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Aufprall mit Folgen

Gehirnerschütterung

Nur ein kurzer Aufprall, ein Schlag gegen den Kopf, dann Kopfschmerzen. Aber scheinbar nichts Ernstes? Nicht immer – es kann durchaus eine Gehirnerschütterung vorliegen.

05.09.2016 / Lesedauer: 5 min
Aufprall mit Folgen

Ein Schlag auf den Kopf hat oft gravierende Folgen: Gehirnfunktionen können kurzfristig aussetzen, bis hin zur Bewusstlosigkeit.

Ein Sportunfall, mit dem Fahrrad gestürzt oder die Treppe runter gepurzelt – es gibt viele Möglichkeiten, eine Gehirnerschütterung zu bekommen. Bei der schlagartigen Erschütterung des Kopfes können Gehirnfunktionen kurzfristig aussetzen, was bis zur Bewusstlosigkeit führen kann. Das Gehirn wird selten bleibend geschädigt, braucht aber Zeit, um sich zu regenerieren. Wie man eine Gehirnerschütterung erkennt und warum ein Arztbesuch angeraten ist, erklärt Dr. Bernhard Plath, Notfallmediziner, Internist und Leiter der Zentralen Aufnahmeeinheit in der St. Lukas Klinik in Solingen.

Herr Dr. Plath, was geschieht eigentlich bei einer Gehirnerschütterung im Kopf? Zunächst einmal muss es zu einer äußeren Gewalteinwirkung auf den Kopf kommen. Dabei wird das Gehirn erschüttert, wie der Name schon sagt. Bei jüngeren Menschen passiert dies oftmals bei Sportunfällen, bei Älteren, zum Beispiel bei Pflegepatienten, kann es zu einer Gehirnerschütterung kommen, wenn sie beispielsweise aus dem Bett fallen. Vergangene Woche hatte ich einen Patienten in der Notaufnahme, der eine Bierflasche auf den Kopf bekommen hat. Auch der zeigte deutliche Anzeichen einer Gehirnerschütterung. Letztlich ist es die leichteste Form einer Schädel-Hirn-Verletzung. Es handelt sich um eine vorübergehende Schädigung von Hirnzellen, diese gehen aber nicht kaputt beziehungsweise sterben nicht ab.

Welche Symptome weisen auf eine Gehirnerschütterung hin? Typisch für eine Gehirnerschütterung ist ein kurzer Bewusstseinsverlust direkt nach dem Stoß oder Schlag auf den Kopf. Diese Bewusstseinsstörung tritt häufig auf, es gibt aber auch Fälle, bei denen es nicht dazu kommt. Ebenfalls typisch sind Übelkeit und Erbrechen im Schwall. Betroffene sind zudem meist benommen und stellen häufig mehrfach hintereinander die gleichen Fragen. Viele haben eine leichte Amnesie, das heißt einen Gedächtnisverlust. Dieser kann die Zeit vor dem Unfall beinhalten oder den Zeitraum nach dem Ereignis. Kopfschmerzen sind natürlich ebenso ein typisches Symptom der Gehirnerschütterung.

Wie leiste ich im Fall des Falles Erste Hilfe? Bei Bewusstlosigkeit ist es wichtig, den Betroffenen in die stabile Seitenlage zu bringen. Falls sich der Patient erbrochen hat, sollten Ersthelfer dafür sorgen, dass die Atemwege freibleiben. Auf jeden Fall sollte der Rettungswagen gerufen werden, denn in den meisten Fällen müssen die Verunfallten ins Krankenhaus. Auch der Arzt kann vor Ort nicht zu 100 Prozent feststellen, ob es sich tatsächlich nur um eine Gehirnerschütterung handelt oder eventuell doch um eine Hirnkontusion – eine besonders schwere Gehirnerschütterung – oder gar eine Hirnblutung. Auch wir Ärzte können nicht ins Gehirn hineinschauen. Wenn es letztlich nicht so schlimm ist, können die Patienten auch wieder nach Hause.

Welche Risiken bestehen bei einer Gehirnerschütterung? Risiken bestehen vor allem für Menschen, die Blutverdünner wie zum Beispiel Marcumar einnehmen. Bei ihnen reicht schon ein leichterer Kopfstoß, um eine Hirnblutung auszulösen. So hatte ich den Fall einer Patientin, die sich gebückt hatte und beim Aufstehen unter die geöffnete Schranktür geschlagen ist. Auf den ersten Blick ging es ihr gut, sie hatte aber eine Hirnblutung. Ein weiterer Fall war ein Mann, der mit dem Rad gestürzt war. Er war fit, trug einen Helm und hat sich vehement dagegen gewehrt, überhaupt ins Krankenhaus zu gehen. Er ist dann auch noch selbstständig auf seinen eigenen Beinen zu uns in die Notaufnahme gekommen. Allerdings war er, genau wie die Frau aus dem ersten Beispiel, Marcumar-Patient. Er hatte eine Hirnblutung und musste dann schnellstens zur Operation in die Neurochirurgie gebracht werden. 

Das heißt nicht, dass Patienten, die Blutverdünner nehmen, panisch reagieren sollen, wenn sie sich den Kopf stoßen. Es ist jedoch angeraten, dass sie auch bei leichteren Stößen den Arzt aufsuchen, weil es bei ihnen schneller zu Komplikationen kommen kann. In einigen Fällen kann es passieren, dass es erst einige Tage oder Wochen nach dem Unfall zu neurologischen Ausfällen, wie Lähmungen im Arm oder Sehstörungen, kommt. Auch dann besteht die Gefahr, dass nachträglich noch eine Hirnblutung aufgetreten ist. Betroffene sollten dann einen Zusammenhang mit ihrer Gehirnerschütterung in Betracht ziehen, auch wenn der Unfall schon etwas zurückliegt, und im Zweifelsfall lieber ins Krankenhaus fahren.

Was unternimmt der Arzt, wenn ein Betroffener mit Symptomen einer Gehirnerschütterung in die Notaufnahme kommt? Der Arzt in der Notaufnahme führt eine gründliche neurologische Untersuchung durch. Darüber hinaus wird eine Computertomografie veranlasst; damit lässt sich eine Hirnblutung ausschließen. An der Gehirnerschütterung selbst kann auch der Arzt nicht viel ändern. Wir behandeln die Symptome. Das heißt, der Patient bekommt Schmerzmittel wie zum Beispiel Aspirin oder ähnliches. Diese Medikamente sollten aber immer nur nach Rücksprache mit dem Arzt genommen werden. Zudem ist Schonung angesagt.

Wie verläuft die Heilung nach einer Gehirnerschütterung? Eine Gehirnerschütterung heilt immer ab. Wie lange das dauert, ist individuell unterschiedlich. Zwischen einer und drei Wochen liegen im normalen Rahmen. Der Patient sollte sich schonen. Vor allem bewegte Bilder wie am Fernseher bekommen den meisten nicht. Das stellt man durch Ausprobieren fest. Wer es verträgt, darf durchaus Fernsehen schauen. Die meisten verzichten schon von selbst darauf, wenn es ihnen nicht bekommt. Früher haben die Patienten oft drei Wochen bei abgedunkeltem Zimmer im Krankenhaus gelegen – das macht man heute nicht mehr. Schonen sollten sich die Betroffenen aber auf jeden Fall. Wie lange eine Arbeitsunfähigkeit besteht, hängt vom Einzelfall ab. Patienten sollten sich darüber mit ihrem Arzt beraten. Es kann auch vorkommen, dass eine Gehirnerschütterung nicht als solche erkannt wird, weil die typischen Symptome wie Erbrechen oder Bewusstlosigkeit fehlen. Mancher geht dann gar nicht erst zum Arzt. In solchen Fällen heilt die Gehirnerschütterung folgenlos und unbemerkt aus. Generell gilt aber: Nach einem schweren Schlag auf den Kopf sollten Betroffene auf jeden Fall den Arzt aufsuchen. In leichteren Fällen ihren Hausarzt. Kommt es jedoch zu Übelkeit, Erbrechen oder Bewusstlosigkeit, ist auf jeden Fall ein Besuch im Krankenhaus angeraten, im Zweifelsfall immer die 112 wählen. Lieber einmal zu viel als einmal zu wenig.

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