Abends in Selm und Umgebung ein Taxi zu bekommen, ist nahezu unmöglich. Wirte klagen, dass ihre Gäste nicht abgeholt werden. Wir haben im Selbstversuch die Taxisituation getestet.

Selm

, 09.10.2018, 16:51 Uhr / Lesedauer: 7 min

Eine Kollegin setzt mich in Netteberge bei der Gaststätte Klähr ab - rund fünfeinhalb Kilometer von der Selmer Innenstadt entfernt. Es ist circa 18.35 Uhr. Von dort aus wähle ich in beliebiger Reihenfolge die Telefonnummern der Selmer Taxiunternehmen. Auf meiner Liste stehen Selmer Taxen e.K., Taxi Easy Car und die Taxi und Mietwagen Unger GmbH. Ich verrate nicht, dass ich für eine Recherche bei den Taxiunternehmen anrufe. Es soll schließlich eine Fahrt unter realen Bedingungen werden und keine Vorführfahrt.

Zuerst rufe ich bei Taxi Easy Car an, sage, dass ich von der Gaststätte Klähr zurück ins Zentrum müsste - auf die Kreisstraße. „Das geht heute leider wirklich nicht mehr“, die Stimme am anderen Ende der Leitung klingt zerknirscht. „Tut mir Leid.“ Ich frage nach, ob wirklich nichts zu machen ist. Weitere Entschuldigungen folgen, abholen könne mich jetzt kein Fahrer mehr.

Gäste bleiben weg, weil kein Taxi kommt

Als nächstes wähle ich die Nummer von Taxi Unger und beschreibe dem Fahrer dieselbe Fahrstrecke. „Ich kann aber nicht lange warten, Sie müssten draußen stehen“, sagt er. „Es muss schnell gehen.“ Ich verspreche, draußen zu warten und sehe auf die Uhr. Es ist 18.40 Uhr. Vor der Gaststätte gehe ich auf und ab und halte Ausschau nach einem typisch eierschalenfarbenen Wagen mit gelbem Taxizeichen. Ich frage mich, wie Gäste der umliegenden Gaststätten normalerweise nach Hause kommen, wenn schon am frühen Abend nicht mehr jedes Taxiunternehmen verfügbar ist.

„Die Taxisituation in Selm ist eine Katastrophe“, sagt Astrid Vogt, die Inhaberin des Hotel Restaurants „Zum alten Feld“. Nicht nur abends, auch morgens, wenn Hotelgäste zum Bahnhof müssen, sei es oft schwierig, ein Taxi zu bekommen. Sie habe deshalb sogar schon Gäste verloren. „Manche Kegelclubs haben aufgehört, weil sie selbst fahren oder sich abholen lassen müssen.“ Es dauere an manchen Abenden zwei Stunden und länger bis ihre Gäste ein Taxi bekommen. Sie greife deshalb häufig auf Taxiunternehmen aus Lünen und Werne zurück. „Die sind meist eher da.“

Eine Stichprobe bei Lüner Taxiunternehmen ergibt jedoch, dass Fahrten nach Selm unterschiedlich gehandhabt werden. Taxi Levi beispielsweise würde auch Fahrten in Selm übernehmen. Der Preis führ eine fünf Kilometer lange Fahrt innerhalb der Stadt würde bei circa 15 Euro liegen. Taxi Fähnrich fährt hingegen nicht extra nach Selm. „Die Anfahrt ist zu teuer“, so ein Fahrer. „Wir fahren nur von Lünen nach Selm, holen aber niemanden ab. Dafür ist Selm zuständig.“

Wirte springen als Fahrer ein

Diese Erfahrung hat auch Margret Hettstedt, die Wirtin der Gaststätte Klähr, gemacht. Im Gegensatz zu Astrid Vogt ruft sie deshalb nur selten Taxen aus Lünen oder Werne. „Manchmal kommen sie auf einer Rückfahrt hier vorbei“, erklärt sie. „Einfach so eher nicht.“ Durch die schwierige Taxisituation in Selm hat auch sie schon Gäste verloren. „Gerade Ältere kommen oft nicht mehr hier hoch, weil sie nicht wissen, wie sie wegkommen.“ Bei größeren Feiern, in den kommenden Monaten vor allem Weihnachtsfeiern, müssten die Gäste meist im Vorfeld abklären, ob sie abgeholt werden können, so die Wirtin. Manchmal, wenn sie sehe, dass jemand nicht mehr sicher alleine nach Hause komme, bringe sie denjenigen selbst nach Hause. „Kostenlos natürlich“, sagt Margret Hettstedt.

Und das darf sie auch. „Natürlich kann jeder Wirt seine Gäste nach Hause bringen, falls er das möchte“, sagt Thomas Röwekamp, Leiter der Pressestelle der Polizei im Kreis Unna. „Ob das allerdings die Regel ist, das bezweifle ich doch sehr.“ Nur wer gewerblich Gäste nach Hause bringe, müsse sich an die Vorschriften der Personenbeförderung halten.

Kein klassisches Taxi

Nach dem Gespräch mit den Wirtinnen weiß ich: So spontan ein Taxi zu bekommen, wie es bei meinem Test passiert ist, scheint nicht unbedingt der Regelfall zu sein. Ob es an der Uhrzeit liegt oder einfach nur Glück ist, ich bin froh, dass ich nicht zurück ins Selmer Zentrum laufen muss. Wobei ich natürlich nicht beurteilen kann, ob Selmer Taxen e.K. mich abgeholt hätte, da ich vor dem Anruf bereits ein Taxi hatte. Und knapp zehn Minuten nach meinem Anruf bei Taxi Unger rollt auch schon ein silberfarbener PKW auf mich zu - kein klassisches Taxi.

Erst der Blick auf die Beifahrertür verrät den Zweck und die Herkunft des Fahrzeuges. Der Fahrer winkt mich ins Auto, er hat es wirklich eilig. Schnell steige ich ein und bedanke mich für den Abholservice. „Nicht dafür“, sagt der Fahrer. „Ich hätte nur wirklich keine Minute länger Zeit gehabt, ich muss gleich noch eine Auftragsfahrt nach Lüdinghausen machen.“

Willkommen in der Provinz: Darum ist es in Selm so schwierig ein Taxi zu bekommen

In einem Fahrzeug von Taxi Unger bin ich bei meinem Test sicher ans Ziel gekommen. © Karim Laouari

Das Taxiproblem ist mittlerweile auch in der Politik angekommen. „Selm ist total unterversorgt“ - heißt es in einem Antrag, den die Fraktion der Unabhängigen Wählergemeinschaft (UWG) an den Rat der Stadt Selm gestellt hat. „Spontan ein Taxi zu bekommen ist hier meist nicht möglich“, sagt Maria Lipke, Fraktionsvorsitzende der UWG, und pflichtet damit den Selmer Wirten bei. „Wenn Sie ganz plötzlich irgendwohin müssen, geht das nicht mit dem Taxi.“ Insbesondere für ältere Menschen, die nicht mehr mit dem Auto fahren können oder wollen, sei es so schwierig, mobil zu bleiben. Zudem seien die Fahrpreise recht hoch.

Die Taxiversorgung in Selm müsse verbessert werden. Wenn es nach Maria Lipke ginge, sollte es - auch unter der Woche - zumindest bis 24 Uhr möglich sein, ein Taxi zu bekommen. „Normalerweise müsste aber immer ein Taxi erreichbar sein - Tag und Nacht“, sagt sie. Und das nicht nur für Nachtschwärmer, sondern auch im Krankheitsfall, wenn ein Notarztwagen nicht zwingend nötig ist.

“Nachtleben in Selm ist tot“

„Wenn ich nur zwei Anrufe die Nacht bekomme, kann ich dafür keinen festen Fahrer einstellen“, sagt hingegen Norbert Simdon von Selmer Taxen e.K.. Insgesamt fünf Fahrer hat er derzeit, zusätzlich fahren er und seine Frau selbst. „Früher hatte ich 15 Fahrer, die brauche ich jetzt nicht mehr.“ Denn kaum jemand rufe ein Taxi. Zudem sei das Nachtleben in Selm, das bis vor einigen Jahren noch gutes Geld einbrachte, inzwischen „tot“. Den Bedarf, den die UWG sieht, sieht er nicht. „Ab spätestens 20 Uhr brechen die Anfragen schlagartig ab“, sagt Norbert Simdon.

Die Taxen von Norbert Simdon sind derzeit von montags bis sonntags, meist auf Vorbestellung unterwegs. „Ich habe Termine bis Januar“, sagt der Taxiunternehmer. Auch, weil er immer mehr auf Krankenfahrten - auch mit dem Rollstuhl oder auf einer Liege - umschwenke. Wenn möglich, nehme er aber auch spontan Fahrten an. Dennoch: „Ich werde immer mehr vom normalen Taxibetrieb weggehen, das lohnt sich nicht mehr.“ Zudem fahre er nach Uhr und könne so oft nicht mit den günstigeren Preisen anderer Unternehmen mithalten. „Aber so kann ich meine Mitarbeiter wenigstens ordentlich bezahlen“, sagt Norbert Simdon.

Dienst mit festen Öffnungszeiten

Das Taxiunternehmen Easy Car arbeitet sogar mit festen Öffnungszeiten. Montags bis donnerstags sind die Fahrer von 6 bis 19 Uhr unterwegs. Am Wochenende sind sie von freitags 6 Uhr bis samstags 6 Uhr und von samstags 8 Uhr bis sonntags 8 Uhr im Einsatz. „Zu Stoßzeiten sind wir mit allen sechs Fahrzeugen unterwegs“, sagt Taxifahrer Björn Buth. Diese seien jedoch nicht immer zur gleichen Zeit.

Das Taxiunternehmen bietet neben normalen beispielsweise auch Flughafen- oder Krankenfahrten an. Nachtfahrten, insbesondere unter der Woche, seien jedoch nicht mehr lohnenswert. Deshalb habe auch Taxi Easy Car den nächtlichen Betrieb eingeschränkt. Wie auch Selmer Taxen e.K. arbeitet das Unternehmen überwiegend mit Vorbestellungen. „Aber wir sind immer erreichbar und sehen zu, dass wir auch spontane Fahrten dazwischen schieben“, sagt Björn Buth. Morgens und nachmittags gegen 15 Uhr sei es jedoch schwierig, ein Taxi zu bekommen, da dann die meisten vorbestellten Fahrten anstehen.

„Müssen Sie denn auch wieder zurück?“

Als Grund für den eingeschränkten Taxidienst geben sowohl Taxi Easy Car als auch Selmer Taxen e.K. die Lohnkosten an. „Die Lohnkosten sind in die Höhe geschnellt“, sagt Björn Buth. „Aber jeder Fahrer muss dann auch einen bestimmten Umsatz pro Stunde machen - und das ist hier nicht mehr möglich.“ Von Lokalpolitikern, die jetzt die Taxiversorgung in Selm kritisieren, ist Norbert Simdon enttäuscht. Denn die würden nicht mit, sondern nur über die Taxiunternehmen reden.

Der Taxi und Mietwagen Unger GmbH war es nach mehrmaligem Nachfragen nicht möglich, meine Fragen zu beantworten.

Immerhin war das Taxiunternehmen aber erreichbar, als ich ein Taxi brauchte. „Müssen Sie denn auch später wieder zurück?“, fragt der Taxifahrer, dem ich erzählt habe, dass ich eine Freundin besuche. Er ist also offenbar länger unterwegs als bis 19 oder 20 Uhr. „Nein, danke“, antworte ich. Und schon sind wir am Ziel angelangt - knapp 20 Minuten nach meinem Anruf und mit einem freundlichen Fahrer. Ich bedanke mich noch einmal und bezahle für die gut fünfeinhalb Kilometer lange Fahrt ins Stadtzentrum 14,70 Euro.

Auch im Zentrum ein Problem

Doch auch hier kennen die Wirte das Problem, dass in den Abendstunden nur selten ein Taxi verfügbar ist. „Einige Gäste - gerade Frauen und Ältere - kommen abends nicht mehr“, sagt Stefan Suer, der Wirt des Gasthauses Suer. Diejenigen, die noch kommen, nehmen es teils mit Humor, dass „in der Weltstadt Selm kein Taxi kommt“, alle anderen reagieren ärgerlich.

„Im Sommer nehmen dann manche das Fahrrad, ansonsten muss immer einer Auto fahren und auf sein Gläschen Wein verzichten.“ Stefan Suer hat aber auch Verständnis für die hiesigen Taxiunternehmen: „Ich kann niemandem sein Geschäft vorschreiben“, sagt er. „Wenn die sagen, es lohnt sich nicht, dann kann ich auch verstehen, dass sie nicht fahren.“

Beim Fahrgastverband Pro Bahn NRW erfrage ich, ob Selm ein Einzelfall in Nordrhein-Westfalen ist, was die Taxiversorgung betrifft. „Die Taxisituation ist überall im ländlichen Raum schwierig“, sagt Lothar Ebbers, Pressesprecher des Fahrgastverbandes. Und Selm sei eine Kleinstadt, dazu ländlich gelegen. Oft seien die Taxiunternehmen im ländlichen Raum Familienbetriebe. Und die könnten sich kein finanzielles Risiko leisten. „Wenn die dann sagen, es lohnt sich ab einer bestimmten Uhrzeit nicht mehr, dann ist das verständlich.“

Keine Beförderungspflicht

Aber unterliegen die Taxiunternehmen nicht der Beförderungspflicht? „Nicht unbedingt“, sagt Jörg Beer, Geschäftsführer des Verbandes des privaten gewerblichen Straßenpersonenverkehrs Nordrhein-Westfalen VSPV e.V.. Die Beförderungspflicht hänge vom öffentlichen Interesse und den wirtschaftlichen Belangen ab. „Es geht darum, wie der Bedarf ist“, erklärt Jörg Beer. „Und das kann dann in Einzelfällen dazu führen, dass ab einer gewissen Uhrzeit kein Taxi mehr kommt.“

Die UWG-Fraktionsvorsitzende Maria Lipke sieht die Verantwortung für Taxiversorgung nicht nur bei den Taxiunternehmen selbst, sondern auch bei der Stadt Selm. „Städte und Gemeinden sind für den öffentlichen Personennahverkehr zuständig“, sagt Maria Lipke. Sie könnte sich deshalb eine Kooperation vorstellen: „Die Verkehrsgesellschaft Kreis Unna könnte sich einklinken. Es gibt ähnliche Modelle in Süddeutschland, die funktionieren.“

Ob und wie sich die Taxiversorgung in Selm ändern könnte, darüber soll demnächst die Politik diskutieren. Die Stadt gibt deshalb derzeit keine Stellungnahme dazu ab, wie Stadtsprecher Malte Woesmann mitteilt.

Taxi-App als Alternative

Ich habe zwar auch so ein Taxi aus Selm bekommen, möchte aber dennoch mögliche Alternativen testen. Die App mytaxi, die mir mein Appstore empfiehlt, zeigt mir beispielsweise einen um 1,30 Euro höheren Fahrpreis an als bei Taxi Unger, wie ich nach Eingabe der Fahrstrecke feststelle. Auch hätte ich mit der App laut Anzeige auf dem Display gut fünf Minuten länger warten müssen. „Man zahlt nicht mehr als bei anderen Taxiunternehmen“, erklärt jedoch Falk Sluga, Pressesprecher von mytaxi. „In der App wird vor Bestellung des Fahrzeuges eine Schätzung des Fahrpreises angezeigt, die sich nach den lokalen Taxitarifen und der Fahrstrecke in Luftlinie richtet.“

Willkommen in der Provinz: Darum ist es in Selm so schwierig ein Taxi zu bekommen

So sieht die Anzeige in der App mytaxi für die Fahrtstrecke von der Gaststätte Klähr zur Kreisstraße aus. © Screenshot: Carolin West

Die App-Betreiber erheben keine Gebühr für die Taxivermittlung. „Wir erheben lediglich eine Provision von 7 Prozent auf jede von uns vermittelte Tour für den Fahrer“, sagt Falk Sluga. „Bei mytaxi zahlen die Fahrer nur, wenn sie auch eine Leistung beziehen. Es fallen also keinerlei Gebühren an, wenn der Fahrer krank oder im Urlaub ist oder sich sein Fahrzeug in der Werkstatt befindet.“ Gebühren fallen somit lediglich für den Fahrer an. Letztlich hätte ich also womöglich bei einem Vertragspartner von mytaxi den gleichen Preis bezahlt. „Wir haben aber natürlich keinen Einfluss darauf, wo der Taxifahrer lang fährt, oder wie die Verkehrslage ist“, sagt Falk Sluga. Sinn und Zweck der App sei es, unkompliziert ein Taxi zu bekommen und sowohl den Fahrpreis als auch die Wartezeit besser abschätzen zu können.

Verschiedene Möglichkeiten

Mein Fazit lautet also: Wer im Voraus plant, kann bei den hiesigen Taxiunternehmen anfragen, ob eine Vorbestellung möglich ist. Wer spontan ein Taxi benötigt, kann es zunächst bei den Selmer Taxiunternehmen versuchen, die um die jeweilige Uhrzeit noch oder schon erreichbar sind. Alternativ kann man eine Taxi-App nutzen, die dann ein Fahrzeug eines ihrer Partner in der Umgebung vermittelt, oder sich bei Taxiunternehmen in der Umgebung erkundigen, ob sie auch Fahrten in Selm übernehmen. Und vielleicht bringt die Politik ja bald noch eine weitere Möglichkeit auf den Weg.

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