Ohne Technik reicht es nur zur Schießbudenfigur

Selbstversuch bei Wernes Schützen

Auf dem Schützenfest ist das Schießen an der Bude eine beliebte Attraktion. Doch abseits davon ist der Wettkampf mit dem Luftgewehr eine gute Übung für Konzentration, Sehkraft und Körperbeherrschung. Unser Reporter hat die Sportschützen des Werner Schützenvereins Frohsinn 07 besucht und schnell gemerkt: Ohne Technik bleibt der Anfänger eine Schießbudenfigur.

von Paul Klur

WERNE

, 03.02.2016, 17:07 Uhr / Lesedauer: 4 min

Einatmen, ausatmen. Mit wackligem Griff versuche ich, das Gewehr auf der Auflage in Position zu bringen. Der schwarze Teil der Zielscheibe – und das ist alles, was ich erkenne – ist mit gut drei Zentimetern gerade einmal so groß wie ein Fünfmarkstück. Dieser kleine, schwarze Punkt dort in zehn Metern Entfernung wirkt viel winziger, als ich es mir vorgestellt hatte.

Dabei war ich optimistisch in mein erstes Erlebnis mit dem Luftgewehr gegangen. Nach jahrelanger Schieß-Erfahrung aus diversen Olympia-Simulationen an der Spielekonsole war meine Vermutung: „So schwer kann das ja nicht sein.“ Ist es aber. „Du wackelst ja ganz schön“, sagt einer der anwesenden Schützen, der mir bei meinem ersten Versuch zusieht. Als ich glaube, den richtigen Moment erwischt zu haben, drücke ich ab. Sofort spüre ich, wie das Gewehr in meinen Händen wackelt. Der geringe, aber doch spürbare Rückstoß verzieht meinen Schuss nach oben.

Präzision durch Erfahrung

Sportschütze Günter Schaar drückt auf einen roten Knopf an der Armatur der Schießanlage. Dann kommt meine Zielscheibe mit einer Art Seilbahn zu mir zurück. „Eine Drei. Immerhin“, muntert Schaar mich nach meinem ersten Schuss auf. Wie gedacht: Mein Schuss ist deutlich am oberen Ende eingeschlagen. Günter Schaar ist mein Mentor am Schießstand - ein erfahrener Schütze und bereits Teilnehmer bei mehreren Deutschen Meisterschaften.

Jetzt weiß ich aber, was ich falsch gemacht habe. Beim nächsten Mal ziele ich etwas nach unten und versuche, das Gewehr auch nach dem Abdrücken fester in meinen Händen zu halten. Ich atme, schieße, bin zuversichtlich. Die Scheibe kommt wieder zurück. „Die Höhe ist schon gare nicht schlecht“, sagt Schaar. Ich habe zwar diesmal die Scheibe seitlich verfehlt, arbeite mich aber langsam an die Höhe heran.

Um die Präzision eines Sportschützen zu erreichen, braucht es jahrelange Erfahrung. Und viel Training. Das ist mir nach meinen ersten Versuchen schon klar. „Wir treffen uns hier zwei bis drei Mal in der Woche“, sagt Günter Schaar. Er gehört zu den erfahrensten Schützen bei Frohsinn 07, feiert in zwei Jahren sein Goldenes Jubiläum als Vereinsmitglied.

 

Schaar zeigt mir ein Foto aus den 1960er-Jahren, auf dem er mit seinem Freund Rudi Bartsch zu sehen ist. Noch heute schießen die beiden gemeinsam im Verein. Bei der deutschen Meisterschaft 2008 holten sie in der Mannschaftswertung sogar einen Platz im oberen Drittel. „Wenn wir uns dafür qualifizieren, sind wir immer wieder gerne bei großen Wettkämpfen dabei“, sagt Schaar. Schließlich finden die Meisterschaften meist ganz in der Nähe statt, in Dortmund.

Aber wenn man dort wirklich erfolgreich sein will, „muss man schon nah an den 100 Punkten pro Serie liegen“, erklärt Schaar. Das heißt: Zehn Schuss, zehn Volltreffer. Der Zehn-Punkte-Ring in der Mitte der Scheibe hat einen Durchmesser von einem halben Zentimeter. Und mit meinem nächsten Schuss möchte ich mich diesem Ziel nähern. Günter Schaar erklärt mir vorher noch, wie er selbst mit seinem Gewehr das bestmögliche Ergebnis erzielt.

Seite 2: Mit den richtigen Tipps ins Schwarze

„Bevor ich anfange, stelle ich mich in Ruhe vor dem Schießstand auf“, sagt er und nimmt neben mir eine feste Standposition ein. Ich stelle mich daneben, versuche, seine Bewegungen nachzuvollziehen. „Die Füße sollten sich möglichst nicht bewegen. Danach gehe ich meist für eine kurze Zeit in mich, schließe die Augen und komme ganz zur Ruhe“, sagt Schaar. Ich versuche ebenfalls, mich zu entspannen.

Dann lade ich das Gewehr, genau wie Günter Schaar es mir gezeigt hat. Den Spannhebel zurückziehen und vor dem Laden schon das Gewehr auf die Auflage legen. „Wer das nicht macht, wird bei einem Wettkampf sofort disqualifiziert“, hat Schaar erklärt. Jetzt fehlt nur noch die kegelförmige Bleimunition mit flachem Kopf, Diabolo genannt.

Diesmal nehme ich mir vor, besonders auf meine Atmung zu achten. Meine Hände beruhigen sich und ich habe das Ziel nun fest im Visier. Ich drücke ab. Als die Scheibe zurückfährt, sehe ich schon, dass ich bei diesem Versuch zum ersten Mal das Schwarze der Zielscheibe getroffen habe. „Eine Acht! Das ist ja schon ganz ordentlich“, sagt Günter Schaar, nachdem er sich mein Trefferbild auf der Papierscheibe angesehen hat.

Die Ergebnisse der Schützen werden normalerweise maschinell ausgewertet. Zehn Scheiben sind auf einen Papierstreifen aufgedruckt, der nach dem Schießen in einen Automaten gesteckt wird. „Früher haben wir quasi von Hand ausgewertet. Was meinen Sie, wie viele da 100 Punkte geschossen haben?!“, sagt Günter Schaar und lacht. „Davon war nach der Umstellung auf den Automaten nicht mehr viel übrig.“

Doch auch die Technik am Werner Schießstand ist nicht mehr ganz auf der Höhe der Zeit. „Größere Vereine haben mittlerweile einen Computermonitor, der einem jeden Schuss anzeigt“, sagt Schaar. Das sei viel einfacher für den Schützen. In Werne müssen die Sportler im Wettkampf nach jedem Schuss die Seilbahn betätigen und den Papierstreifen um eine Scheibe weiter ziehen. „Mit so einem Monitor könnte ich sofort erkennen, was ich an meinem Schuss verbessern muss und die Auswertung ist noch um einiges genauer“, sagt Schaar.

 

Und das ist nicht die einzige Anschaffung, die einen Luftgewehr-Schützen nach vorne bringen könnte. Ein Sportler kann, wenn er möchte, eine Menge Geld für die Schießausrüstung ausgeben. „Ein richtig hochklassiges Gewehr kostet heute bis zu 2000 Euro. Aber meins ist noch von 1986“, sagt Schaar lächelnd. Doch damit fangen die Möglichkeiten erst an. Schießbekleidung „hält den Körper zusammen und sorgt für eine gute Haltung“, erklärt Schaar. Noch wichtiger für Profisportler sind allerdings die Schuhe, denn die haben eine vollkommen flache Sohle für einen festen Stand.

Schaar selbst ist aber nicht von Kopf bis Fuß ausgerüstet. Lediglich die richtige Munition ist für ihn wichtig. Ab und zu lässt er sein Gewehr in einem Fachhandel testen, um die richtige Munition für die Wettkampfsaison zu finden. „Kugeln sind aber nicht wie Rotwein“, scherzt er. „Wenn die zu lange liegen, werden sie immer schlechter.“

 

Doch für Schaar kommt es trotzdem mehr auf die Leistungsfähigkeit des Sportlers selbst an, als auf das Gerät: „Eine hochwertige Ausrüstung bringt vermutlich schon zwei oder drei Ringe mehr in einem Wettkampf. Aber wenn es einer verbockt, dann ist es immer der Schütze selbst!“

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