habe - für eine Eigentumswohnung dringend Geld. Ob die Tante helfen könne? Ob sie bitte Stillschweigen darüber bewahren könne? Der Enkeltrick, wie er im Buche steht.

Der Schaden für die Familie aus Bork liegt am Ende im fünfstelligen Bereich. Die falsche Inge am Telefon überzeugt die 78-Jährige tatsächlich zum Gang zur Bank. In diesem Moment begegnet sie auch ihrem Sohn, erzählt ihm kurz von dem Anruf. „Aber dann hat mein Telefon geklingelt, die Firma war dran und ich musste nach Hause“, sagt Udo Zocher bedauernd, macht sich Vorwürfe.

Kritik an der Sparkasse: Hätte sie den Betrug stoppen können?

Seine Mutter räumt bei der Sparkasse in Bork ihr Girokonto leer, löst das Sparbuch auf. „Die Bankmitarbeiterin hat meine Mutter wohl gefragt, ob sie denn ihre Nichte Inge auch kenne“, sagt Udo Zocher. Mehr allerdings nicht. Das macht Udo Zocher dem Geldinstitut heute zum Vorwurf.

„Die Bankmitarbeiterin hatte ja offenbar einen Verdacht. Sonst hätte sie ja gar nicht erst gefragt und einfach das Geld rübergegeben.“ Weiterverfolgt hätte sie den Verdacht dann aber nicht, sagt Udo Zocher. „Meiner Meinung nach könnte die Bank in so einer Situation ihre Zweifel eigentlich viel lauter und viel intensiver äußern und müsste das auch“, sagt Udo Zocher.

Dieser Aussage stimmt Bernd Wieck von der Sparkasse auf Anfrage der Redaktion nur eingeschränkt zu und verweist auf Fälle, bei denen Sparkassenmitarbeiter sogar das Hereinfallen von Kunden auf den Enkeltrick verhindert hätten. „Da gibt es aber natürlich klare Grenzen“, sagt er allerdings auch. Heißt: Wenn ein geschäftsfähiger Kunde in die Bank komme und sich Geld auszahlen lassen möchte, dann kann die Bank ihm das erst mal nicht verwehren. „Bei vielen Fragen können wir auch zum Thema Bankgeheimnis ein Problem bekommen“, erklärt der Bankmitarbeiter.

Im Kreis Unna hat nur eine Bank an Schulung zu Enkeltrick teilgenommen

Zum konkreten Fall in Bork will der Bank-Sprecher sich nicht äußern. Wohl aber zu dem Infoblatt der Polizei, das jedem Bankmitarbeiter zum Enkeltrick vorliegt. Als Handlungsempfehlung für Bankmitarbeiter steht da zum Beispiel: Sprechen Sie mit dem Kunden, fragen Sie nach dem „Enkeltrick“, klären Sie Ihren Kunden über diese Betrugsform auf, überzeugen Sie sich, dass er Sie verstanden hat.

Dieses Vorgehen - den deutlich geäußerten Zweifel, wenn eine ältere Frau so viel Geld für ihre Nichte abhebt, - hätte sich Udo Zocher auch im Fall seiner Mutter gewünscht. Ein hartnäckigeres Nachfragen, das den Betrug vielleicht hätte verhindern können. Zocher sieht da Handlungsbedarf - etwa durch Schulungen für Bankmitarbeiter durch die Polizei. Die gibt es bereits, wie Polizeisprecher Thomas Röwekamp sagt. „Die Banken sind immer mal wieder von dem Kriminalkommissariat für Kriminalprävention und Opferschutz angeschrieben worden. Es wurden Mitarbeiterschulungen und Schulungen für die Auszubildenden angeboten.“ Dazu gibt es aber ein Aber: „Bis auf eine Veranstaltung bei einem Geldinstitut in Unna wurde dieses Angebot nicht angenommen“, so Thomas Röwekamp. Also auch von der Sparkasse in Bork nicht.

„Gehirnwäsche“ von psychologisch vorbereitete Täter

Wieder ruft dann in Bork die falsche Nichte an, sagt, dass sie mit Kaffee und Kuchen unterwegs ist und gleich alles erklären kann. Das Geld könne die Borkerin ja schon mal einem Boten geben, der gleich vorbeikommt. Weiter geht die „Gehirnwäsche“, wie Udo Zocher es nennt. Das Lügenkonstrukt, aus dem das Opfer nicht herauskommt.

„Ja, es fühlt sich für die Geschädigten wie eine Gehirnwäsche an“, bestätigt der Polizeisprecher dieses Gefühl. Die Betrüger agieren, so sagt er weiter, teilweise sehr professionell in Hinblick auf psychologische Aspekte.

Das sagt auch Dominic Schreiner vom Weißen Ring, einem bundesweit agierenden Verein, der sich für Hilfe für Opfer von Kriminalität und Gewalt einsetzt. Es gebe extra auf diese Maschen spezialisierte Callcenter im Ausland, beispielsweise in der Türkei, von denen aus sich „hochgradig professionelle Strukturen“ aufgebaut haben. „Die Täter offenbaren dabei hohe kriminelle Energie und einen verblüffenden Ideenreichtum. Sie lassen sich regelmäßig neue Maschen einfallen, die sie später variieren“, erklärt er.

Im Fall der Familie Zocher bricht das Lügenkonstrukt erst zusammen, nachdem Udo Zochers Mutter einem fremden Mann an der Haustür das Bargeld in die Hand gedrückt hat.

Keine Hoffnung, das Geld jemals wiederzusehen

Das Geld ist weg. Und Udo Zocher hat auch keine Hoffnungen, es jemals zurückzubekommen. Die Polizei äußert sich zwar nicht zu „prognostizierten Ermittlungserfolgen“. Thomas Röwekamp sagt aber: „Die Opfer verlieren oftmals unwiederbringlich weite Teile oder ihre gesamte Altersvorsorge. Der Aufwand und das Entdeckungsrisiko für die Täter sind begrenzt.“

Zu diesem Schaden kommt hinzu das schlechte Gefühl, hereingefallen zu sein. Die Scham, weil man es ja eigentlich besser wusste. „Man fühlt sich als der Schuldige in der Geschichte und ist nicht das Opfer“, sagt Udo Zocher. Typische Gefühle in einem solchen Fall. Die Polizei erklärt: „Bei den Opfern handelt es sich entgegen den hinlänglichen Erwartungen nicht durchgängig um ältere Menschen, die ihr Leben aufgrund ihres Alters nicht mehr geregelt bekommen. Teilweise sind es sehr vitale, geistig rege Menschen, die voll im Leben stehen und aufgrund der Vorgehensweise der Täter entsprechend eingelullt werden. Das führt natürlich im Nachgang zu großen Selbstzweifeln und Schuldgefühlen.“

„Gegen diese unsäglichen Maschen hilft nur ein hohes Maß an Aufklärung und effektiver Präventionsarbeit“, sagt Dominic Schreiner. Sein Verein hat dazu verschiedene Programme. Angehörigen von Opfern rät er außerdem: „Zuhören, ermutigen, nicht vorwurfsvoll agieren.“ So geht auch Udo Zocher mit der Geschichte um. Und warnt andere Menschen eindringlich: „Lasst euch nichts einreden. Legt die Zweifel, die ihr in dem Moment habt, auf den Tisch, setzt euch damit auseinander und prüft die Fakten.“

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