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Digitale Künstler machen die Zukunft sichtbar

Region Zukunft

12.000 Fotografien im Computer erzeugt: Hochfarben Render in Lünen kreiert reale Ansichten von Dingen, die es (noch) gar nicht gibt.

29.10.2019, 10:41 Uhr / Lesedauer: 3 min
Digitale Künstler machen die Zukunft sichtbar

Thomas Wenk steht vor einer weißen Wand. Doch dank der VR-Brille bewegt er sich in diesem Moment durch eine mondän eingerichtete Küche in einer Villa irgendwo am Meer. © Christian Lukas

Wenn Thomas Wenk Laien erklären soll, was die sechs Mitarbeiter seiner Firma Hochfarbe Render GmbH eigentlich den ganzen Tag an ihren Rechnern machen, fasst er dies in der Regel in einem Satz zusammen: „Sie machen Bilder von Dingen, die es gar nicht gibt.“

Ein wenig schmunzeln muss er schon, wenn er seine Tätigkeit so beschreibt. Wie fotografiert man etwas, das gar nicht existiert? Die Antwort ist einfach: Mit viel Kreativität, mit Computeranimationen und sehr viel Rechnerleistung. Es verwundert nicht, dass im Untergeschoss des Lüntec Technologiezentrums auf dem Gelände der ehemaligen Zeche Minister Achenbach IV alle Räume für die Mitarbeiter stets offen stehen – mit einer Ausnahme: dem Serverraum. Hier steht – durchaus laut wummernd – die geballte Rechnerleistung des Unternehmens, das tatsächlich Bilder anfertigt von Produkten der unterschiedlichsten Art, die so noch gar nicht in der realen Welt vorhanden sind.

Digitale Künstler machen die Zukunft sichtbar

Alles aus dem Rechner: Der Duschkopf, die Wasserstrahlen, die Inszenierung. Mit einem Auftrag des Armaturenherstellers Grohe nahm die Geschichte des Unternehmens Hochfarbe Render ihren Anfang. © Grohe

In einem – ganz klassisch auf Papier gedruckten – Katalog des Unternehmens zeigt Thomas Wenk auf die Fotoserie eines Duschkopfes. Wasser schießt aus den Düsen. Der Clou des Duschkopfes: Die verschiedenen Strahlstärken werden durch Knopfdruck geregelt. Auch davon gibt es ein Foto. Nur: „Genau dieser Duschkopf existierte, als die Bilder entstanden, nur in unseren Rechnern. Das alles wirkt zwar fotorealistisch, da wir nicht nur das Produkt abbilden; es wird durch den Einsatz von Licht Atmosphäre erschaffen, die über die reine Produktfotografie hinausgeht, aber dennoch stammen diese Fotografien aus dem Computer.“

Zufällig hat er das Beispiel nicht gewählt. Der Armaturenhersteller Grohe war 2010 der erste Kunde des Unternehmens. Normalerweise müssten diese, wenn sie neue Armaturen planen, von ihnen Modelle anfertigen. Was ein langfristiger Prozess ist. Oder das Unternehmen schickt die Konstruktionsdaten an Hochfarbe und dann werden an den Rechnern dort fotorealistische Bilder hergestellt. Virtuell. Es gibt Programme, mit denen man Oberflächen erstellen oder das Licht setzen kann, die Dreidimensionalität erzeugen.

Filmfreunde kennen die Computer Generated Imagery – CGI: Den Vorgang mittels 3-D-Computergrafik Bilder und visuelle Effekte zu erzeugen. Und genau solche Bilder liefert das Unternehmen aus Lünen – nur dass die Kunden eben nicht in Hollywood sitzen, sondern Industrieunternehmen sind.

Produktanimationen

Ob Fotos von Produkten, die noch gar nicht existieren, oder Produktanimationen: Das ist das Tagesgeschäft von Thomas Wenk. Aber auch Produkte in der Anwendung, in dreidimensionalen Simulationen gehören zum Produktportfolio. „Unsere Arbeit verkürzt Produktions- und Planungszeiten von Unternehmen enorm. Wir bekommen die Produktionsdaten und erste einfache aussagekräftige Bilder können wir im Idealfall in einer Dreiviertelstunde liefern.“ Große Aufträge dauern allerdings etwas länger.

Digitale Künstler machen die Zukunft sichtbar

Unspektakulär sieht es im Arbeitsbereich der Mitarbeiter von Hochfarben Render aus. Ein paar Computer stehen auf den Tischen von (v.l.) Matthias Pöppe, Melissa Kempen, Torben Jahn und Geschäftsführer Thomas Wenk. Das war es. Den Rest sieht man nicht, das ist Rechnerleistung im Raum nebenan. Verpackt in schwarzen „Kisten“. © Christian Lukas

Für den bereits genannten Armaturenhersteller Grohe lieferte das Lüner Unternehmen das Bildmaterial für eine App, die es möglich macht, Armaturen des Herstellers mit allen lieferbaren Waschbecken zu kombinieren, um virtuell einen Eindruck davon vermittelt zu bekommen, wie so eine Armatur denn später im heimischen Badezimmer aussieht (und ob sie sich überhaupt anschließen lässt).

Dabei sind 12.000 Bilder generiert worden. „Das war schon ein interessanter Auftrag“, lacht der studierte Physiker, der das Unternehmen ursprünglich in Schwerte gegründet hat, da an der dortigen Ruhrakademie ein Fachbereich Filmische Computeranimation existierte. Dort gab es demnach die Talente, die er suchte.

Computervisualistik

Nach der Schließung des Fachbereichs zog auch das Unternehmen um nach Lünen. Heute kooperiert man im Technologiezentrum mit der Hochschule Hamm-Lippstadt und dem dort ansässigen Fachbereich Computervisualistik + Design. Zwei Studierende absolvieren zurzeit ihr Pflichtpraktikum bei ihm.

Fachleute – Digital Artists – sind in der Branche rar. Die Zeit der Quereinsteiger, die sich ihr Wissen aufgrund fehlender Ausbildungsmöglichkeiten und Technologien noch selbst beibrachten, ist vorbei. Dafür sind die Programme und Aufgaben zu komplex.

Ingenieurisches Denken ist ebenso wichtig wie ein künstlerisches Verständnis für Bildgestaltung. Jeder Mitarbeiter, der das Unternehmen verlässt, reißt eine Lücke. Und Thomas Wenk weiß auch, dass viele junge Mitarbeiter ein Unternehmen wie Hochfarbe Render zum Teil nicht als Ziel, sondern eher als eine Etappe auf ihrem Weg betrachten. Im Begriff des Digital Artists steckt eben auch das Wort Artist – Künstler. „Einer unserer früheren studentischen Hilfskräfte“, sagt der 51-Jährige anerkennend, „ist inzwischen im Auftrag von Marvel im Superheldenkino als Effektkünstler unterwegs.“

Dabei gibt es auch in Lünen mehr als „nur“ die Fotografie. „Wir entwerfen auch virtuelle Räume, durch die sich unsere Kunden bewegen können.“ Aus dem Game Design ist die Software entnommen, doch hier hastet kein Gamer durch eine Urwelt oder kämpft gegen Zombies. Wer eine VR-Brille aufsetzt, bewegt sich etwa durch virtuell erzeugte Küchen.

Ob Maschinenbauer, Autoteilezulieferer, Leuchtenhersteller, Hörgerätehersteller, Architekten: Unterschiedlichste Branchen und Berufsgruppen nehmen den Service des Lüner Unternehmens in Anspruch.

Etwas fotorealistisch sehen, was es in der Realität noch gar nicht zu betrachten gibt, war vor wenigen Jahren noch Zukunftsmusik. Eine Musik, die bei Hochfarbe jeden Tag ganz real seine Melodie spielt.