100 Jahre „Kohlschein, Lütkemeier und Partner“ – das Erfolgsrezept der Stadtlohner Kanzlei

rnKanzlei-Jubiläum

Sie ist mit hoher Wahrscheinlichkeit die älteste Kanzlei im Westmünsterland. In diesem Jahr werden „Kohlschein, Lütkemeier und Partner“ 100 Jahre alt. Seit 1919 hat sich viel verändert.

Stadtlohn

, 09.09.2019, 12:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Die Mitglieder der Stadtlohner Kanzlei „Kohlschein, Lütkemeier und Partner“ sind eigentlich nicht dafür bekannt, häufig in den Rückspiegel zu schauen. Die mittlerweile sieben Anwälte, davon drei Notare, richten den Blick lieber in die Zukunft. Doch wenn das 100-Jährige vor der Tür steht, kommen auch sie nicht drumherum, ein wenig in der Vergangenheit zu schwelgen.

Also haben sie geforscht, das Archiv durchstöbert, die eigenen Wurzeln unter die Lupe genommen. „Nach unserem Kenntnisstand sind wir die älteste Kanzlei im westlichen Münsterland“, erklärt Jan Lütkemeier. Sein Vater, der 2007 viel zu früh verstorbene Bernd Lütkemeier, war neben Walther Kohlschein über Jahrzehnte das Gesicht der Kanzlei. Lütkemeier Junior ist in seine Fußstapfen getreten.

Kanzlei im Jahr 1919 von Schwarzwald gegründet

1919 war es aber der münsteraner Jurist Heinrich Schwarzwald, der sich aus der ehemaligen Provinzhauptstadt in Richtung Stadtlohn aufmachte, um in der Töpferstadt sesshaft zu werden. In der Gaststätte „Blauer Täuber“ an der Eschstraße/Ecke Klosterstraße gründete er eine Kanzlei und begann schnell, sich einen festen Mandantenstamm aufzubauen.

100 Jahre „Kohlschein, Lütkemeier und Partner“ – das Erfolgsrezept der Stadtlohner Kanzlei

Walther Kohlschein (l.) und Bernd Lütkemeier prägten die Kanzlei über Jahrzehnte. © Privat

Warum es ihn ausgerechnet nach Stadtlohn verschlug, liegt auf der Hand. „Durch die stark ausgeprägte Landwirtschaft war hier die Lebensmittelversorgung nach dem Ersten Weltkrieg intakt. Das war damals alles andere als selbstverständlich“, so Christian Rolvering, Rechtsanwalt und Notar bei Kohlschein, Lütkemeier und Partner.

Umzug in das Haus „mit den dicksten Mauern der Stadt“

Schwarzwald war als Anwalt und Notar tätig und deckte ein breites Spektrum ab: Bei rechtlichen Fragen und Angelegenheiten, zum Beispiel Hofüberschreibungen, war er bei den Landwirten in Stadtlohn und Umgebung der erste Ansprechpartner. Vor Gericht vertrat er außerdem zahlreiche Schmuggler, die sich im Grenzbereich ansiedelt hatten. Seine Freizeit verbrachte er gerne auf der Jagd.

Weil es in den Räumlichkeiten am „Blauen Täuber“ schnell zu eng wurde, zog die Kanzlei an ihren aktuellen Standort. Das Haus an der Eschstraße 71 gilt auch heute noch nach der Kirche als das Gebäude mit den dicksten Mauern der Stadt. „Walther Kohlschein hat oft erzählt, wie er nach dem Zweiten Weltkrieg am Bahnhof ausstieg und zwischen der Kirche und der Kanzlei kein einziges Gebäude mehr stand“, erinnert sich Christian Rolvering.

Walther Kohlschein übernimmt die Geschicke

Mitte der 1950er-Jahre starb Heinrich Schwarzwald. Sein Nachfolger war gleichzeitig sein Schwiegersohn: Walther Kohlschein, der sich auf den ersten Blick in die Tochter seines Chefs verliebt hatte.

Mit der Stadt Stadtlohn wuchs auch die Kanzlei. 1968 holte sich Kohlschein Bernd Lütkemeier – zunächst als Referendar, dann als Partner – mit ins Boot. Die beiden Anwälte entwickelten im Laufe der Jahre eine klare Arbeitsteilung. Walther Kohlschein war der Notar vor Ort. Bernd Lütkemeier in ganz Deutschland und den Niederlanden unterwegs.

„Mit meinem Vater wurde der Bereich des Baurechts immer weiter ausgedehnt, der bis heute zu unseren Steckenpferden zählt. Er war den Menschen immer zugewandt und sie haben es ihm mit Vertrauen zurückgezahlt“, so Jan Lütkemeier.

Kanzlei steht für Kontinuität

Personelle Kontinuität war und ist eines der Erfolgsrezepte der Stadtlohner Kanzlei. Doch im fachlichen Bereich bewegte sich viel. „Heinrich Schwarzwald und Walther Kohlschein waren damals echte Allrounder. Mit den Jahren war es aber nötig, sich immer mehr zu spezialisieren. Heute hat jeder der sieben Anwälte seinen ganz eigenen Spezialbereich“, erklärt Jan Lütkemeier.

Wie sich der Aufgabenbereich der Kanzlei verändert hat, lässt sich an einer Urkunde aus dem Jahr 1923 gut erkennen. Dort wurde der Notar Heinrich Schwarzwald damit beauftragt, für eine Unternehmer-Familie das Los zu werfen. Damit wurde entschieden, welcher Sohn das Ruder in Stadtlohn übernimmt und wer die Zweigstelle in Vreden übernimmt.

Leuchturm der Kanzlei ist das Familienrecht

Einen ähnlich gelagerten Fall haben Jan Lütkemeier und Christian Rolvering in ihrer mittlerweile auch jahrzehntelangen Tätigkeit nicht erlebt. Doch der Anspruch ist der gleiche geblieben: Die Nummer eins für Handwerk und Mittelstand in der Region zu sein.

Dazu kommen das Familienrecht, das private Baurecht, das Arbeitsrecht und das Notariat. Sorge um die Zukunft machen sich die Partner der Kanzlei nicht – trotz des wachsenden Angebots im Internet. „Die Kanzlei war nie auf das Massengeschäft ausgelegt, hat immer auf Nachhaltigkeit gesetzt. Von daher sehen wir das sehr entspannt. Und die Nachfrage im beratenden Bereich wird eher noch steigen“, glaubt Jan Lütkemeier.

Er ist selbst gespannt, wo die Kanzlei in zehn Jahren stehen wird: „Ich gehe davon aus, dass das Thema ‚vernetzte Beratung‘ mit Steuer- und Wirtschaftsberatern noch deutlich wachsen wird.“

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