Vom Flüchtling zum angehenden Pferdewirt

Lenklarer Reitertage 2017

"Das ist eine lange Geschichte“, sagt Ibrahim Allo mit einem herzlichen Lachen, als er gefragt wird, wie es ihn nach Werne verschlagen hat. Allo ist 28 Jahre alt. Sein Heimatdorf in der Nähe von Aleppo hat er 2012 verlassen. Seit Anfang des Jahres hat der Syrer auf dem Hof der Familie Gripshöver eine neue Heimat gefunden.

WERNE

, 15.04.2017, 07:51 Uhr / Lesedauer: 2 min
Vom Flüchtling zum angehenden Pferdewirt

Ibrahim Allo musste Hofchef Lutz Gripshöver auch von seinen Fähigkeiten auf dem Pferd überzeugen.

Der junge Mann, der bei Gripshövers eine Ausbildung zum Pferdewirt absolviert, sitzt mit staubigem Pullover am Küchentisch der Familie. Die von der Arbeit im Stall verschmutzten Stiefel hat er zuvor abgeklopft, schnell noch die Mütze abgesetzt und die Frisur gerichtet.

Mit leichtem Akzent erzählt der 28-Jährige von seiner Flucht vor dem Krieg in Syrien, der drohenden Wehrpflicht, wie es ihn über weite Teile des Nahen Ostens und Europa bis nach Werne verschlagen hat. Seine Familie traf er zuletzt 2015 in der Türkei. Zurzeit kann er nur über Videotelefonate den Kontakt zu ihnen halten. Gerne hätte er seiner Mutter vor einigen Wochen persönlich zum syrischen Muttertag gratuliert. Es ging nur per Videobotschaft. „In solchen Momenten geht es einem natürlich schlecht“, sagt Allo und sein Lachen verliert sich für einen Moment.

Kompromiss mit den Eltern

In Syrien studierte er Englisch und Literatur – ein Kompromiss, den er mit seinen Eltern geschlossen hatte. „Mit ihnen war abgesprochen, dass ich erst studiere – und dann machen kann, was ich will“, sagt er und schon kehrt das Grinsen zurück. Denn das, was er wirklich machen will, ist junge Pferde ausbilden, auf ihnen reiten, sich um sie kümmern, auf jedes Tier einzeln eingehen. „Denn jedes Pferd hat seinen eigenen Charakter“, erklärt er. Viel Routine gäbe es in seinem Beruf nicht, „jeden Tag erlebe ich etwas Neues“, sagt Allo. Bereits in seinem Heimatland arbeitete er mit jungen Pferden zusammen. In Deutschland allerdings, so sagt er, sei das Niveau viel höher.

Täglich ist um 7.45 Uhr Dienstantritt auf dem Hof. Gearbeitet wird bis zur einstündigen Mittagspause um 12.30 Uhr. Dann geht es weiter bis 17.30 Uhr – mindestens. Wie passend, dass er eine Wohnung direkt am Hof der Familie Gripshöver beziehen konnte.

Den Kontakt zu Lutz Gripshöver vermittelte ihm ein Züchter aus Bayern, den er in seiner ersten Zeit in Deutschland in Landshut kennen lernte. Nach einem Telefonat vereinbarten die beiden einen Termin „für ein Vorstellungsgespräch und Probereiten“, sagt Allo. Auf die Frage Gripshövers, wann er anfangen wolle, „sagte ich: sofort. Ich hatte ja nichts zu tun.“

Bei seiner ersten Ausbildung in Deutschland auf einem Hof in Mettmann fühlte er sich „wie eine billige Arbeitskraft, wie ein Stalljunge“, sagt er und entschied: „Hier bleibe ich nicht.“ Umso glücklicher ist er an seinem jetzigen Arbeitsplatz: „Ich fühle mich hier wie Zuhause. Die Atmosphäre könnte nicht besser sein“, sagt er. Für drei Jahre gilt seine Aufenthaltserlaubnis in Deutschland.

Die Lenklarer Reitertage erlebt Ibrahim Allo zum ersten Mal, hilft im täglichen Turnierbetrieb mit. Ein Turnier in der Größenordnung ist nichts Unbekanntes für ihn: „In Syrien hatten wir auch jedes Jahr ein großes Turnier mit Prüfungen bis zu Vier-Sterne“, sagt er. Beim Gedanken daran entweicht ihm wieder ein warmes Grinsen –  das passiert ihm oft, wenn er über das redet, was er liebt. 

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