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Knoten lösen

Interview

Die Urbanisten haben es sich zum Ziel gesetzt, neue Perspektiven für urbane Lebensräume zu schaffen. Im Interview erzählt Geschäftsführungsmitglied Jan Bunse, was ihn antreibt – und was er Dortmund wünscht.

29.10.2019, 10:43 Uhr / Lesedauer: 4 min
Knoten lösen

Jan Bunse möchte Menschen dazu anregen, ihre Faulheiten zu überwinden. © privat

Seit wann und warum gibt es die Urbanisten? Und wie viele Menschen stecken da eigentlich hinter?

Wir haben 2010 als studentische Initiative angefangen, weil wie die Möglichkeiten, sich an der Kulturlandschaft und Stadtentwicklung im Ruhrgebiet zu beteiligen, für uns und alle Bürger verbessern wollten.

Da wurde – vor allem im Zuge von Ruhr.2010 – viel von außen eingekauft, obwohl es insbesondere in der Subkultur viele Leute gab, die man hätte vorzeigen können. Viele von uns hatten dabei konkrete eigene Ideen für kulturelle Projekte. Wir sind jetzt etwas gewachsen, sind professioneller geworden und haben nicht nur unsere 40 Mitglieder, sondern auch 10 Angestellte – und sind Teil einiger größerer Projekte.

Jeder hat seine ganz individuellen Vorstellungen von der perfekten Zukunft Dortmunds. Wie findet ihr den gemeinsamen Weg, den alle gerne gehen?

Es gibt immer genug Möglichkeiten, seine eigenen Wünsche zu verwirklichen, ohne der oder dem anderen zu sehr auf den Schlips zu treten.

Wir müssen glücklicherweise nicht über die Zukunft aller Dortmunder entscheiden, und auch nicht über den Grad der Perfektion von individuellen Zukunftsvorstellungen. Es gibt zwar auch Literatur zu dem Thema, wie man sich kollektiv effektiv organisiert, aber man kann vieles auch mit gesunder Menschenkenntnis lösen.

Wie sehen die neuen Perspektiven für urbane Lebensräume aus, die ihr entwickelt?

Die neuen Perspektiven entstehen durch die betroffenen Personen. Sie sollen selbst entscheiden, wie ihre Lebensräume aussehen sollen. Manchmal braucht man aber einen Hinweis von außen, was gut funktionieren könnte, wie man besser kommuniziert, wie man besser wertschätzt, was man schon hat. Dabei helfen wir. Wir haben viele eigene Ideen, aber wir sind auch gut vernetzt und schauen, was andere Initiativen, Büros oder Agenturen erfolgreich machen. Grundsätzlich versuchen wir immer, eine Atmosphäre der Kooperation zu erzeugen.

Warum ist Netzwerkarbeit so wichtig für eine Stadt?

Netzwerke sind immer wichtig. Menschen zu kennen, die Experten sind, die Türen öffnen können, mit denen man sich austauschen kann, ist hilfreich. Es ist auch schön, dass man weiß, dass es Leute gibt, die ähnlich ticken. Wenn man auf einem Kongress ist und Menschen aus Dresden, Bremen, Wuppertal und München trifft, die an ähnlichen Dingen auf ähnliche Weisen arbeiten, dann gibt einem das viel Bestätigung.

Wie unterstützt euch die Stadt Dortmund bei euren Projekten?

Wir arbeiteten in der Vergangenheit und nach wie vor sehr gerne mit der Stadt Dortmund zusammen, wie mit allen Kommunen. Dabei fühlen wir uns aber auch als Unterstützung für die Städte.

Ein zentrales Thema bei euch: Upcycling und DIY. Was entsteht in eurer Holzwerkstatt so alles? Wer kommt vorbei? Und warum finden plötzlich alle Paletten hübsch?

Ich weiß nicht, ob alle plötzlich Paletten hübsch finden. Wir erleben aber, dass Menschen vor allem die Dinge gut und schön finden, an denen sie selbst mitgewirkt haben.

Knoten lösen

Die Urbanisten verbessern und beleben Stadtquartiere und entwickeln vielfältige Beteiligungsprojekte. © Fotografie Bjoern Hickmann

Die Ästhetik des Endprodukts steckt vor allem in der bei der Herstellung erfahrenen Selbstwirksamkeit. Paletten sind eine praktische und günstige Möglichkeit, an Baumaterial zu kommen, ich schätze, deshalb sind sie so beliebt.

Aber der Kreativität sind in unserer Manufaktur keine Grenzen gesetzt, vom Ausbau des Wohnwagens über Kinderspielhäuser für den Kleingarten bis hin zu Insektenhotels kann man bei uns viele Dinge herstellen. Das Netz ist auch voll mit Inspirationen.

Es ist auch gerade für mich als Akademiker ein tolles Gefühl, sich mal selbst zu spüren, ohne dafür ins überfüllte und oberflächliche Fitnessstudio gehen zu müssen.

Auch Kunst im öffentlichen Raum ist ein Thema bei euch. Ihr bringt Farbe in die Stadt. Was macht diese Farbe mit Dortmund?

Leider hat der schnelle Wiederaufbau nach dem Krieg im Ruhrgebiet, auch in Dortmund, größtenteils miserable städtebauliche Qualität erzeugt. Immerhin gibt es viele gestaltbare Wände, die aber auch leider oft von „Gestaltungen“ fragwürdiger Qualität heimgesucht werden.

Wir möchten dazu beitragen, dass man offenen Auges durch die Stadt wandern kann und überall etwas Interessantes entdeckt.

Die Gestaltungen können dabei zur Identifikation und, auch wenn ich das Wort nicht so gerne mag, Stolz auf die eigene Stadt beitragen. Man muss sich mal anschauen, was zum Beispiel die Freiraumgalerie in Halle geschafft hat. Da wollte keiner mehr hin und jetzt kommen Leute aus Australien, um die Wände zu sehen.

Auch Kinder und Jugendliche dürfen mit euch kreativ werden. Wie erlebt ihr sie bei der Arbeit?

Wir haben seit unserer Gründung in den vielen Projekten sehr viel Selbstwirksamkeit erfahren dürfen, wir haben von unseren Auftraggebern viel Vertrauen bekommen und wir haben viel Neugierde. Das strahlen wir in der Arbeit mit den Kindern aus, und die Kinder nehmen das auf.

Wir versuchen immer Augenhöhe herzustellen und die Kinder in ihren Bedürfnissen und Ideen ernst zu nehmen. Und sie reagieren darauf mit viel Kreativität.

Was sind deine konkreten Aufgaben?

Ich bin Teil der Geschäftsführung, die bei uns von den Leitern der jeweiligen Projekte gebildet wird und arbeite in drei Forschungsprojekten.

In Bochum versuchen wir im Projekt „UrbaneProduktion.Ruhr“, neue Räume für kleinteilige Manufakturen zu erschließen und den Machern zu mehr Gehör in der Verwaltung zu verhelfen. Dann erarbeiten wir gerade im EU-Projekt „ProGIreg“ für den Dortmunder Norden ein Konzept der urbanen Landwirtschaft, wir wollen unsere Gardening-Erfahrungen in einen größeren Maßstab überführen.

Und zuletzt, aber nicht weniger wichtig, möchten wir unseren Standort am Union Gewerbehof mit dem Projekt „LUZI“ weiter qualifizieren und einem Zentrum der urbanen Innovation entwickeln. Außerdem kümmere ich mich um eine funktionierende IT-Infrastruktur, gieße die Pflanzen im Büro und beantworte deine Fragen.

Was treibt dich persönlich an?

Ich liebe es, Knoten zu lösen. Ich möchte Menschen dazu anregen, ihre Ängste und Faulheiten zu überwinden. Ich möchte, dass Menschen freundlicher miteinander umgehen. Ich mag es aber auch, wenn es gut duftet und wir genug Grün in der Stadt haben.

Was wünschst du Dortmund für die Zukunft?

Mehr Balkone, mehr Sitzgelegenheiten im öffentlichen Raum, weniger Autos und den Champions-League-Titel.

Wie kann man euch unterstützen?

Man darf uns auch gerne für Projektanfragen ansprechen. Wir wünschen uns auch mehr gestaltbare Fläche, etwa für Gartenprojekte. Wir nehmen gerne Spenden an, um mehr eigene Projekte umsetzen zu können. Aber am meisten freuen wir uns über Anregungen und Kritik zur Stadt der Zukunft, deshalb schreibt uns gerne mal an. Oder schaut auf unsere Homepage und kommt zu einem Termin und dort mit uns ins Gespräch.

www.dieurbanisten.de