Im Dezember 2007 stand Winfried Hetzel dem WDR Rede und Antwort: Damals ging es nicht um seine sportliche Vergangenheit, sondern um den Zustand der Castrop-Rauxeler Sportplätze und eine Expertise, die zum Abriss mehrerer Anlagen geraten hatte. © Martin Goldhahn
Handball

Mann aus dem Rathaus war spät berufener Nationalspieler

Wer kennt noch Feldhandball? Die Hand heben jetzt wohl nur die älteren Semester. Der Hallenhandball hat den Feldhandball - wurde auf dem großen Fußballplatz gespielt - vollkommen verdrängt.

Einst war Feldhandball in Deutschland eine große Nummer. In den 1950er-Jahren strömten 35.000 und 40.000 Zuschauer zu Länderspielen gegen Österreich und Schweden ins Augsburger Rosenaustadion. Beim Finale um die Deutsche Meisterschaft 1954 waren 25.000 Fans im Stuttgarter Neckarstadion: Frisch Auf Göppingen besiegte den TuS Lintfort mit 18:8. Ab Ende der 1960er-Jahre wurde der Feldhandball jedoch mehr und mehr vom Hallenhandball verdrängt.

Castrop-Rauxeler Sportamtsleiter spielte in der Bundesliga

Einer der die Blütezeit des Feldhandballs miterlebte hat, ist Winfried Hetzel. Später war er viele Jahre Amtsleiter Sport in Castrop-Rauxeler Rathaus. Der heute 78-Jährige hat in der Bundesliga gespielt für Hamborn 07. Bei Grün-Weiß Dankersen war damals die deutsche Handball-Legende Herbert Lübking ein Gegner. Der große Unterschied zwischen Feldhandball und Hallenhandball sei, dass dieser Sport in der Halle viel intensiver und Köper betonter ist, so Hetzel.

Zu Bundesliga-Heimspielen von Hamborn 07 kamen bis zu 5000 Fans. „Wir haben sonntags um 11 Uhr gespielt. Nach der Kirche gingen fast alle zum Feldhandball, tranken nach dem Spiel ein, zwei Bierchen, um dann zum Mittagessen nach Hause zu gehen“, erinnert sich Hetzel. Feldhandball wurde wie Fußball mit einem Torwart und zehn Spielern gespielt. „Angreifen durften aber nur sechs Leute, vier Feldspieler mussten in der eigenen Hälfte bleiben.“ Ein Halbkreis 13 Meter vor dem Tor durfte beim Wurf nicht betreten werden.

Kurios für Winfried Hetzel (l.): 42 Jahre nach dem Einsatz im Handball-Nationalteam wurde er um ein Autogramm gebeten. © Repro ATH © Repro ATH

Nationalspieler wurde Winfried Hetzel auch – mit 27 Jahren eher als Spät-Berufener. „Ich war total überrascht, dass ich in diesem Alter noch Nationalspieler wurde. Damit hatte ich nicht mehr gerechnet“ Es blieb bei drei Länderspielen. Beim Turnier in Rotterdam trug er das Nationaltrikot gegen Holland und Österreich. Später nochmals gegen die Schweiz. Die Bilanz des Abwehrspielers: drei Siege.

Viele Jahre später wurde Winfried Hetzel erneut überrascht. Ein Autogrammjäger von der Schwäbischen Alb, der Unterschriften von Ex-Feldhandball-Nationalspielern sammelte, bat den Castrop-Rauxeler per E-Mal um ein Autogramm. „Dass mich überhaupt jemand nach einem Autogramm fragt, hätte ich mir nie träumen lassen – und das nach nur drei Länderspielen.“

Mit dem Verschwinden des Feldhandballs von der Sportbühne, wechselte Hetzel logischerweise zum Hallenhandball. „In Hamborn gab es Anfang der 1970er-Jahre überhaupt keine Halle, die groß genug für diesen Sport war. Wir mussten 15 Kilometer fahren zu einer Halle die passte“, so Hetzel. Die erste große Sporthalle hat er bei Teutonia Riemke erlebt. Dorthin verschlug es ihn durch sein Sport-Studium in Bochum. „Wir haben in der Rundsporthalle direkt neben dem VfL-Stadion trainiert und gespielt.“

Im Februar 2008: Sportamtsleiter Winfried Hetzel erhielt von seinen Mitarbeitern zum Abschied in den Ruhestand ein bedrucktes T-Shirt. © ATH (Archiv) © ATH (Archiv)

An eine Begebenheit erinnert sich der 78-Jährige gerne: „In der Rundsporthalle hatte die russische Nationalmannschaft ein Trainingslager aufgeschlagen. Ich dachte immer, mit 1,90-Meter Körpergröße nicht klein zu sein – alle Russen überragten mich aber um einiges und hatten beim Wurf eine unglaubliche Klebe.“ Dass mit der Größe sei ohnehin ein Unterschied im Handball von früher und heute. „Bei uns war der Kreisläufer klein und wuselig, heutzutage sind die Kreisläufer zwei Meter groß und wiegen 120 Kilo.“

Winfried Hetzel landete schließlich als Spielertrainer in Castrop-Rauxel – bei der DJK SG Adler Rauxel (heute HSG Rauxel-Schwerin). Er formte aus einer Hobbytruppe eine gute Mannschaft, die bis in die Bezirksliga aufstieg. In der Saison 1976/77 stand das Team sogar in der Aufstiegsrunde zur Landesliga, verpasste den Aufstieg aber knapp nach Niederlagen gegen Horn-Bad Meinberg (14:20) und Werdohl (15:17), sowie einem 19:17-Sieg gegen Kamen.

An sein letztes Handballspiel erinnert sich Winfried Hetzel nur ungern: „Ich hatte mir das Kreuzband gerissen als mir von der Seite einer ins Bein gerauscht ist – im Knie war alles kaputt.“ Neben dem Handball hat er noch 30 Jahre eine Henrichenburger Männer-Sportgruppe geleitet. Seit drei Jahren nicht mehr. „Ich hatte früh genug gewarnt, dass mit 75 Jahren Schluss für mich ist. Diese Gruppe gibt es aber noch immer“, freut sich Winfried Hetzel, dass seine langjährige Arbeit weiter fortgeführt wird.

Juli 2018: Brigitte Siefert (vom Träger KBW) verabschiedet sich bei Winfried Hetzel in der Sporthalle Alter Garten, Hetzel war 30 Jahre lang Leiter der Sportgruppe „Fitness-Training für Männer“. © Volker Engel © Volker Engel
Über den Autor
Freier Mitarbeiter
Über 30 Jahre als Sportredakteur aktiv, bin ich nun im "Unruhestand" seit der Saison 2018/2019 als Freier Mitarbeiter für den Castroper Sport am Ball - eine neue, spannende Erfahrung. Meine journalistischen Fachgebiete sind alle Ballsportarten, die Leichtathletik und Golf. Mit den deutschen Spitzen-Fechtern war ich in den frühen 2000er-Jahren bei Welt- und Europameisterschaften in der "halben Welt" unterwegs.
Zur Autorenseite
Avatar