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Väter in Elternzeit gibt es viele. Väter, die die komplette Elternzeit nehmen, bleiben Ausnahmen. Thomas Wrobbel (43) erzählt von den Hindernissen und warum er es genauso wieder tun würde.

Selm

, 23.03.2019 / Lesedauer: 5 min

Die Entscheidung, dass Thomas Wrobbel (43) zu Hause bei seiner Tochter bleiben würde und nicht seine Frau, war eine Entscheidung der rationalen Argumente und der nackten Zahlen.

Der gebürtige Selmer war kaufmännischer Mitarbeiter bei einem Großhändler für Kraftfahrzeugteile in Münster, seine Frau Tanja Tierärztin in Lüdinghausen. „Beim kurzen Vergleich unserer Gehaltsabrechnungen war ziemlich klar, dass sie mehr Geld verdient, als ich“, sagt Thomas Wrobbel. „Man muss das pragmatisch sehen. Wenn die Gehälter ähnlich sind, ist das vielleicht was anderes. Das war bei uns aber nicht so.“

Zwei Töchter, fünf Jahre Elternzeit: Wenn der Papa die meiste Elternzeit übernimmt

Im Wohnzimmer hängt eine Fotogalerie mit Bildern aus verschiedenen Jahren. Mutter Tanja ist dort auch zu sehen. © Sabine Geschwinder

Und es gab noch mehr Argumente dafür, dass sich eine längere Elternzeit für den Vater in spe einfacher realisieren ließe, als für seine Frau. „Meine Frau ist in der Chirurgie tätig“, sagt er, „wenn man längere Zeit aussetzt verliert man eine gewisse Fingerfertigkeit. Ich sitze streng genommen ‚nur‘ am Rechner und muss mich mit verschiedenen Programmen auskennen und mein Fachwissen benutzen. Wenn das Wissen langsam verloren geht ist das in zwei Wochen auch wieder da.“ Ein Problem für sein Ego ist das nicht. „Ich habe die Steinzeit hinter mir gelassen“, sagt er.

Schwierigkeiten, Anschluss zu finden

Töchterchen Tamina kam am 20. Dezember 2013, kurz vor Weihnachten, auf die Welt. Acht Woche lang, also für die Zeit des Mutterschutzes, blieb Tanja Wrobbel (39) zu Hause. Danach ging es wieder zur Arbeit in die Praxis. Tamina habe sich erst daran gewöhnen müssen, dass ihre Mutter nun nicht die ganze Zeit da ist, meint Thomas Wrobbel. Er selbst war aber nicht nervös. „Man kann es nur auf sich zukommen lassen. Es gibt ja kein Patentrezept, wie man ein guter Papa wird.“

Und so kocht er, wäscht, geht mit seinem Kind spazieren und macht all das, was Frauen in der Elternzeit eben auch tun. „Nur, dass ich die Milch natürlich aus dem Fläschchen nehme“, sagt Thomas Wrobbel . Damit habe Tamina und später auch Tessa kein Problem gehabt. Zum Glück. „Sonst hätten wir ein Problem gehabt.“ Thomas Wrobbel lernt aber trotzdem schnell: „Nur weil zwei das Gleiche machen ist es noch lange nicht das Selbe.“

Zwei Töchter, fünf Jahre Elternzeit: Wenn der Papa die meiste Elternzeit übernimmt

Sonst dürfen die Mädels nicht auf ihrem Papa herumtollen. Fürs Foto ausnahmsweise schon. © Sabine Geschwinder

Er schiebt den Kinderwagen mit seiner Tochter durch Selm alleine. „Mütter sind dagegen oft in Gruppen unterwegs“, sagt Thomas Wrobbel. Auch er würde sich den Gruppen gern anschließen, quatschen und vielleicht mal einen Kaffee trinken gehen. Aber das sei gar nicht so einfach. „Die Frauen denken scheinbar, ich sei auf Partnersuche“, sagt er. Wenn er mal eine Nummer bekomme und sich dann verabreden wolle, könne er davon ausgehen, dass ein Treffen niemals zu Stande komme. Dabei macht Thomas Wrobbel klar: „Ich möchte keine Frau kennenlernen. Ich möchte mich gerne unterhalten, das kann ich mit einem Säugling nicht.“

So werben Thomas Wrobbel und Kumpel Mario, der damals ein halbes Jahr in Elternzeit ist, in Verbindung mit der Familienbildungsstätte 2014 in den Ruhr Nachrichten dafür, eine eigene Spielgruppe für Väter zu gründen. Wer Interesse hat, konnte sich bei der Familienbildungstätte melden. Doch erfolglos.

Als er seine Kinder noch wickeln musste, merkt er ebenfalls, dass die Männer in Elternzeit noch nicht überall angekommen sind: „Es gibt immer noch viele Lokalitäten, wo es natürlich einen Wickeltisch gibt - aber der steht auf dem Damenklo“, sagt er. Die Gesellschaft muss sich langsam auf die Väter einstellen. „Aber irgendwann ist das auch normal“, ist er sicher, „wahrscheinlich, wenn ich Opa bin.“

Das Elterngeld:
  • Für Geburten ab 1. Januar 2007 wird Elterngeld gezahlt, zuvor gab es Erziehungsgeld Im Gegensatz zum Erziehungsgeld, das einen festen Betrag darstellte, richtet sich die Höhe des Elterngeldes nach dem Nettoeinkommen des Elternteils, das in Elternzeit geht.
  • Das Elterngeld ist auf zwölf Monate begrenzt, lässt sich aber durch zwei gemeinsame Paarmonate auf 14 Monate erweitern. Auch eine Verdoppelung des Zeitraums ist möglich, dann wird die Hälfte des Betrages gezahlt.
  • Seit 1. Juli 2015 gibt es das ElterngeldPlus. Dadurch können die 14 Monate bei einer Teilzeitnutzung und einer Zahlung der Hälfe des Betrages ebenfalls verdoppelt werden.

Viel mehr Väter in Elternzeit - aber nur kurz

Dabei sind Väter, die Elternzeit nehmen, in den vergangenen zehn Jahren immer mehr zur Norm geworden. Mit Einführung des Elterngeldes ab dem Jahr 2007 hat sich die Beteiligung der Väter deutlich gesteigert. Das zeigt der Väterreport des Familienministeriums aus dem Jahr 2016. Während im Jahr 2006 nur 3 Prozent der Väter deutschlandweit Erziehungsgeld erhielten, waren es 2008 schon 21 Prozent, die Elterngeld bezogen. „Die Einführung dieser Leistung löste eine kleine Kulturrevolution unter den Vätern aus“, heißt es in dem Bericht. „Immer mehr Väter reduzieren für einen befristeten Zeitraum ihre Arbeitsstunden oder steigen eine Zeit lang ganz aus der Erwerbstätigkeit aus, um Zeit mit ihrem Kind und für die Familie zu haben.“

2014 ging bereits jeder dritte Vater in Elternzeit (34 Prozent). Dabei ist allerdings zu beachten, dass es regional große Unterschiede gibt. Während in Sachsen im Jahr 2017 laut Statistischem Bundesamt rund 27 Prozent der Väter Elterngeld bezogen, waren es in NRW nur 20 Prozent. Die Zahlen machen außerdem deutlich, dass zwar Väter in Elternzeit innerhalb weniger Jahre zur Normalität geworden sind, es aber dennoch ungewöhnlich ist, wenn Väter den größten Teil der Elternzeit nehmen. Die durchschnittliche Elternzeit für Väter betrug im Jahr 2017 im Kreis Unna beispielsweise 4,1 Monte (Mütter 14,3 Monate), im Kreis Coesfeld betrug sie 3 Monate (Mütter 14 Monate).

Gründe für - und gegen die Elternzeit:
  • Laut Väterreport des Bundesfamilieminsteriums entscheiden sich Männer für die Elternzeit, weil sie ihre Kinder beim Aufwachsen begleiten und ihre Partnerin entlasten wollen. Das Gehalt der Partnerin ist ebenfalls ein wichtiger Faktor.
  • Väter bleiben vor allen Dingen dann, länger zu Hause, wenn sie eine hohe Beschäftigungssicherheit haben, einen Arbeitgeber, der sich für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf engagierte und unmittelbare Vorgesetze, die dem aufgeschlossen sind.
  • Väter, die auf die Elternzeit verzichtet haben, diese aber gern in Anspruch genommen hätten, taten dies laut Studie, aus Angst vor Nachteilen - finanziell und im Beruf - und weil sie Angst vor der schwierigen Organisation im Betrieb hatten.

Thomas Wrobbel fühlt sich dementsprechend manchmal wie eine besondere Spezies. „Ich bin gerne Vollzeitpapa und Hausmann, das darf auch jeder gerne sehen“, sagt er über seine Rolle als Vater in Elternzeit. Aber wenn er mit dem Kinderwagen morgens mehrere Stunden unterwegs war, dann legte er doch großen Wert darauf, dass man in ihm zwar den Vater in Elternzeit sieht, aber bloß nicht den Vater, der sich um die Kinder kümmert, weil er nichts besseres zu tun hat. „Ich wollte nicht negativ auffallen.“

Mancher fragte: „Wann gehste wieder zur Arbeit? In acht Wochen?“

Und war dann überrascht, wenn Thomas Wrobbel sagte. „Nö, in zwei Jahren.“

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Entscheidung immer wieder treffen

Aus den zwei Jahren, wurden letztlich fünf. In dieser Zeit hat Thomas Wrobbel auch seine zweite Tochter, Tessa (3) durch die ersten Lebensjahre gebracht. Seine Frau hat inzwischen die Praxis übernommen, in der sie früher gearbeitet hat und hat bei Tochter Tessa ein halbes Jahr Elternzeit gemeinsam mit ihrem Mann genommen. Die 80-Quadratmeter-Wohnung in Selm, ist einem Haus mit Garten in Lüdinghausen gewichen. „Der Umzug bot sich an, die Tierärztliche Praxis meiner Frau ist fünf Fahrradminuten entfernt, Kindergarten und Schulen genau so weit.“

Zwei Töchter, fünf Jahre Elternzeit: Wenn der Papa die meiste Elternzeit übernimmt

Tamina (vorne) und Tessa toben im Garten. Auch Vater Thomas darf mit aufs Pferd. © Sabine Geschwinder

Er würde die Entscheidung wieder treffen. „Es ist eine wertvolle Erfahrung, auch wenn sie einen an Grenzen bringt, die man vorher nicht kannte“, sagt er. „Wenn es der Karriere nicht wirklich abträglich ist und auch kein finanzieller Selbstmord, dann kann ich auch anderen Vätern nur empfehlen länger zu Hause zu bleiben. Wo es nicht geht, dann eben für ein oder zwei Monate.“ Denn: „Eins ist nicht realisierbar: Eine Vollzeitstelle in einem anspruchsvollen Job, Familie, Haushalt und ein kleiner Rest Privatleben ist nicht möglich ohne dass das gesamte persönliche Umfeld das auffängt.“

Für Thomas Wrobbel ist die Elternzeit im Februar zu Ende gegangen. Im März hat er in Teilzeit in der Praxis seiner Frau angefangen, so ist er flexibler. Was sich auch dann nicht ändert: Donnerstagabends hat er immer frei. Dann unternimmt alleine etwas, während seine Frau den Abend nur mit Tamina und Tessa verbringt. „Dann ist Mädelsabend“, sagt er.

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