Verboten aussehende Früchte sind botanische Grüße aus der Zeit der Dinosaurier

rnLebende Fossilien

Lustvoll verdreht, verschämt rot und ungestüm aufplatzend: An diesem Baum hängen verbotene Früchte - und sie sehen auch schon so aus. Es lohnt sich dennoch, sich mit ihnen zu beschäftigen.

Selm

, 06.10.2019, 04:30 Uhr / Lesedauer: 2 min

„Was ist das denn?“ Vorwurf klingt in der Stimme der Freundin. Als ob wir etwas für die Früchte des Baumes könnten, unter dem wir sitzen.

Im Frühjahr preist jeder ihn für seine Blütenpracht: große, fleischige weiße Blüten mit feiner rosa Verzierung: ein Symbol für Reinheit und Unberührtheit, das seit Jahrhunderten Künstler inspiriert. Die Magnolie kann aber auch ganz anders - jetzt im Herbst.

Was die Freundin in den sich skurril windenden Fruchtkörpern zu entdecken glaubt, will ich gar nicht wissen. Fest steht: Es hat nichts mit Anmut und Reinheit zu tun, eher mit dem Gegenteil. Dieser Anschein trügt nicht.

Es geht um Vermehrung. Die länglichen Früchte mit der pockennarbigen Haut enthalten knallrote Beeren, in denen die kleinen, schwarzen Samen stecken.

Verboten aussehende Früchte sind botanische Grüße aus der Zeit der Dinosaurier

Die großen Blüten der Magnolie lassen im Frühjahr die Bienen kalt. © Sylvia vom Hofe

Von diesem Samen sagen selbst geduldige Hobbygärtner, es sei ein müßiges Geschäft, daraus Jungpflanzen zu ziehen. Das hat damit zu tun, dass es sich um Kaltkeimer handelt. Der Kühlschrank kann dabei als Gewächshaus dienen.

In freier Wildbahn - also zwischen dem Osten der USA und Brasilien sowie zwischen Indien und Japan - ist die Sache mit der Fortpflanzung nicht weniger heikel. Magnolien benötigen eine besondere Mischung aus feuchtwarmem Klima und Kälte, wie es in großen Gebirgswäldern anzutreffen ist - allerdings immer seltener.

Wild lebende Magnolien sind vom Aussterben bedroht

Die Weltnaturschutzunion (IUCN) hatte bereits 2007 Alarm geschlagen: Die Hälfte der weltweit 245 wild lebenden Magnolienarten steht auf der Roten Liste. Vor allem in China, wo es noch die größte Vielfalt an natürlich vorkommenden Magnolien gab, sinkt laut IUCN die Zahl rasant - auf zuletzt nur noch wenige dutzend Arten. Ein lebendes Fossil ist vom Aussterben bedroht.

Magnolien sind nicht nur älter als Menschen, die seit gerade einmal 300.000 Jahren die Erde bewohnen. Sie sind auch älter als die Honigbienen, die es seit 100 Millionen Jahren gibt.

Wissenschaftler schätzen, dass die sogenannten Urblüter vor 130 Millionen Jahren entstanden: seltene Farbkleckse im tiefgrünen Meer der Nadelbäume, Gingkos und Farne vor Beginn der Kreidezeit: die ältesten lebenden Blütenpflanzen der Welt.

Bienen haben für Blütenpracht nichts übrig

Für Bienen sind die wunderschönen Blüten bis heute uninteressant. Sie fallen für das Bestäuben aus. Den Job machen andere - wie schon zu Urzeiten.

Käfer haben Magnolienblüten zum Fressen gern. Sie knabbern sich durch das duftene Weißrosa bis zu den Pollen, die die Magnolie reichlich produziert. Süßen Nektar, den Bienen, Schmetterlinge und Motten lieben, gibt es dagegen kaum.

Auch die Dinosaurier waren Zeitgenossen der Magnolien. Vielleicht haben sie die seltsamen Magnolienfrüchte - Botaniker sprechen von Balgfrüchten, die sich im reifen Zustand öffnen und die Samen hervortreten lassen - gefressen und so für ihre Verbreitung gesorgt. Fest steht: Heute stehen sie in den hiesigen Breiten nicht mehr auf dem Speiseplan, und das ist auch besser so.

Verboten aussehende Früchte sind botanische Grüße aus der Zeit der Dinosaurier

Balgfrüchte heißen die Früchte der Magnolie botanisch korrekt. Dabei handelt es sich um eine in der Evolution sehr früh entstandene Form der Samenverkapselung. © Sylvia vom Hofe

Die hübschen Beeren sind giftig - für Menschen. Das gilt zwar nicht für Vögel, die bedienen sich aber dennoch nicht. Der hier seit der Eiszeit ausgestorbene Baum gilt bei ihnen offenbar als zu exotisch und wird daher als Futterspender nicht akzeptiert - anders als in Asien und Südamerika.

Jetzt sind es die knorrigen, bisweilen lustvoll in den Herbst winkenden Früchte, die alle Blicke auf sich ziehen. Spätestens im November lohnt der nächste Blick auf den Zierbaum. Dann bilden sich die Blatt- und Blütenknospen für das nächste Jahr - gut verpackt unter einem zierlichen Pelzmäntelchen. Das hat aber noch nie für einen Aufschrei gesorgt.

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