Wie alt sind Selms Wähler – und was wollen sie?

Bundestagswahl

Fast jeder fünfte wahlberechtigte Selmer ist 70 Jahre alt und älter. Nur knapp acht Prozent sind hingegen zwischen 18 und 24 Jahre alt. Wir haben vor der Bundestagswahl am 24. September mit beiden Gruppen gesprochen – und auch Übereinstimmungen entdeckt.

SELM

, 18.09.2017, 13:18 Uhr / Lesedauer: 4 min

Die Generation Merkel treffen wir in der Borker Eisdiele am Kirchplatz, die Nachkriegs- und Wirtschaftswundergeneration in unseren Redaktionsräumen an der Kreisstraße in Selm. Der Unterschied könnte nicht größer sein – nicht nur wegen des Alters.  

Die Jungwähler (v. l.): Aileen Willms, Nils Hillner, Annabel Vagedes und Marc Dohms.

 

Zu „Il Gelato“ sind vier Mitglieder der Jungen Union gekommen, der zurzeit einzigen politischen Jugendorganisation in der Stadt. Sie werden alle CDU wählen, wie sie sagen. Die sechs Vorstandsmitglieder der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie und Energie (IGBCE) in unsrem Besprechungsraum sind dagegen fast alle SPD-Stammwähler. Einer will am 24. September sein Kreuzchen noch weiter links machen.  

Die IGBCE-Vorstandsmitglieder (v.l.): Vitus Theil, Klaus-Dieter Viebranz, Michael Feige, Gerd Rosenbaum, Peter Zawessa, Hans Zeine und Wilfried Roth.

 

Hier Studenten, die die Karriereleiter noch aufsteigen wollen, da Kumpel, die lange untertage gearbeitet haben und inzwischen längst in den Ruhestand eingefahren sind: alles Leute, die gerne über Politik sprechen.

Die Themen, die sie gerade bewegen, sind dabei weitgehend die gleichen: Löhne, Flüchtlinge, Diesel. Wir haben Auszüge der Gespräche aufgeschrieben – nicht, um Werbung für die eine oder andere Position zu machen, sondern um Lust an der eigenen Diskussion zu machen – egal, ob jung oder alt.

Politische Typen

„Die gibt es doch gar nicht mehr“, wettert Vitus Theil, der am Donnerstag 80 Jahre alt wird. Einen Herbert Wehner etwa: diesen knorrigen Ex-Kommunisten, der sich in den 34 Jahren bis zum Ausscheiden aus dem Parlament 1983 den Ruf als Einpeitscher der SPD-Fraktion eingehandelt hatte. „Oder auch Franz Josef Strauß“, wirft Klaus-Dieter Viebranz (64) ein. Klar, der Bayer mit dem Stiernacken und dem CSU-Parteibuch sei für ihn stets unwählbar gewesen. „Aber ein politisches Urgestein war er.“

Annabel Vagedes (21) und ihre Freunde kennen die beiden nur aus den Geschichtsbüchern. Dass das politische Spitzenpersonal, mit dem sie in den zwölf Jahren Kanzlerschaft Merkel groß geworden sind, nicht poltert und giftet, sondern sich freundschaftlich-großkoalitionär gibt, finden sie nicht schlimm. Im Gegenteil: Jetzt im Wahlkampf übereinander herzufallen, nachdem man vier Jahre miteinander regiert hat, „das wäre mies“, meint Nils Hillner (19). Statt Typen seien Themen wichtig.

Lohngerechtigkeit

„Arbeit muss sich wieder lohnen“, sagt Hillner, der Student der Rechtswissenschaften. Dass er dabei einen Wahlslogan von Guido Westerwelle (FDP) aus dem Jahr 2009 zitiert, ist ihm gar nicht bewusst. Das höre sich eher sozialdemokratisch an, meinen alle am Tisch. Voll berufstätig zu sein und trotzdem nicht sein Auskommen zu haben, „das geht nicht“.

Fast wortgleich sagt das auch Hans Zeine (71). Er und seine Kollegen sind nicht nur Zeitzeugen des Niedergangs des Steinkohlebergbaus, der das ganze Revier ernährt hat, sondern auch der einst mächtigen Gewerkschaften. „Früher war es eine Selbstverständlichkeit, dass man Mitglied wurde“, sagt er. Heute säßen in den Versammlungen nur noch Grauschöpfe, so wie er.

Dabei gebe es so viel zu tun: Zeine kennt genügend Beispiele von jungen, gut qualifizierten Menschen: „Akademiker, die sich jahrelang von einer befristeten Stelle zur nächsten retten – einfach perspektivlos.“ Vitus Theil setzt noch eines drauf: Selbst wenn es angesichts der rund 500 000 zusätzlichen Jobs allein in diesem Jahr klappte mit der Anstellung: „Das Frauen dann immer noch weniger verdienen als Männer, ist beschämend.“  

"Von 40 Stunden Arbeit muss man leben können", sagt Wilfried Roth (71).

Engagement

Das ist für alle unsere Gesprächspartner ein Schlüsselbegriff. Michael Feige etwa organisiert mit der IGBCE für Montag, 18. September, 18 Uhr, eine Podiumsdiskussion mit den örtlichen Bundestagskandidaten in der Burg Botzlar. Annabell Vagedes unterstützt die CDU-Kandidaten im Wahlkampf– trotz Studienstress’: „Bei der Landtagswahl hatte ich meine Klausurenphase, jetzt die mündlichen Prüfungen.“

Marc Dohms kennt das. Er hat gerade seine Masterarbeit geschrieben. „Darum werde ich am Wahlsonntag auch nicht hier sein können, weil ich die Arbeit in Kiel abgeben muss.“ Trotz des Wirtschaftschemie-Studiums in Norddeutschland blieb er stets der vor fünf Jahren gegründeten JU Selm treu, „weil mir Politik wichtig ist“.  

Lesen Sie auf Seite 2, was die jungen Selmer und die Ruheständler zu dem Themen "Politische Schlüsselmomente", "Renteneintrittsalter", "Bildung", "Flüchtlingspolitik" und "Diesel" sagen.

Politische Schlüsselmomente

Willi Brandts Ostpolitik, Helmut Schmidts unbestechliche Haltung im deutschen Herbst, die Wende: Die Genossen können eine ganze Reihe Schlüsselmomenten aufzählen, die sie politisierten. Die Reihe ist bei den Jungen nicht so lang, aber prägend: „Ich habe mich entschlossen, in der Politik mitzuwirken, weil ich mich so über die Inklusion geärgert habe“, sagt Nils Hillner: „an sich eine gute Idee, aber überstürzt und unüberlegt umgesetzt.“

Marc Dohms, der fünf Jahre älter ist, kann sich an erste politische Diskussionen mit seinen Eltern erinnern, als es um den Bundeswehreinsatz in Afghanistan ging. Und Annabell Vagedes an eine politische Niederlage mit 14 Jahren: „Damals hatte ich fürs Jugendparlament kandidiert“ – ohne den gewünschten Erfolg. Das Interesse mitzugestalten, blühte erneut auf, als Freunde die JU gründeten. „Von denen ist keiner mehr dabei“ – nur noch sie, „aber andere sind nachgekommen“.

Anders als bei den Jusos. Die Jugendorganisation der SPD existiert nicht mehr, seitdem die Aktiven wegen Studium und Ausbildung umziehen mussten. Eine Wiederbelebung der Gruppe stehe aber unmittelbar bevor, sagt SPD-Vorsitzender Thomas Orlowski: „Die jungen Leute haben sich schon dafür gefunden.“

Renteneintrittsalter

„Ja da bin ich wirklich gespannt“ ruft Vitus Theil, der Älteste der Runde. Die Kanzlerin habe sich nun einmal im TV-Duell festgelegt und die Erhöhung des Renteneintrittsalters auf 70 ausgeschlossen. Seine Augen blitzen amüsiert. Zweifel seien berechtigt. Die haben auch Merkels junge Parteifreunde. Wie lange sie einmal arbeiten werden? Alle lachen. „Als Rechtsanwalt kann ich mir das ja auch durchaus vorstellen“ sagt der 19-jährige Jurastudent.

„Für Dachdecker und Maurer kann das aber nicht gelten“, wirft die 21-jährige angehende Finanzbeamtin Vagedes ein. An flexibleren Lösungen werde kein Weg vorbeiführen, „denn das System muss finanzierbar bleiben – und das nicht auf Pump, zu Lasten der jungen Generation“.  

"Ich glaube schon, dass ich bis 70 arbeiten werde", sagt Nils Hillner (19).

Bildung

Das ist ein Thema, das bei unseren beiden Gesprächsrunden allein die Jungen nennen. Kommilitonen aus Bayern hätten einfach ein höheres Bildungsniveau, sagt Annabel Vagedes. „Ob ich auch in München ein Einser-Abitur geschafft hätte, weiß ich nicht.“ „In meinem Studiengang zeigt sich, dass den Bremern das meiste Basiswissen fehlt“, so Dohms. Eine Vereinheitlichung des Schulstoffs sei wünschenswert, „aber auf hohem Niveau“.  

 "Mein Abitur ist in Bayern nicht so viel wert wie hier", sagt Annabel Vagedes (21).

Flüchtlingspolitik

„Wer straffällig wird, sollte sofort abgeschoben werden.“ Wilfried Roth (71) und die anderen IGBCE-Vorstandsmitglieder sind kompromisslos – genauso wie die jungen Erwachsenen in Bork.“ Ich war selbst aktiv in der Flüchtlingshilfe“ als DRK-Helfer in Erstaufnahmeeinrichtungen, sagt DRK-Mitglied Marc Dohms. Berührende Einzelschicksale habe er selbst: „Menschen, die im Krieg alles verloren haben“, aber auch junge Leute vom Balkan, „die ohne Fluchtgrund gekommen sind“.

Diesel

Eine echte große Koalition zwischen älteren Linken und jungen Konservativen besteht in der Dieselfrage. „Da darf die Politik die Autokonzerne nicht einfach so leicht davonkommen lassen“, heißt es in Selm und Bork.

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