Wie ein Borker Tante-Emma-Laden überleben will

Neue Lidl und Rossmann

Lidl, Rossmann und Hosselmann sind Goliath. Die Rolle des David übernimmt Elisabeth vom Hofe. Die 72-Jährige führt seit 52 Jahren ihr kleines Lebensmittelgeschäft in Selm-Bork. Nicht einmal 200 Meter davon entfernt eröffnet am Donnerstag das neue Einzelhandelszentrum der drei Riesen. Doch davon will sich die "Tante Emma" nicht einschüchtern lassen.

BORK

, 31.07.2017, 06:32 Uhr / Lesedauer: 3 min

 

„Nein“, sagt die 72-jährige Kauffrau und schüttelt lachend ihren Kopf. Mit der Steinschleuder in den Kampf ziehen werde sie nicht – anders als der Hirtenjunge David, der einst gegen den Riesen Goliath antrat. Elisabeth vom Hofe wählt andere Waffen.

Erstens: Frischwurst. „Die hat der Lidl nicht.“ Zweitens: Service. „Ich bringe die Waren auf Wunsch nach Hause.“ Drittens, und das ist ihr am wichtigsten: Liebe zur Arbeit und enge Verbundenheit mit den Kunden.

„Ich bin ganz ehrlich“, sagt sie und schmunzelt verschwörerisch: „Ich müsste hier gar nicht mehr im Laden stehen, schon lange nicht mehr.“ Ihr Mann ist inzwischen Rentner, und die beiden Söhne, Zwillinge, sind längst erwachsen: der eine Informatiker, der andere Polizeikommissar. Finanziell sind alle gut versorgt. Aber die Füße hochlegen, „das ist einfach nicht meine Sache, dafür macht mir das Geschäft einfach zu viel Freude“.

Beiname: Schinkenlädchen

Die Klingel an der Glastür schellt. Einen Augenblick später steht ein Mann in karierter Hose und weißem T-Shirt im Laden: Bäcker Andreas Langhammer aus Bork. Er bringt in einem großen Korb Nachschub: Brot, Brötchen, Kuchen. „Da ist die Nachfrage groß“, sagt Elisabeth vom Hofe.

Wer frischen Aufschnitt kaufe – die große Auswahl hat dem Geschäft den Beinamen Schinkenlädchen eingebracht – , nehme gerne auch das passende Gebäck dazu mit. Neben all dem anderen, was es gibt.

Auswahl wie in einem Wimmelbuch

Grundnahrungsmittel wie Mehl und Zucker, Fertiggerichte in Glas und Dose, raffinierte Gewürze, exotische Soßen, frisches Gemüse und Getränke vom Gesundheitstee bis zum hochprozentigen Absacker. Der Blick über die gut gefüllten Eichenregale, die alle Wände und sogar die drei Schaufenster bedecken, gleicht dem Betrachten eines Wimmelbuches.

 

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Immer wieder findet sich ein neues Detail: Stopfgarn und Drogerieartikel etwa oder Hand- und Taschentücher aus hochwertigem Textil. „Eigentlich gibt es nichts, was ich nicht habe“, sagt die Inhaberin selbstbewusst. „Obwohl“, korrigiert sie sich: „Neulich hat eine Frau Schlüpfergummi zum Auswechseln verlangt. Das musste ich erst besorgen.“

Inneneinrichtung aus den 40er-Jahren

Die Zeit ist stehen geblieben – nicht nur für die Kundin, die noch immer Unterhosen ausbessert, anstatt sie wegzuschmeißen, sondern auch für den Laden. „Die Inneneinrichtung war schon alt, als ich den Laden 1965 eröffnet habe“, sagt Elisabeth vom Hofe: eine Spezialanfertigung aus Massivholz, vermutlich aus den späten 1940er-Jahren.

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Was damals nur praktisch war, ist heute eine echte Rarität: Aus dem ganzen Ruhrgebiet kommen immer wieder Leute, um Fotos zu machen. Ein Tante-Emma-Laden in Betrieb: Wo gibt es das schließlich noch?

"Komme hierher, seitdem ich laufen kann"

Andreas Langhammer, der Bäcker, braucht seinen Blick nicht neugierig herumwandern zu lassen. Er kennt sich aus. „Ich komme hierher, seitdem ich laufen kann“, sagt er. „Als Junge habe ich hier wie alle anderen Kinder Süßigkeiten gekauft.“ Nicht tütenweise, sondern einzeln. Das ist auch heute noch möglich. Elisabeth vom Hofe zieht in Kniehöhe eine Schublade auf: Weingummi und Bonbons. Wie einst der kleine Andi dürfen auch heute die Kinder hinter der Ladentheke selbst aussuchen.

Das hat auch Philipp Vernekohl. Der junge Mann ist gerade aus der nahen KFZ-Werkstatt herübergekommen, um ein Frühstück zu kaufen: kein Klümpchen mehr, sondern Brötchen. „Dieser Laden ist echt ein Stück Heimat“, sagt er. Neben dem Einkauf nehme jeder noch eine Neuigkeit, einen Gruß oder aufmunternde Worte mit. Nebenan im neuen Einzelhandelszentrum – Vernekohl blickt die Straße hinab – werde das anders sein.

Erstmal Kraft tanken

„Das war ein hartes Jahr“, sagt Elisabeth vom Hofe, während sie die frische Backware einräumt. Seit August 2016 bis heute ist die Netteberger Straße gesperrt: kein Durchgangsverkehr und damit keine zusätzlichen Kunden.

Und dann eröffnet jetzt auch noch ein neues Einzelhandelszentrum, das nach dem Willen der Stadt verhindern soll, dass, wie es Bürgermeister Mario Löhr formuliert, „weiterhin viel Kaufkraft abfließt“.

Sie werde übernächste Woche erst einmal Urlaub machen, sagt Elisabeth vom Hofe: „Für 14 Tage.“ David tankt Kraft – nicht, um Goliath zu töten wie in der alten Geschichte, sondern um mit ihm zu leben.

In eigener Sache
Unsere Redaktionsleiterin Sylvia vom Hofe hat zwar den selben Nachnamen wie die Laden-Besitzerin Elisabeth vom Hofe - die beiden sind jedoch nicht verwandt.

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