In der Netflix-Serie „Das Damengambit“ spielt sich Waisenkind Beth Harmon (l.) bis in die Weltspitze vor. © privat
Schach

Beschert Netflix-Serie den Schachclubs einen Boom?

Die Netflix-Serie „Das Damengambit“ über eine junge Schachspielerin habe einen regelrechten Schach-Boom ausgelöst, hieß es in vielen Medien. Spüren die heimischen Vereine das auch?

Seit der Streaming-Dienst Netflix in seiner Serie „Das Damengambit“ die Geschichte eines Waisenmädchens erzählt hat, das seine Faszination und Begabung fürs Schachspiel entdeckt und sich in dieser männerdominierten Sportart nach oben kämpft, berichten Medien weltweit von einem regelrechten Schachboom. Doch die Realität bei den heimischen Vereinen sieht anders aus.

Bei der SG Turm Raesfeld/ Erle ist das Jahr 2020 das gewesen, was es für alle anderen Sportvereine auch war: ein Problemjahr.

Mitgliederzahlen sind gesunken

Nachdem die Mitgliederzahlen im Jugendbereich des Schachverbandes Münsterland in den letzten Jahren stetig gestiegen waren, sind sie im Coronajahr 2020 gesunken: Zum 1. Januar verzeichnete der Verband im U20-Bereich ein Minus von 8 Prozent. Denselben Wert verbuchte auch der Schachbezirk Borken, und die SG Turm Raesfeld/Erle verlor neun ihrer 39 Mitglieder.

Das hat natürlich ganz handfeste Ursachen. Bei der Jugend und bei den Erwachsenen wurde die Saison 2019/20 unterbrochen. Im Frühjahr soll sie nach Möglichkeit zu Ende gespielt werden, danach soll die Saison 21/22 beginnen, die Spielzeit 20/21 fällt aus und wird ansonsten in keinem Schach-Geschichtsbuch auftauchen.

Auch wichtige Turniere fielen Corona zum Opfer. Die Raesfelder U14-Mädchen waren etwa für die Deutschen Meisterschaften ihrer Altersklasse qualifiziert. Sie hätten Ende 2020 stattfinden sollen, mussten aber abgesagt werden. „Ob es noch zu einem Nachholtermin kommt, ist fraglich“, berichtet Manfred Grömping, seit Jahrzehnten in der Ausbildung des Raesfelder Schah-Nachwuchses aktiv: „Es wäre sehr schade, wenn die Mädels ein solches Erlebnis verpassen.“

Auch in der Schule musste Schach zurückgefahren werden

Auch im Schulschachbereich sei das Angebot vielerorts deutlich zurückgefahren worden, sagt Grömping, selbst Lehrer an der Raesfelder Sebastian-Grundschule: „Viele klassenübergreifende Schach-AGs haben nicht stattfinden können.“ Immerhin: An der Sebastian-Schule konnte während der Präsenzphasen Schach unterrichtet werden, da er dort im Klassenverband als Unterrichtsfach angeboten wird. Schulschachmeisterschaften und –turniere sind jedoch auch für Manfred Grömpings Schüler ausgefallen.

Den Damengambit-Boom würde er für seine Sportart natürlich gerne mitnehmen – auch wenn er die Netflix-Serie selber gar nicht gesehen hat. Allerdings muss Grömping sagen: „Die Mitgliederzahlen im Verband, im Bezirk und bei uns zeigen ja: Bislang können wir den vermuteten Boom auf Vereinsebene noch nicht feststellen.“

Doch es gibt auch einen Hoffnungsschimmer. „Bei Herstellern von Schachspielen und -Computern und bei Versandhäusern sind die Umsätze wohl tatsächlich gestiegen“, weiß Manfred Grömping. „Die Leute beschäftigen sich also wieder mehr mit Schach, wenn auch bislang nur privat. Aber vielleicht wächst ja dadurch bei manchem auch das Interesse und er überlegt, sich einem Verein anzuschließen.“

So könnte der Netflix-Boom die Vereine mit Verzögerung doch noch erreichen. Bis es so weit ist und Corona wieder einen halbwegs normalen Spielbetrieb zulässt, tun Vereine und Verbände alles, um ihren Mitgliedern sportliche Angebote zu liefern. Es gibt zahlreiche Online-Turniere und Online-Schachfortbildungen. Auch die Mitglieder der SG Turm trainieren digital. „Das nehmen allerdings eher die Cracks wahr“, sagt Manfred Grömping, „für Kinder ist das nichts.“

Wenn die Corona-Krise nicht bald zu Ende geht, hilft den Schachclubs auch keine Netflix-Serie.

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Sportredaktion
Sport ist für den Wulfener nicht nur ein wichtiger Bestandteil seines Arbeitslebens. Seit 1993 schreibt er als Mitarbeiter der Dorstener Zeitung über das Sportgeschehen in der Lippestadt, seit 1999 ist er als Redakteur für den Lokalsport in der Lippestadt verantwortlich. Dabei fasziniert ihn besonders die Vielfalt der Dorstener Sportszene, die von Fußball bis Tanzen und von Basketball bis Kitesurfen reicht.
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Andreas Leistner