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Für Opfer von häuslicher Gewalt

Frauen helfen Frauen

Seit 1976 hat das Frauenhaus Dortmund über 10.000 Frauen und Kindern Schutz geboten. Deshalb erhält der Trägerverein „Frauen helfen Frauen“ den Sonderpreis Dortmunder Engagement 2020.

12.12.2020, 12:00 Uhr / Lesedauer: 3 min
Das Frauenhaus Dortmund hat Platz für 16 Frauen. Bis zu sechs Monaten bleiben die Bewoherinnen.

Das Frauenhaus Dortmund hat Platz für 16 Frauen. Bis zu sechs Monaten bleiben die Bewoherinnen. © Ricarda Mohr

Von Irmine Estermann
Ein Quarantäne-Apartment bis das Ergebnis des Schnelltests vorliegt, gibt es jetzt. Statt persönlich zur Beratung zu kommen, greifen die Bewohnerinnen in ihrem Zimmer zum Telefon. Die Küche darf aktuell nur noch einzeln betreten werden. Mittlerweile ist das Frauenhaus Dortmund gut gewappnet für Hygiene- und Abstandsregeln, die mit Corona einhergehen. Am Anfang der Pandemie saß der Schock bei den Mitarbeiterinnen allerdings tief. Denn es war unklar, ob die Türen während des Lockdowns weiterhin für Frauen, die Opfer von häuslicher Gewalt wurden, offen stehen könnten. Doch dank intensiver Gespräche stand schnell ein Konzept und es war klar: Das Frauenhaus Dortmund kann seine dringend nötige Arbeit durchgehend weiterführen.

„Zu Beginn ist es für uns alle hier sehr anstrengend gewesen“, erinnert sich Eva Grupe an ihre Arbeit im Frühjahr. Nicht nur, weil unklar war, ob und wie Frauen im Frauenhaus weiterhin aufgenommen werden können, sondern auch für sie und ihre Kolleginnen selbst.

„Der persönliche Ausgleich kippte bei mir hinten über. Ich war sehr angestrengt“, gibt Diplom-Sozialpädagogin Ria Pinter offen zu. Denn es ist sicherlich keine leichte Arbeit, die sie und ihre Kolleginnen täglich machen. Frauen und Kinder, die Schutz im Frauenhaus suchen, sind oft schwer traumatisiert. Sie haben sich jahrelang in einer Situation befunden, in der sie bedroht und misshandelt wurden. Deshalb haben alle Mitarbeiterinnen im Frauenhaus eine traumatherapeutische Zusatzausbildung.

Anfragen stiegen erst nach erstem Lockdown

Während des ersten Lockdowns gab es überraschend wenig Anfragen „Wir hatten den Eindruck, die Frauen trauten sich nicht“, erinnert sich Pinter. Erst Anfang Mai, als die ersten Lockerungen kamen, war klar: Die Männer verließen seltener das Haus, deshalb hatten Frauen weniger Möglichkeiten, um Hilfe zu bitten oder gar zu packen und die gemeinsame Wohnung zu verlassen. „Sie kamen einfach nicht weg. Jetzt zum zweiten Lockdown scheinen sie besser darauf vorbereitet zu sein“, sagt Pinter. Die Nachfrage sei hoch.

Ob es definitiv einen Anstieg von häuslicher Gewalt 2020 gibt, können Ria Pinter und Eva Grupe nicht belegen. Wenn bei ihnen ein Platz frei wird, besetzen sie ihn direkt neu oder vermitteln an andere Frauenhäuser weiter – vor allem bei Hochrisikofällen. Studien gingen aber davon aus, dass häusliche Gewalt in diesem Jahr zugenommen habe. Oft versuchen die Frauenhaus-Mitarbeiterinnen in einem ersten Telefongespräch zu ermitteln, wie hoch die Gefährdung ist – ob der Lebenspartner zum Beispiel auch Waffen im Haus hat. Immer wieder stellen sie dabei fest, dass Frauen nicht nur unsicher sind, ob sie den gewalttätigen Partner wirklich verlassen sollen, sondern auch, ob sie ins Frauenhaus gehen sollen.

Für Kinder gibt es einen speziellen Bereich, wo sie malen und basteln können.

Für Kinder gibt es einen speziellen Bereich, wo sie malen und basteln können. © Frauenhaus Dortmund

Jugendamt wird nicht automatisch informiert

„Einige denken, dass dann automatisch das Jugendamt eingeschaltet wird oder dass sie hier an Gruppenaktivitäten teilnehmen müssen“, sagt Ria Pinter. Beides sei nicht der Fall. Verpflichtend seien nur regelmäßige Einzelgespräche zum aktuellen Befinden. Die Frauen haben ihre eigenen Zimmer samt Bad und gestalten ihren Tag selbst. „Wir haben auch keine Erwartungshaltung“, sagt Pinter. Wenn eine Frau zu ihrem Partner zurückkehren will, dann sei das allein ihre Entscheidung. Oft merken Frauen aber erst in der Einrichtung, wieviel entspannter es ist, ohne den Partner zu leben – auch Kinder entspannen sich dann. Alle die sich 2020 für ein weiteres Leben alleine entschieden haben, hatten eine zusätzliche Hürde zu meistern: Durch Corona wurde die Wohnungssuche sehr schwierig. In der Regel verlassen Bewohnerinnen das Frauenhaus nach spätestens sechs Monaten. Allerdings habe es im Sommer kaum Möglichkeiten gegeben, Wohnungen anzusehen. Besonders schwierig sei die Situation 2020 aber vor allem für Kinder. Das Homeschooling ist innerhalb des Frauenhauses zwar möglich, aber natürlich nicht so, wie es in der eigenen Wohnung wäre. Für Kinder seien Beratungsgespräche mit Maske zudem sehr schwer. Im Sommer hat Eva Grupe solche Gespräche deshalb oft bei einem Spaziergang geführt.

Auch wenn die Weihnachtsfeier dieses Jahr ausfällt, versuchen die Mitarbeiterinnen mit Dekoration und Geschenken für ein bisschen Weihnachtsstimmung zu sorgen.

Auch wenn die Weihnachtsfeier dieses Jahr ausfällt, versuchen die Mitarbeiterinnen mit Dekoration und Geschenken für ein bisschen Weihnachtsstimmung zu sorgen. © Frauenhaus Dortmund

Auf viele Veranstaltungen und Beratungstermine musste das Frauenhaus ebenfalls verzichten. Nicht nur die alljährliche Weihnachtsfeier für die aktuellen Bewohnerinnen fällt aus, sondern auch alle Gruppenaktivitäten, persönliche Beratungen und Treffen mit Frauen, die mittlerweile alleine leben. Dabei seien gerade diese persönlichen Gespräche wichtig, wenn es darum geht, auch Langzeitfolgen des Traumas zu verarbeiten und Opfer von häuslicher Gewalt zu stabilisieren. Die ehrenamtlichen Helferinnen des Frauenhauses Dortmund konnten sich ebenfalls nicht mehr richtig einsetzen. Rund 20 Frauen arbeiten zwar nicht in der Einrichtung selbst, unterstützen aber die Spendenakquise, stehen an Waffelständen, machen die Öffentlichkeitsarbeit und reichen eigentlich immer eine helfende Hand, wenn sie gebraucht wird.

Finanzierung durch Spenden

Sie alle gehören zu „Frauen helfen Frauen“, dem gemeinnützigen Trägerverein des Frauenhauses Dortmund. 1976 gründeten Frauen der Dortmunder Frauenbewegung das Frauenhaus, und betreiben auch die Beratungsstelle. Mittlerweile bietet das Haus Platz für 16 Frauen samt Kindern. Mehr als 10.000 Opfer von häuslicher Gewalt wurden hier bereits aufgenommen, alleine 2019 waren es 93 Frauen und 94 Kinder. Die Adresse ist anonym. Frauen werden von einem Treffpunkt abgeholt und dorthin gebracht.

Auch wenn das Frauenhaus sowohl von der Stadt Dortmund als auch vom Land Nordrhein-Westfalen gefördert wird, muss es jedes Jahr 80.000 bis 100.000 Euro aus eigenen Mitteln durch Spenden aufbringen, um Kosten für Instandhaltung, Beratungs- und Betreuungsangebote und Mitarbeiter zahlen zu können. Der mit dem Sonderpreis Dortmunder Engagement 2020 verbundene Betrag hilft mit, das Jahr 2021 finanziell abzusichern.

Frauenhaus Dortmund Notruf: 0231 800081

Dortmunder Engagement 2020 #wirhaltenzusammen Ein besonderes Jahr erfordert eine besondere Ehrung. 2020 werden stellvertretend vom Lensing Media Hilfswerk vier Institutionen ausgezeichnet, die sich – besonders in der Pandemie-Zeit – für das Ehrenamt verdient gemacht haben. Jede Institution wird an einem der vier Advent-Samstage auf einer Sonderseite vorgestellt – und erhält eine Spende zur Unterstützung ihrer Arbeit. Die Ausbüttels Apotheken sind der Aktionspartner des Lensing Media Hilfswerks und beteiligen sich finanziell mit dem Ausbüttel Taler daran. Möchten auch Sie das Lensing Media Hilfswerk mit einer Spende unterstützen? Spendenkonto: Lensing Media Hilfswerk gemeinnützige GmbH / Sparkasse Dortmund / BIC: DORTDE33XX / IBAN: DE64 4405 0199 0001 3187 56 / www.lensingmedia.de/hilfswerk