Eine kleine gepflasterte Fläche raubt Anwohnern der Ludgeristraße den letzten Nerv. Das Abrollgeräusch von darüberfahrenden Autos schallt bis in die Gärten. Für die Stadt ist die Lage klar.

Selm

, 08.08.2019, 10:24 Uhr / Lesedauer: 3 min

Vor seinem Haus an der Ludgeristraße hält es Ashwin Raman (73) nicht lange aus. Lieber flüchtet der Fernsehjournalist in den Hinterhof. Sein Problem lässt ihn aber auch dort nicht in Frieden. Mit jedem Auto, jedem Kleintransporter, jedem Bus und Lkw verfolgt ihn der Dauerlärm.

Ursache für das laute Rumpeln ist eine wenige Quadratmeter große Fläche dort, wo die Ludgeristraße aus Richtung K+K-Markt kommend einen Rechtsknick in Richtung Selmer Altstadt macht. Altes, quaderförmigem Kopfsteinpflaster erzeugt bei jedem Fahrzeug, das darüber hinwegfährt, ein lautes, rumpelndes Abrollgeräusch.

Gerade Lkw und Transporter machen viel Lärm

„Es ist dieser ständige Lärm, der einen irgendwann verrückt macht“, kommentiert Ashwin Raman das Problem, das nicht nur er so empfindet. Eine weitere Anwohnerin der Ludgeristraße stimmt Raman zu. Gerade Lkw und Transporter würden beim Rechtsabbiegen viel Lärm machen, wenn sie die Pflasterfläche überfahren.

Wenige Quadratmeter Kopfsteinpflaster bereiten Anwohnern der Ludgeristraße Kopfzerbrechen

Viele Fahrer seien außerdem viel zu schnell unterwegs, sagt Ashwin Raman. Das erzeuge nicht nur mehr Lärm, sondern gefährde Fußgänger und Radfahrer. © Karim Laouari

„Dass hier gerade eine Umleitung eingerichtet ist, macht die Situation natürlich nicht besser“, fügt die Nachbarin hinzu und deutet auf das Umleitungsschild an der Straße Auf der Sagkuhl, das den Verkehr zurzeit zum Rechtsabbiegen auf die Ludgeristraße zwingt. Dabei haben die meisten Fahrer keine andere Wahl, als über die Pflasterfläche abzukürzen.

„Es ist dieser ständige Lärm, der einen irgendwann verrückt macht.“
Ashwin Raman

Die Ludgeristraße ist an dieser Einmündung so eng, dass kaum ein neueres Auto dort abbiegen kann, ohne über das Pflaster zu fahren.

Für Raman entsteht an dieser Stelle noch ein zweites Problem: „Es ist nur eine Frage der Zeit, bis hier ein Unglück passiert“, ist sich der 73-Jährige sicher. Denn aus seiner Sicht sind viele Fahrer schlicht zu schnell unterwegs. Gerade für Kinder, die auf ihrem Schulweg die Ludgeristraße überqueren, werde es hier gefährlich, so Raman.

Flucht in den Schuppen hinterm Haus

Er selbst hat erste Konsequenzen aus der für ihn belastenden Geräuschkulisse gezogen und seinen Arbeitsplatz in einen Schuppen hinter dem Haus verlegt. „Ich arbeite von zu Hause aus und brauche dafür Ruhe“, erklärt er. Die hat er in dem ausgebauten Schuppen allerdings auch nicht gefunden. Auch hierhin verfolgt ihn das Rumpeln. Das, was jetzt, in der Ferienzeit, zu hören ist, entspreche nur einem Bruchteil des Lärms, der sich an normalen Tagen entwickle, macht der Selmer deutlich.

Wenige Quadratmeter Kopfsteinpflaster bereiten Anwohnern der Ludgeristraße Kopfzerbrechen

Dass der Verkehr zurzeit auf der Ludgeristraße in Richtung Altstadt umgeleitet wird, verschlimmere die Situation, sagt eine Anwohnerin. © Karim Laouari

Also versucht er, mit technischen Mitteln, elektronisch und baulich, gegen den Lärm anzugehen: Für die Arbeit hat sich Raman geräuschunterdrückende Kopfhörer besorgt und den Hof zum Garten wollen er und seine Frau bald mit einer leichten Trennwand abgrenzen, in der Hoffnung, dass das Rumpeln weniger stark in den Hof schallt. Mit den Kopfhörern hatte Raman noch keinen Erfolg. Er hält eine Box hoch: „Die funktionieren nicht gegen den Lärm“, sagt er knapp und mit Enttäuschung in der Stimme.

„Es ist nur eine Frage der Zeit, bis hier ein Unglück passiert.“
Ashwin Raman

Das sind allerdings auch nur Mittel gegen die Symptome. Was die Ursache angeht, müsste aus Sicht von Ashwin Raman die Stadt Selm aktiv werden und die Kopfsteinpflasterfläche entfernen. Außerdem müsste aus seiner Sicht viel häufiger die Geschwindigkeit der Autofahrer auf der Ludgeristraße kontrolliert werden.

Die Hoffnung darauf, dass das Kopfsteinpflaster verschwindet, scheinen die Anwohner aber begraben zu müssen. Auf eine schriftliche Anfrage dazu antwortet die Selmer Stadtverwaltung so: „Würde diese Fläche zu einem Beet umgebaut werden, kann die Buslinie die Straße nicht mehr nutzen und der Lieferverkehr wäre mit größeren Fahrzeugen nicht mehr möglich. Würde die Aufplasterung entfernt, wird evtl. noch schneller gefahren und diese Fläche hätte keine verkehrslenkende Funktion mehr.“

Fläche lässt sich nicht einfach umgestalten

Denn, „die raue gepflasterte Fläche soll den Verkehr führen, muss aber für den Busverkehr und anderen Schwerlastverkehr überfahrbar bleiben“, wie es in der Antwort weiter heißt. Hintergrund sei, dass die Ludgeristraße zwischen Kreisstraße/Sandforter Weg und Auf der Sagkuhl zur Gemeindestraße herabgestuft und mit Fördergeldern umgestaltet worden sei. „Der Straßenzug Ludgeristraße/Sagkuhl/Auf der Geist wurde zur bevorrechtigten Straße und diese Kreuzung musste entsprechend umgestaltet werden. Die Buslinie blieb aber auf der alten Strecke“, so die Stadtverwaltung.

Wenige Quadratmeter Kopfsteinpflaster bereiten Anwohnern der Ludgeristraße Kopfzerbrechen

Direkt hinter der Pflasterfläche stehen Metallpoller zum Schutz von Fußgängern. © Karim Laouari

Dass die gepflasterte Oberfläche zu Erschütterungen führen könne, „wenn Lkw zu schnell darüber fahren“ bestätigt die Stadt in ihrer Antwort, schreibt aber auch, dass der Bereich zur öffentlichen Verkehrsfläche gehöre und überfahren werden darf, im Fall von Bussen und Lkw sogar muss. „Ansonsten wäre dies ein echtes Nadelöhr und Begegnungsverkehr nicht möglich“, argumentiert die Stadt.

Stadt: Immer wieder Kontakt zu Anwohnern

Eine Möglichkeit, die Situation auf andere Art zu verändern, sieht die Stadt nicht, die bestätigt, dass es in den vergangenen Jahren immer wieder Kontakt zu Anwohnern gegeben habe, um die Situation zu besprechen.

Einer dieser Anwohner war auch Ashwin Raman, der sagt, dass er das Haus mit dem heutigen Wissen nicht noch mal kaufen würde. Ihm bleibt jetzt nur die Flucht in den Hof, womöglich bald hinter die kleine Lärmschutzwand, hinter die geschlossene Tür seiner Gartenlaube und unter die Kopfhörer. Damit er Ruhe zum Arbeiten finden kann.

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