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Die Angst in den Griff bekommen

Phobien

Angst vorm Zahnarzt, Angst vorm Fliegen, Angst vor Spinnen – vor irgendetwas fürchtet sich wohl jeder ein wenig. Wer jedoch dauerhaft Furcht vor Dingen oder Situationen hat, sollte sich therapeutische Hilfe holen. Einen Grund, sich für seine Angst zu schämen, gibt es nicht.

07.09.2015 / Lesedauer: 4 min
Die Angst in den Griff bekommen

Viele Menschen verbinden mit dem Besuch beim Zahnarzt keine guten Erinnerungen.

Am bekanntesten sind sicher Akrophobie (Höhenangst), Klaustrophobie (enge Räume) und Agoraphobie (weite Plätze, Menschenansammlungen). Doch wann wird die leichte Furcht zu einer Angststörung oder einer Phobie? Die Phobie unterscheidet sich von der eher allgemein orientierten Angststörung durch die konkrete Furcht vor einem Objekt oder einer Situation.  

Und beide gehen über die einfache Angst vor Spinnen oder Ähnlichem hinaus. „Zunächst einmal hat Angst aber etwas Gesundes“, erklärt Olaf Bick, Neurologe und Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie sowie ärztlicher Leiter des Medizinischen Versorgungszentrums für seelische Gesundheit in Wuppertal. „Angst provoziert eine Fluchtreaktion und lässt uns in Gefahrensituationen natürlich reagieren.“Viele reagieren zu spät Über ein Normalmaß geht die Angst dann hinaus, wenn sie den privaten und/oder beruflichen Alltag einschränkt oder gar beherrscht. „Auch, wenn die Angst nicht mehr zuzuordnen ist, geht sie über das Übliche hinaus. In der Behandlung erleben wir es oft, dass Menschen mit Angststörungen erst sehr spät zu uns kommen. Ich kenne Patienten, die mir erst beim dritten oder vierten Gespräch plötzlich sagen, dass sie Angst vor bestimmten Situationen haben.“ Anders sei das bei Patienten mit Panikattacken. „Die kommen recht schnell zu uns. Meist über den Hausarzt, weil solche Attacken auch physische Reaktionen wie Atemnot, Herzrasen oder Kreislaufprobleme auslösen.“

Menschen mit einer generalisierten Angststörung stehen hingegen dauernd unter Strom. „Typisch sind ganze Kaskaden katastrophisierender Gedanken“, sagt Bick. „Haben Betroffene Bauchweh, denken sie an Krebs. Fahren sie Auto, denken sie an einen möglichen Unfall.“ Und was hilft bei Angst und Panik? „Das ist ganz unterschiedlich“, erklärt Bick. „Manche Patienten kommen mit einer rein medikamentösen Therapie am besten zurecht, andere benötigen eine ergänzende Psychotherapie.“

Auch helfe es, Entspannungstechniken wie Progressive Muskelrelaxation, Autogenes Training oder auch Tai Chi oder Qi-Gong zu erlernen. „Damit bekommen die Patienten ein Handwerkszeug, das sie anwenden können, wenn es notwendig ist. Es gibt ihnen ein gutes Gefühl, wenn sie nicht nur Medikamente nehmen, sondern selbst aktiv etwas gegen die Angst machen können.“

Direkte Konfrontation Am effektivsten sei es jedoch immer noch, therapeutisch auf die direkte Konfrontation mit dem Angstauslöser hinzuarbeiten. Beim sogenannten Flooding wird ein Phobiker nach ausführlicher Vorbereitung dem für ihn angstauslösenden Reiz ausgesetzt. In dieser Situation soll er verweilen, bis seine Angst zurückgegangen ist. „Die direkte Konfrontation funktioniert in der Praxis aber eher in wenigen Fällen“, sagt Bick. Nicht etwa, weil die Therapie nicht erfolgreich wäre – das ist sie zu 60 bis 80 Prozent.  

„Aber es ist nur ein geringer Anteil aller Patienten in der Lage, diese Therapieform auch zu akzeptieren. Die Therapeuten können allerdings sehr gut einschätzen, wem sie eine Konfrontation zumuten können und wem nicht.“ In anderen Fällen setzt sich der Betroffene Schritt für Schritt mit seiner Angst auseinander. „Wer sich beispielsweise davor fürchtet, mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu fahren, beginnt damit, eine Station zu ruhiger Zeit im Bus zu fahren. Dann zwei, dann drei. Später auch mal in der Rush Hour.“Vielfältige Ursachen Die Gründe für Phobien oder Angststörungen können ganz unterschiedlich sein. „Es muss nicht zwingend einen ersichtlichen Auslöser geben“, erklärt der Spezialist. „Ein Mikrotrauma ist als Auslöser für eine Phobie nicht nötig.“ Umgekehrt kann es aber durch eine Schocksituation durchaus zu einer Phobie kommen. „Es gibt auch erlernte Phobien. Wer als Kind erlebt hat, dass die Eltern vor bestimmten Dingen große Angst haben, übernimmt diese Furcht für sich selbst.“ Wovor die Menschen Angst haben, kann sich mit dem Zeitgeist ändern. „Im Mittelalter waren es die Hexen oder die Pest, heute sind es Krebs oder Flugangst. Der Zeitgeist ändert also die Symptome der Erkrankung. Die Mechanismen aber sind dieselben geblieben.“ Die am weitesten verbreiteten Ängste sind aber nach wie vor Höhenangst, Platzangst und Angst vor Enge. „Panikstörungen haben oft gar keine konkrete Ursache – dieser muss erst in einer Therapie auf den Grund gegangen werden.“ Eine Behandlung von Angsterkrankungen kann langwierig sein – oft länger als die einer Depression. „Es ist allerdings nicht ungewöhnlich, dass beide Erkrankungen gemeinsam auftreten.“ Wer das Gefühl hat, von seinen Ängsten im Alltag erdrückt zu werden, sollte sich an den Arzt seines Vertrauens wenden, der dann an den passenden Facharzt oder Psychologen überweist.  

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