Die Volleyballerinnen des TV Werne sind vorzeitig Meister. Wie groß ist die Motivation vor den letzten Spielen da überhaupt noch? Die Einstellung ist dabei entscheidend.

Werne

, 18.03.2019, 13:37 Uhr / Lesedauer: 4 min

Laute Pfiffe gellen durch das Olympiastadion in Berlin. Aber der 29-jährige Fabio Grosso hört sie nicht. 69.000 Menschen fuchteln wild mit den Armen. Aber Fabio Grosso sieht sie nicht. Die Kameras, die auf ihn gerichtet sind, übertragen sein Gesicht an über 25 Millionen Menschen auf der ganzen Welt. Aber Fabio Grosso nimmt sie nicht wahr.

Der Italiener leckt sich noch einmal über die Lippen, läuft mit kurzen, trippelnden Schritten an und versenkt eine Sekunde später den wichtigsten Elfmeter in der Geschichte der italienischen Nation.

Die Rede ist natürlich vom Fußball-WM-Finale 2006 in Deutschland zwischen Frankreich und Italien. Fabio Grosso traf damals den entscheidenden Elfmeter und machte sein Vaterland 24 Jahre nach dem letzten Titel zum Weltmeister. Mehr Anspannung als Fabio Grosso in diesem einen Moment vor dem Schuss gefühlt hat, kann ein Sportler wahrscheinlich nicht fühlen.

TV Werne ist schon zwei Spieltage vor Saisonende Meister

So eine Anspannung sorgt für maximale Konzentration, totale Fokussierung und beflügelt Menschen zu absoluten Höchstleistungen. Solche Momente machen Sport aus. Was aber, wenn die Anspannung nicht mehr da ist? Was, wenn schon alle Ziele erreicht sind? Was, wenn man nicht mehr gewinnen muss?

Genauso geht es derzeit den Volleyballerinnen des TV Werne. Sie haben den Aufstieg nach einem Jahr Abwesenheit zurück in die Oberliga bereits geschafft - zwei Spieltage vor Saisonende. Gegner SV Minden trat vor einer Woche nicht zum Spiel an, durch die geschenkten Punkte stand der TVW als Meister fest.

Die Volleyballerinnen könnten jetzt also die Korken knallen lassen - es gibt nur ein Problem: Es stehen noch zwei Meisterschaftsspiele auf dem Programm. Wie motiviert ein Sportler sich, wenn bereits alle Ziele erreicht sind - geht das überhaupt?

Die Einstellung macht den Unterschied

Sportpsychologe Thorsten Loch aus Hennef glaubt daran, dass es geht. Die perfekten Beispiele dafür seien Ausnahmesportler wie der Portugiese Cristiano Ronaldo. Er ist bereits der beste Fußballer der Welt, trotzdem ist er noch immer der erste auf dem Platz, noch immer der letzte, der nach dem Training nach Hause geht, weil er ständig an sich arbeitet.

„Ich verlange von meinen Spielerinnen, dass sie weiterhin alles geben.“
Jochen Schönsee

„Es geht einfach um ein gewisses Selbstverständnis und Einstellung“, erklärt Thorsten Loch. „Das macht den Unterschied zwischen sehr guten und super guten Sportlern aus.“ Mit der entsprechenden Einstellung sei es also durchaus möglich, immer noch hundert Prozent und mehr zu geben - auch für die Volleyballerinnen des TV Werne, für die es - offiziell - um nichts mehr geht.

Die Spielerinnen selbst sagen natürlich, dass sie die nächsten beiden Partien gegen Massen (23. März) und Meschede (7. Mai) mit voller Konzentration angehen werden. „Die Anspannung ist bei uns überhaupt nicht weg, gerade weil uns das letzte Spiel eben genommen wurde, das werden wir jetzt nachholen“, erklärt TVW-Spielerin Annika Patzdorf.

Volleyballerinnen wollen ungeschlagen bleiben

Auch ihre Teamkollegin und Kapitänin Annika Böhle glaubt an volle Konzentration: „Ich denke, wir werden alles geben, weil es zum Beispiel gegen Massen das letzte Heimspiel ist und wir uns nochmal bei den Zuschauern bedanken wollen.“ Aber Böhle gibt auch zu, dass der Druck natürlich nicht mehr so da sei, wie vor dem Aufstieg, den sich das Team vor der Saison als Ziel gesetzt hatte.

Wie hält man als Sportler die Anspannung hoch, wenn das Saisonziel bereits erreicht ist?

Jochen Schönsee verlangt von seinen Volleyballerinnen volle Konzentration - obwohl der Aufstieg in die Oberliga schon feststeht. © Helga Felgenträger

„Ob ich mit der gleichen Anspannung aufs Feld gehe wie vorher, weiß ich nicht, das kann ich erst sagen, wenn ich dann auch aufs Feld gehe“, sagt die Volleyballerin und lacht. Aber die TVW-Damen hätten sich jetzt auf jeden Fall das Ziel gesetzt, bis zum Saisonende ungeschlagen zu bleiben.

Dass sich die Werner Volleyballerinnen das vorgenommen haben, sei schonmal ein ganz wichtiger Schritt in die richtige Richtung, erklärt Thorsten Loch: „Für einen Spannungsabfall sind eigentlich immer fehlende Zielstellungen verantwortlich, weil: Warum sollte ich mich anstrengen, wenn ich mein Ziel schon erreicht habe?“ So etwas könne laut Loch auch ein Trainer immer ganz gut steuern.

TV Werne will sich nichts vorwerfen lassen

Wie steht es da bei TVW-Trainer Jochen Schönsee? Der hatte vor der Saison überhaupt nicht das mannschaftsinterne Ziel Wiederaufstieg vorgegeben: „Das hatten sich die Mädels vorgenommen. Das Ziel, das ich vorgegeben habe, war, jedes Spiel zu gewinnen“, erklärt Schönsee. Es sei ihm darum gegangen, von Spiel zu Spiel zu schauen, und da sei natürlich jedes Mal das Ziel, als Sieger vom Platz zu gehen.

Deshalb glaubt, deshalb verlangt Schönsee von seinen Spielerinnen auf dem Feld auch weiterhin 100 Prozent. Außerdem: „Wir werden jetzt alles geben, das verlange ich ganz klar von meinen Spielerinnen, weil alles andere ist hochgradig unfair.“ Für den Gegner am letzten Spieltag - Meschede - geht es zum Beispiel noch um die Chance auf den Aufstiegs-Relegationsplatz. Und die Wernerinnen wollen sich auf keinen Fall Wettbewerbsverzerrung vorwerfen lassen.

Die Voraussetzungen für zwei letzte starke Auftritte und richtige Anspannung scheinen also da zu sein. Das sollten sie auch. Was nämlich im schlimmsten Fall passieren kann, wenn der Spannungsbogen einmal verloren ist, hat vor zwei Jahren Fußball-Kreisligist PSV Bork auf schmerzliche Weise lernen müssen.

Wie hält man als Sportler die Anspannung hoch, wenn das Saisonziel bereits erreicht ist?

Nachdem der PSV Bork 2017 als Staffelmeister feststand, ging es bergab für das Team von Ingo Grodowski. © Reith

PSV Bork gewann nach vorzeitiger Meisterschaft kein Spiel mehr

Ingo Grodowski, zum damaligen Zeitpunkt Trainer bei den Borkern, erinnert sich: „Wir standen in unserer Staffel schon lange vor dem letzten Spieltag als Meister fest, da hatten wir 18 Punkte Vorsprung vor dem Zweitplatzierten.“ Was passierte? Der Spannungsbogen ging nicht nach unten, er war praktisch gar nicht mehr vorhanden, denn: Die letzten sieben Spiele der Kreisliga A konnten die Borker nicht gewinnen. „Unser Training wurde lockerer, ich habe Spieler geschont, die leichte Blessuren hatten, wir wussten halt, dass wir Meister sind“, erklärt Grodowski.

„Es stand halt einfach verdammt früh fest, im Nachhinein war unser Verhalten damals aber vielleicht falsch.“ Sportpsychologe Thorsten Loch erläutert: „Ist der Spannungsbogen einmal unten, ist es unglaublich schwer, wieder reinzukommen. Genau so war es 2017 auch beim PSV Bork: Im Entscheidungsspiel gegen den anderen Staffelmeister Rot Weiß Unna II gab es eine 1:3-Niederlage, der Traum vom Aufstieg war geplatzt, die Mannschaft von Grodowski zerbrach wenig später.

Das ist natürlich das Worst-Case-Szenario. Dass es auch anders geht, haben - ebenfalls im Jahr 2017 - die Handballer des VfL Brambauer gezeigt: Auch beim Team von Trainer Nadim Karsifi stand der Aufstieg in die Landesliga schon ein paar Spieltage vor Saisonende fest.

Wie hält man als Sportler die Anspannung hoch, wenn das Saisonziel bereits erreicht ist?

Nadim Karsifi stieg mit den Handballern des VfL Brambauer 2017 in die Landesliga auf. © Goldstein

VfL Brambauer blieb konzentriert bis zum Saisonende

Trotzdem haben die Brambaueraner ihre letzten Spiele mit sieben, 16 und zehn Toren Unterschied gewonnen. „Nachdem feststand, dass wir aufsteigen, haben wir im Training trotzdem weiter durchgezogen, meine Jungs hatten eine klasse Einstellung“, so Karsifi. Natürlich sei man trotzdem befreiter aufgetreten, irgendwo sei der Druck raus gewesen. „Da gab es vielleicht Spielszenen, in denen wir vielleicht nicht zu 100, sondern nur 90 Prozent konsequent waren.“ Trotzdem sei der Siegeswille immer da gewesen.

Diese Einstellung haben anscheinend auch die Werner Volleyballerinnen. Wenn sie die in ihren letzten beiden Verbandsliga-Spielen auch mit aufs Feld bringen, sollte auch die nötige Anspannung da sein. Vielleicht ist die nicht ganz so groß wie bei Fabio Grosso 2006 im Olympiastadion - aber immer noch groß genug, um eine perfekte Saison zu krönen, indem der TVW ungeschlagen bleibt.

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