Was soll eine Fahrradstraße? Es wird Zeit, Fahrradfahrern den roten Teppich auszurollen

rnKolumne „Klare Kante“

Plötzlich entdecken Politiker ihr Herz für Radler: erst Autominister - pardon: Verkehrsminister - Andreas Scheuer, jetzt Audi-Fahrer Mario Löhr. Ein Anfang, meint unsere Kommentatorin.

Selm

, 21.08.2019, 18:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Rosarote Zeiten für uns Fahrradfahrer in Selm? Nein, die sind noch nicht angebrochen. Aber immerhin zeigt sich gerade ein Streif am Horizont. Der Bürgermeister hat im RN-Sommerinterview überraschend die Fahrradfreundlichkeit zu einem der wichtigsten Ziele für Selm erklärt: ehrgeizig für eine Stadt, die im Fahrradklimatest gerade nur ein dürftiges ausreichend plus (3,8) geschafft hat.

Die chronisch zugeparkten Radwege an der neuen Kreisstraße gehören inzwischen zum Alltag. Radwege enden im Nichts, die Beschilderung ist lückenhaft, und drei verschiedene Typen Kreisverkehre in einer kleinen Stadt sorgen für Verwirrung. Der Allgemeine Deutsche Fahrradclub (ADFC) könnte die Liste problemlos verlängern.

Doch jetzt wird alles besser: Selm hat den Radfahrern den roten Teppich ausgerollt. Keinen Flokati, keinen Gabbeh, sondern feinster roter Asphalt auf der Waltroper Straße: der ersten Selmer Fahrradstraße. Radfahrer aller Ortsteile, kommt nach Bork, seht sagenhafte 500 Meter darf dort der Radler jetzt König sein und Vorrang genießen vor dröhnenden und emissionsbelasteten Weggefährten. Ein Quätschken gefällig? Auch Nebeneinanderradeln ist erlaubt. Autofahrer müssen das ertragen - oder überholen. Was wegen der rechts und links parkenden Autos allerdings nur schwer möglich ist.

Das Gefühl des Glücks dauert nur zwei Minuten

Ein schönes Gefühl ist das für uns Radler. Wir sollten es genießen, so lange es geht: also keine zwei Minuten lang, je nachdem, wie kräftig wir in die Pedalen treten. Denn danach ist schon wieder Schluss mit lustig.

Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer und eine Fahrradstraße - eher eine Fahrradstartbahn- noch keine fahrradfreundliche Stadt. Da braucht es ein wenig mehr.

Was alles liegt schon seit fast 20 Jahren Schwarz auf Weiß vor: das Radwegekonzept aus dem Jahr 2001, ein etwas in die Jahre gekommenes vergilbtes Papier, das es in Selm irgendwie nie zum Bestseller geschafft hat. Das könnte sich jetzt aber mit frischem Rückenwind aus Berlin ändern.

Von härteren Strafen fürs Falschparken bis zu Fahrradzonen

Verkehrsminister Scheuer (CSU) will das Radfahren mit einem ganzen Bündel gesetzlicher Änderungen sicherer und attraktiver machen. Autofahrer, die auf Radwegen parken, sollen statt der üblichen 15 bis 30 Euro dreistellige Strafen drohen. Lkw sollen nur noch im Schritttempo rechts abbiegen, und statt einzelner Fahrradstraßen werden Fahrradzonen möglich. Das hört sich gut an - meint auch Selms Bürgermeister Löhr und will mit der Umsetzung gar nicht lange warten und gleich eine Fahrradzone in Cappenberg schaffen. Ein Anfang - aber warum nicht gleich in die Vollen?

Tempo 50 ist doch ohnehin inzwischen die Ausnahme. Tempo 30 steht zwar auf vielen Schildern, aber wer hält sich dran? Wenn die Radfahrerinnen und Radfahrer konsequent Vorrang hätten, änderte sich das. Dann müssten Verkehrsteilnehmer nicht an jeder Ecke umdenken, sondern es gebe klare Verhältnisse. Und Autos würden tatsächlich die teuren Umgehungsstraßen nutzen. Wetten, dass dann tatsächlich mehr Leute aufs Rad umstiegen und damit das Klima schützten.

Am Besten, gleich in die Vollen gehen

Ob schwächelnde Umfragewerte oder tatsächlich die Erkenntnis, dass eine Verkehrswende nötig ist: Was auch immer Minister Scheuers (CSU) plötzliche Liebe zum Fahrrad ausgelöst hat: Hauptsache, sie hat Bestand und ist nicht nur ein wahltaktischer Flirt. Und egal, was Bürgermeister Löhr bewog, auch ohne Bürgermeisterkandidatur für Selm ein Wahlkampfthema zu setzen: Ich freue mich auf die Fahrradzonen.

In der Kolumne „Klare Kante“ fühlen Redakteurinnen und Redakteure mit einem Augenzwinkern regelmäßig einem lokalen Thema auf den Zahn, das ihnen am Herzen liegt. Haben Sie zum Thema „Fahrradstraße“ auch etwas zu sagen? Dann schreiben Sie gerne an lokalredaktion.selm@ruhrnachrichten.de
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