Warum ein strahlend blauer Himmel für Segelflieger ein Problem ist

rnSegelfluggruppe Wenningfeld

Es sind 30 Grad, der Himmel ist strahlend blau, keine einzige Wolke ist zu sehen. Was viele einfach nur genießen, stellt die Segelfluggruppe Wenningfeld vor Probleme.

Stadtlohn

, 27.08.2019, 12:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

Frederik Mensing schließt die Haube des Segelflugzeugs. Sofort wird es warm in der Kabine. Die Sonne knallt vom blauen Himmel, es sind über 30 Grad am Flugplatz Stadtlohn-Vreden. Langsam strafft sich das Drahtseil, das am Flugzeug befestigt ist, dann geht es mit einem Ruck und in einem enormen Tempo nach vorne.

„Das Flugzeug beschleunigt innerhalb von ein paar Sekunden auf 100 km/h und hebt dadurch ab“, erklärt Anne Mensing von der Segelfluggruppe Wenningfeld. Im 45-Grad-Winkel geht es steil nach oben. Nach rund 40 Sekunden ist die Flughöhe von 250 Metern erreicht. „Bei idealen Bedingungen kann man dann auch mal acht bis zehn Stunden in der Luft bleiben und auch mal 800 Kilometer zurücklegen“, erzählt die Anne Mensing.

Der Himmel ist zu blau zum Segelfliegen

Doch an diesem Sonntag sind die Bedingungen alles andere als ideal. Während des Fußmarsches zum Startplatz durch die pralle Sonne beobachtet Pilot Frederik Mensing skeptisch den blauen Himmel. Er ist zu blau, die Wolken fehlen, es weht kein Lüftchen. Das ist ein schlechtes Zeichen für Segelflieger, sagt der 24-Jährige.

Denn beim Segelfliegen dreht sich alles um die Thermik. „Die Thermik kann man sich vorstellen wie ein Schlauch, der nach oben steigt, und darüber bildet sich die Wolke“, erklärt Pressesprecherin Anne Mensing. Keine Wolken, also auch keine Thermik.

„Segelfliegen ist Teamsport“

Trotzdem setzt sich Frederik Mensing an diesem Tag ins Segelflugzeug. Schließlich sind Gäste da, die er von seinem Sport begeistern möchte. „Segelfliegen ist ein Teamsport“, meint der 24-Jährige. Das wird vor allem beim Start deutlich. Wenn Frederik Mensing schon lange im Flugzeug sitzt, bereit für den Start, braucht er die Hilfe von einigen Vereinsmitgliedern.

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Ein Besuch bei der Segelfluggruppe Wenningfeld

Einer hängt das Seil ins Flugzeug ein, stellt es auf das Gewicht des Flugzeuges ein und hält die Tragflächen gerade. Ein anderer gibt das Startsignal an den Bediener der Winde auf der anderen Seite des Flugplatzes durch. „Seil läuft“, sagt Anne Mensing in ein Telefon. Dann: „Seil straff und fertig.“

Johannes Roth weiß genau, was er mit diesen Kommandos anzufangen hat. Er bedient an diesem Tag die Winde. Solche Dienste übernehmen die Vereinsmitglieder ehrenamtlich, jeder ist mal dran. Johannes Roth drückt auf ein paar Knöpfe, der Motor fängt an zu dröhnen und dreht das Seil mit einer enormen Geschwindigkeit auf eine Spule.

Die Suche nach der Thermik in 250 Metern Höhe

Ein paar hundert Meter davon entfernt sitzt Frederik Mensing mit einem Gast in einem doppelsitzigen Segelflugzeug. Das bewegt sich ruckartig nach vorne, hebt schließlich ab. 100, 150, 200, 250 Meter. Es knackt, das Drahtseil hat sich vom Flugzeug gelöst. Während es dank des integrierten Fallschirms sanft zu Boden sinkt und für den nächsten Start vorbereitet wird, beginnt für Pilot Frederik Mensing die eigentliche Arbeit.

„Hier sind keine Wolken, also muss ich auf gut Glück suchen.“
Pilot Frederik Mensing

Er muss die Thermik finden. „Normalerweise sind Wolken immer ein gutes Anzeichen. Aber hier sind keine Wolken, also muss ich auf gut Glück suchen“, erzählt der 24-Jährige. Er will es dort versuchen, wo er beim Flug vorher schon erfolgreich war. Also neigt er das Flugzeug in eine Rechtskurve.

Hier oben ist es deutlich kühler und angenehmer als am Boden. Durch die kleinen geöffneten Fenster in der Haube strömt der Wind. Dadurch ist es lauter als gedacht in dem Flugzeug ohne Motor. Eine Unterhaltung ist aber ohne weiteres möglich. Der Ausblick ist genial, das Flugzeug gleitet durch die Luft.

Landung nach nur drei Minuten

Doch die Instrumente zeigen, dass es jetzt mit gut drei Metern pro Sekunde abwärts geht. „Beim Suchen nach Thermik sind wir leider in eine Abwärtsspirale geraten“, sagt Frederik Mensing. Wenn er nicht direkt nach dem Start Thermik findet und so höher steigt, sinkt das Flugzeug quasi unaufhörlich.

So kann man Segelfliegen lernen

  • Wer das Segelfliegen lernen will, muss mindestens 14 Jahre alt sein.
  • Schüler nehmen von Anfang an auf dem vorderen Pilotensitz Platz.
  • Am Anfang ist immer ein Fluglehrer mit an Bord. Nach 50 bis 100 Starts darf der Schüler zum ersten Mal alleine fliegen.
  • Im Winter erfolgt der Theorieunterricht, im Sommer die praktische Ausbildung.
  • Die Prüfung darf mit 16 Jahren abgelegt werden.
  • Die gesamte Ausbildung dauert eineinhalb bis drei Jahre. Bezahlt werden muss die Mitgliedschaft in der Segelfluggruppe Wenningfeld und die einzelnen Starts. Diese kosten zwischen 300 und 450 Euro pro Jahr.

Und so muss der Pilot zur Landung ansetzen. Nach nur drei Minuten ist der Flug vorbei. Das ist Pech, doch Frederik Mensing will es noch einmal versuchen. Also klinken seine Vereinskollegen das Seil wieder ein, die Haube schließt sich wieder, das Seil zieht das Flugzeug wieder auf 250 Meter Höhe.

Jetzt vermeidet Frederik Mensing die Stelle, wo es beim ersten Mal so rapide abwärts ging. Und tatsächlich zeigen die Instrumente plötzlich einen Anstieg an. Einen Meter pro Sekunde geht es aufwärts. Der 24-Jährige fliegt eine enge Kurve, versucht sich mit der aufsteigenden Luft in die Höhe zu kreisen. Doch ohne Erfolg. Die Thermik bleibt aus, es geht wieder abwärts.

„Das Wetter ist einfach schwierig“, nimmt Anne Mensing den Piloten in Schutz. Noch dazu ist es mit zwei Personen im Flugzeug einfach schwieriger, in der Luft zu bleiben, weil so mehr Gewicht in die Höhe transportiert werden muss. Die Thermik muss dafür also eigentlich noch besser sein.

Segelfluggruppe Wenningfeld hat Erfolg in der Bundesliga

Richtig perfektes Wetter zum Segelfliegen sei in dieser Gegend aber nur selten, sagt Anne Mensing. Umso stolzer ist sie auf den Erfolg der Segelfluggruppe Wenningfeld in der Ersten Bundesliga. „Wir sind der einzige Verein in NRW in der Bundesliga und wir haben dieses Jahr sogar eine mittlere Platzierung unter den 30 Vereinen erreicht“, berichtet die 22-Jährige.

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Segelfliegen auf dem Flugplatz Stadtlohn-Vreden

Ein Besuch bei der Segelfluggruppe Wenningfeld
27.08.2019
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Anne Mensing hängt das Seil an das Segelflugzeug, Damit wird es in die Höhe gezogen.© Victoria Thünte
Anne Mensing hält die Tragflächen gerade, bevor das Flugzeug nach vorne gezogen wird.© Victoria Thünte
Das Flugzeug erreicht schnell eine Geschwindigkeit von 100 km/h und hebt schließlich ab.© Victoria Thünte
Die Winde zieht das Segelflugzeug auf eine Höhe von 250 Metern.© Victoria Thünte
Das Segelflug gleitet durch die Luft.© Victoria Thünte
Frederik Mensing steuert das Segelflugzeug.© Victoria Thünte
Der Pilot hat die Instrumente fest im Blick. In diesem Fall fliegt das Flugzeug in 200 Metern Höhe mit einer Geschwindkeit von 85 km/h und sinkt mit zwei Metern pro Sekunde.© Victoria Thünte
Unsere Reporterin Victoria Thünte hat den Segelflug genossen – auch wenn er wegen der fehlenden Thermik nur wenige Minuten gedauert hat.© Victoria Thünte
Frederik Mensing steuert das Segelflugzeug.© Victoria Thünte
Der Ausblick ist genial.© Victoria Thünte
Frederik Mensing steuert das Segelflugzeug.© Victoria Thünte
Ein Segelflugzeug im Landeanflug© Victoria Thünte
Ein Vereinsmitglied bereitet das Seil mit eingebautem Fallschirm vor.© Victoria Thünte
Das Seil hat unterschiedliche Sollbruchstellen, die je nach Gewicht des Flugzeugs eingestellt werden müssen.© Victoria Thünte
"Segelfliegen ist Teamsport", sagt Frederik Mensing.© Victoria Thünte
Auf diese Spule zieht die Winde das Drahtseil mit enormer Geschwindigkeit.© Victoria Thünte
Der Motor der Winde© Victoria Thünte
Der Motor der Winde© Victoria Thünte
Johannes Roth bedient die Winde an diesem Tag. Damit wechseln sich die Vereinsmitglieder ab.© Victoria Thünte
Die Bedienelemente der Winde© Victoria Thünte

Erst im vergangenen Jahr sind die Segelflieger in die Erste Liga aufgestiegen. In der ersten Saison mussten sie noch um den Klassenerhalt kämpfen, dieses Mal lief es besser. „Da sind wir richtig stolz drauf, vor allem weil die Konkurrenz aus Süddeutschland sehr stark ist. Und da ist häufig auch einfach besseres Wetter“, sagt Anne Mensing.

Die Bundesliga-Flüge führt jeder Verein vor Ort durch. Gewertet werden die drei schnellsten Flüge des Wochenendes. „Dabei geht es nur um die Geschwindigkeit, nicht um die Höhe oder die Dauer des Fluges. Gut sind so 100 bis 120 km/h“, so Anne Mensing.

Leidenschaft für das Segelfliegen

Während sie all das erzählt, sitzt Frederik Mensing schon wieder im Segelflugzeug, bereit für den nächsten Start. Schließlich gibt es noch weitere Gäste, die er vom Segelfliegen begeistern will. Und auch wenn die Flüge an diesem Tag wegen der schlechten Bedingungen nicht wie gewohnt 15 bis 20 Minuten dauern: Der rasante Start, das Gleiten durch die Luft, das Mitfiebern, ob es nicht vielleicht doch plötzlich nach oben geht – das alles ist durchaus ein Erlebnis.

Die Segelflugruppe Wenningfeld

  • Die Segelfluggruppe Wenningfeld ist 1971 entstanden.
  • Der Verein hat 70 Mitglieder, rund 50 davon sind aktiv. Mehr als die Hälfte davon sind jünger als 25 Jahre. Elf Fluglehrer gibt es im Verein.
  • Fünf Flugzeuge besitzt der Verein. Die werden vor allem für Schulungsflüge eingesetzt.
  • Nach der Ausbildung schließen sich Vereinsmitglieder häufig zusammen und kaufen ein Segelflugzeug in einer sogenannten Haltergemeinschaft.
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