Dem Ruder-Alltag entkommen. Anstatt auf dem Dortmund-Ems-Kanal trainiert Malte Jakschik in Portugal. © picture alliance/dpa
Rudern

Vollgas für Tokio – „Alles andere würde mich verrückt machen“

Es ist der zweite Anlauf für Malte Jakschik (RV Rauxel), der zweite Anlauf zu den Olympischen Spielen in Tokio. Mit dem Deutschland-Achter will er versuchen, Gold zu holen. Nach Silber in Rio.

Es gab so eine Szene aus dem Vorjahr, da saß Malte Jakschik vom RV Rauxel auf seinem Ruder-Ergometer im Vorgarten seiner Wohnung und trainierte so heftig, dass die Nachbarn verdutzt zuschauten. Im April 2020 sagte er, es sei doch das schlimmste Szenario, wenn man sich jetzt einen Lauen machen würde. „Und dann kommt in vier Wochen die Entscheidung, dass die Spiele doch stattfinden – und man selbst hat nicht alles versucht“, so Jakschik.

Eine Szene aus Jahr 2020: Malte Jakschik sitzt auf seinem Ruder-Ergometer im Vorgarten seiner Wohnung und trainierte so heftig, dass die Nachbarn verdutzt zuschauten © picture alliance/dpa © picture alliance/dpa

Kurz darauf wurden die Olympischen Spiele auf 2021 verlegt. Und ein knappes Jahr später ist die Situation zumindest ähnlich. Mit dem Unterschied, dass Malte Jakschik nicht im Vorgarten trainiert, sondern in der Sonne Portugals. Natürlich alles streng unter Einhaltung des Hygienekonzepts. Wir sprachen mit dem 27-jährigen Athleten des RV Rauxel darüber, wie er die Situation sieht. Ob Olympia stattfindet oder sogar ganz abgesagt wird.

Wo sind Sie gerade? Zuletzt hieß es, es wird am Dortmunder Leistungszentrum am Dortmund-Ems-Kanal trainiert, nachdem im Februar das Trainingslager in Portugal wegen der hohen Ansteckungszahlen abgesagt werden musste. Die Absage kam quasi am letzten Tag vor der Abreise.

Nein, nicht in Dortmund, sondern glücklicherweise sind wir in Lago Azul in Portugal – insgesamt 17 Tage lang. Die Bedingungen sind hier optimal, das kennen wir ja alles aus der Vergangenheit. Und wir sind sehr bedacht darauf, die strengen Hygienekonzepte auf jeden Fall einzuhalten. Wenn zu diesem Zeitpunkt in der Saison noch jemand mit Corona positiv wäre, wäre das wirklich eine Katastrophe.

Malte Jakschik (Mitte) vom RV Rauxel. © K_V © K_V

Die Vorbereitung würde damit quasi über den Haufen geschmissen.

Natürlich. Zumal bereits Anfang April die EM im italienischen Varese stattfindet. Danach stehen die Weltcup-Rennen in Zagreb, Luzern und Sabaudia in Italien an. Der Zeitplan ist schon sehr eng.

Wie fühlen Sie sich denn nach diesem Winter auf dem kalten Ems-Kanal und dem Ergometer?

Es war ein anspruchsvolles Jahr in Sachen Motivation. Aber jetzt bin ich gut drauf, das spüre ich. Anfang des Jahres war alles noch sehr zäh, die vielen Tests, der Lockdown, das Wintertraining war mühsam. Aber jetzt habe ich den Schalter umgelegt. Jetzt kommt die Form.

Der Formaufbau war in den letzten Monaten ja besonders schwierig nach der Absage der Spiele Ende März 2020.

Das stimmt. Wir sind ja jetzt schon im zweiten Jahr der Olympia-Vorbereitung. Nach der Absage hatten wir alle einen richtigen Durchhänger. Der Bundestrainer hat uns dann 14 Tage freigegeben, wir sollten mal was anderes machen, auf was anderes konzentrieren. Ganz wichtig für unsere Psyche war, dass wir im Oktober die EM in Posen – als einzigen internationalen Wettkampf in diesem Jahr – fahren konnten und dabei Europameister wurden. Das war unser Jahreshöhepunkt.

Der Deutschland-Achter bei einer Regatta. © dpa © dpa

Das Olympia-Jahr ist bekannt für den riesigen Aufwand, der zwölf Monate lang betrieben wird. Jetzt wurde alles auf zwei Jahre gestreckt.

Das ist und war eine besondere Herausforderung. Die meisten von uns studieren ja noch, da können wir nicht so einfach zwei Jahre lang nur Sport machen.

Denken Sie überhaupt darüber nach, ob die Olympischen Spiele abgesagt werden? Es gibt ja immer mehr Gerüchte darüber, auch, dass die japanische Bevölkerung nicht mehr dahinter steht.

Nein, darüber denke ich nicht nach. Zumal wir ja sowieso nichts daran ändern könnten. Ich versuche das auszublenden, im Training vergisst man das auch schnell. Alle im Deutschland-Achter sind so eingestellt, dass die Spiele stattfinden. Alles andere würde mich ja verrückt machen.

Und wenn es doch zur Absage kommt?

Dann können wir es nicht ändern. Aber wir können doch jetzt nicht nur locker trainieren in der Annahme, dass nichts stattfindet. Und dann gibt es doch grünes Licht. Das ist absolut keine Option. Wir müssen Vollgas geben, wir müssen optimal vorbereitet sein. Anders läuft es nicht.

Über den Autor
Freier Mitarbeiter
Ein waschechter Dortmunder, Jahrgang 1957. Vor dem Journalismus lange Jahre Radprofi, danach fast 30 Jahre lang Redakteur bei Dortmunder Tageszeitungen, seit 2015 bei den Ruhr Nachrichten, natürlich im Sport.
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Peter Kehl