Wie andere Orte mit Notunterkünften umgehen

Erfahrungen aus dem Umland

Was macht eine Großunterkunft für Flüchtlinge mit den benachbarten Orten? Um eine Antwort auf diese Frage zu bekommen und für Bork und Vinnum zu lernen, haben wir den Blick nach Schloß Holte-Stukenbrock gerichtet. Dort verfügt man über Erfahrungen aus dem Vorjahr. Ein Gespräch mit Sabine Kubendorff, Lokalredakteurin der dort erscheinenden Tageszeitung „Neue Westfälische“.

Bork/Vinnum

, 03.09.2015, 06:43 Uhr / Lesedauer: 3 min
Wie andere Orte mit Notunterkünften umgehen

Sabine Kubendorff ist Lokalredakteurin bei der Neuen Westfälischen Zeitung in Schloß Holte-Stukenbrock. Dort gibt es bereits Erfahrung mit großen Flüchtlingsunterkünften, wie sie in Bork aufgebaut worden ist.

Frau Kubendorff, in Schloß Holte-Stukenbrock soll es bald eine ähnliche Notunterkunft für Flüchtlinge geben. Wie ist der Stand der Dinge zurzeit?

Also im Moment steht noch gar nichts fest, außer dass irgendwann Flüchtlinge kommen werden. Vorher müssen noch grundlegende Arbeiten erledigt werden: Der Untergrund zum Beispiel für die Zelte, die dann erst errichtet werden können. Das ist alles noch sehr unbestimmt. 

Was sieht denn dann die Planung vor?

Auf dem ehemaligen Gelände der Polizeischule für Diensthundeführer soll eine Zeltstadt errichtet werden. Das Gelände wird von der restlichen Polizeischule etwas abtrennten. Beim ersten Mal im vergangenen Jahr liefen die Verkehre der Flüchtlinge und der Polizeischule durcheinander – das soll diesmal anders werden. 

Sie sprechen das vergangene Jahr an. Was war denn da genau vor Ort? 

Das war sehr spontan damals. Anfang September kam ein Schwung von um die 150 Flüchtlingen an, die spontan untergebracht werden mussten. Andere Notunterkünfte hatte man aufgrund von Krankheitsfällen vorher auflösen müssen.

So hat man auf dem Gelände der Polizeischule schnell eine Unterkunft geschaffen. Aus den 150 Menschen sind dann im Laufe der folgenden Wochen 500 geworden, die zum Teil auch in der Turnhalle übernachtet haben. 

In Bork liegt die Polizeischule etwas abseits und ist in gewisser Weise eine kleine Welt für sich. Wie ist das bei Ihnen?  

So ähnlich. Die Polizeischule liegt am Stadtrand auf der Kreisgrenze zu Paderborn. Es gibt aber einen angeschlossenen Ortsteil: Stukenbrock-Senne hat ein Geschäft und eine Gaststätte. Es ist also nicht so ganz weit abgelegen. 

Die Frage, die die Menschen in Bork beschäftigt, ist: Was macht das mit unserem Ort, wenn hier so viele Flüchtlinge hinkommen? Was können Sie aus den Erfahrungen in Schloß Holte-Stukenbrock berichten? Wie sind die Menschen damit umgegangen?

Sehr positiv, zumal wir doppelt betroffen sind. An der Grenze zum Lippischen, in der Stadt Oerlinghausen, ist eine Flüchtlings-Erstaufnahmeeinrichtung mit 700 Menschen. Der Strom läuft also von beiden Seiten auf die Menschen hier zu. Es gibt aber eine unglaubliche Spendenbereitschaft, es sind schon wieder die ersten Spenden für die neue Notunterkunft eingegangen – noch bevor es sie gibt.

Ich habe auch nie gehört, dass es Nachbarschaftsprobleme gebe. Das einzige, was es gegeben hat, ist, dass die Zahl der Einbrüche zugenommen hat. Damit ist die Polizei aber sehr offensiv umgegangen und hat aufgrund der Einbruchsspuren schnell klar gestellt, dass die Einbrüche auf das Konto sogenannter reisender Einbrecher gegangen sind, die schnell von der Autobahn kommen und ebenso schnell wieder weg sind. Das ist kein originäres Flüchtlingsproblem. 

Sieht man die Menschen aus der Unterkunft denn auch im Ort? Kaufen Sie mit den begrenzten Mitteln, die sie haben, in den Geschäften ein? Sind sie auf Spielplätzen? Oder bleiben sie eher unter sich auf dem Gelände?

Ich denke, dass die Flüchtlinge, die in der Polizeischule untergebracht sind, eher unter sich bleiben. Die Bevölkerung kümmert sich vorrangig um die Asylbewerber, die der Stadt zugewiesen sind, die also länger bleiben. Die sieht man oft im Ortsbild, sie werden auch stark einbezogen.

Es gibt ein Hilfs-Netzwerk, sie bekommen Fahrräder und werden dadurch mobiler. Aber in den Großunterkünften bleiben die  Flüchtlinge oft nur wenige Tage und dann werden sie weiter vermittelt. 

So dass sie keine Wurzeln schlagen in der Ortschaft…

… genau. Sie bummeln zwar schon mal ein bisschen durch die Gegend, aber das war’s auch schon.

Gab es in der Zeit, in der Sie besondere Erfahrungen im Ort gemacht haben, Schwierigkeiten mit Kundgebungen, rechtsextremen Verunglimpfungen im Internet oder gar Ausschreitungen?

Übers Internet weiß ich nichts, weil ich keine Facebookerin bin. Aber ansonsten gab es nichts dergleichen.

Wie gehen die Politik und Funktionsträger damit um? Gab es Skepsis oder Aufbruchstimmung?

Ich würde das als souverän bezeichnen. Es bleibt ihnen ja nicht viel anderes übrig, weil sie keinen Einfluss haben. Die Polizeischule ist Landesgelände, da kann der Bürgermeister gar nicht mitreden. Der wird informiert, dann ist es gut. 

Dieses Interview ist eine gekürzte Fassung des Gesprächs zwischen Redaktionsleiter Tobias Weckenbrock und Redakteurin Sabine Kubendorff. Eine Aufzeichnung des Gesprächs können Sie sich hier anhören:

Schloß Holte-Stukenbrock
Die Stadt mit 26000 Einwohnern, liegt an der Autobahn 33 im Kreis Gütersloh, etwa 20 km entfernt von Bielefeld. Die Stadt wird regiert von CDU-Bürgermeister Hubert Erichlandwehr, der 2014 74 Prozent der Stimmen holte. Größte Fraktion mit 17 von 32 Sitzen im Rat ist mit deutlichem Abstand die CDU vor SPD (6) und Grünen (4).
Am Dorfrand von Senne liegt das LAFP-Bildungszentrum Erich Klausener, einer von fünf LAFP-Standorten in NRW, an dem etwa 300 Polizisten für den gehobenen Dienst und in der Hundeführung ausgebildet werden. Weitere Standorte des Landesamtes für Ausbildung, Fortbildung und Personalangelegenheiten neben dem größten in Bork sind Brühl, Neuss und Münster.
Die Notunterkunft in Senne wird von European Homecare aus Essen verwaltet und betrieben, die Einrichtung im benachbarten Oerlinghausen von den Johannitern. 

 

 

Lesen Sie jetzt