AfD-Politiker zu Gast bei Stadtlohner Zehntklässlern

Fragestunde im Kurs

"Herzlich willkommen!" steht an der Tafel. So viel Freundlichkeit sind Helmut Seifen und Marc Kublun in ihren politischen Ämtern gar nicht gewohnt. Die beiden vertreten die AfD. Der sozialwissenschaftliche Kurs des Geschwister-Scholl-Gymnasiums will aber offenbar gastfreundlich sein – er hat die Politiker zu einer Gesprächsrunde eingeladen.

STADTLOHN

, 02.02.2017, 19:03 Uhr / Lesedauer: 4 min

Vor allem aber wollen sie Informationen aus erster Hand. Darum haben sie die AfD eingeladen. "Wir haben so vieles über die AfD gehört. Wir wollen wissen, was dran ist", sagt Klara Feldmann (16), die die Fragestunde zusammen mit Jonas Hueske (15) moderiert. Auf Helmut Seifen aber müssen sie erst einmal warten. Er kommt zu spät, "obwohl ich selbst von meinen Schülern immer erwarte, dass sie pünktlich sind", sagt der AfD-Mann, der das Werner-von-Siemens-Gymnasium in Gronau leitet.

Von der CDU "schwer enttäuscht"

Die Verspätung gibt Marc Kublun Gelegenheit, in die Bresche zu springen. Der Ahauser ist Veranstaltungsbeauftragter der AfD im Kreis Borken. Er erzählt von seinem Ingenieurstudium, von Auslandsreisen, von Kambodscha und vom Terror der maoistischen Roten Khmer, um in einem Atemzug zu sagen: "Ich bin in die AfD eingetreten, weil sie ideologiefrei ist." Dann betritt Helmut Seifen das Klassenzimmer und stellt schnell klar: "Für die Fragen bin ich da. Herr Kublun begleitet mich." Seifen ist AfD-Kreissprecher, Kreistagsabgeordneter und möchte für die AfD in den Landtag einziehen. 20 Jahre lang, so erzählt er den Schülern auf Nachfrage, sei er in der CDU gewesen, bis ihn die Schulpolitik der Union "schwer enttäuscht" habe. Die "Globalisierung der Gleichmacherei" behindere die "freie Entwicklung des Menschen". Die Inklusion sei "ein Verbrechen an den Menschen". Keine Nachfragen, kein Widerspruch.

Stachelschwein-Parabel

Im Übrigen stehe er noch in inoffiziellen Kontakten mit der CDU, verrät er den Schülern fast verschwörerisch: "Das darf ich gar nicht sagen, das darf eigentlich gar nicht sein." Als weiteren Grund für den Austritt aus der CDU nennt Seifen die "Schuldengemeinschaft in Europa, die die "Aufhebung der Nationen" bedeutet. Die AfD wolle nicht aus der EU austreten, sagt Helmut Seifen und führt Schopenhauers Stachelschwein-Parabel an: Zuviel Nähe sei nicht gut. Keine Nachfragen, kein Widerspruch.

Was ist mit Angela Merkel?

Was hält der AfD-Mann von Angela Merkel, wollen die Schüler wissen? "Soll ich polemisch werden?", fragt Helmut Seifen zurück. "Sie können das doch so wundervoll ironisch, darum haben wir sie ja eingeladen", stachelt Sozialwissenschaftslehrer Marcel Grunert ihn an. Helmut Seifen legt los: "Sie regiert nicht … Sie nimmt ihren Amtseid nicht ernst … Ihre Beziehungen zum Ausland sind katastrophal … Sie hat es geschafft, in Griechenland als Adolf dargestellt zu werden … Sie trifft autokratische Entscheidungen … Es gab keinen schlechteren Kanzler." Keine Nachfragen, kein Widerspruch.

Was ist mit Björn Höckes jüngsten Ausfällen zum "Denkmal der Schande", wollen die Schüler wissen. "Herr Höcke hat etwas Falsches gesagt. Das Denkmal ist richtig." In jeder jungen Partei gebe es "schräge Vögel". Warum Höcke in der Partei bleiben darf, das fragt kein Schüler. Und Seifen betont: "Ich erzähle keine Türkenwitze und keine Judenwitze."

Manipulation Fukushima

Beim Thema Atomkraft darf Marc Kublun antworten: Der hält den Atomausstieg für "hoch populistisch". Die Atomkatastrophe in Fukushima habe keine Todesopfer gefordert, die Strahlung sei nicht so schlimm wie dargestellt. Kublun spricht von einer "Medienmanipulation". Ein Schüler fragt nach den Langzeitfolgen der Strahlung. Echter Widerspruch bleibt aus.

Die Schüler stellen neue Fragen: Wie steht Helmut Seifen zu Homophobie in der AfD, zu Muslimen, zu Drogen, Aufrüstung und Trump? Der AfD-Mann zeichnet ein weltoffenes Bild seiner Partei, zitiert Herder, beruft sich auf den "Humanismus des 19. Jahrhunderts". Den Flüchtlingen müsse geholfen werden - aber die meisten Migranten seien ja keine Flüchtlinge. "Ich habe große Sorgen, dass Hass entsteht." Trump sei kein Vorbild, wohl aber sein Erfolg, "eingeschworene Eliten zu durchbrechen". Die Schulglocke läutet zum zweiten Mal. Die Doppelstunde ist vorüber. Klara Feldmann dankt Helmut Seifen dafür, "dass wir ein Bild von der AfD bekommen haben, wie sie ist". Applaus. Helmut Seifen sagt: "Danke, dass Sie uns eingeladen haben, um sich Ihr eigenes Urteil zu bilden. Sie sind eine junge Generation, die sich nichts einflüstern lässt."

Nicht so abschreckend, wie ich es vermutet habe

Aus Schülersicht ziehen Klara Feldmann und Jonas Hueske ein gemischtes Fazit zum AfD-Besuch. „Die meisten Schüler in unserem Kurs sehen die AfD eher kritisch“, sagt Klara. Sie und Jonas glauben nicht, dass der Besuch der AfD-Vertreter daran etwas geändert hat. Aber Jonas sagt auch: „Es war sehr interessant. Herr Seifen hat ein anderes Bild der AfD gezeigt. Es wurde deutlich, dass nicht alle in der AfD extrem denken.“ Klara bestätigt: „Ja, das war nicht so abschreckend, wie ich es vermutet habe.“ Beide betonen aber: „Selbst wenn wir wählen dürften, würden wir nicht AfD wählen.“

Dann sagt Klara noch: „Oh, wir haben ganz vergessen, nach der Pegida zu fragen.“ Es sei für sie als Moderatorin schwierig gewesen, bei den langen Antworten nachzuhaken. „Ich musste ja immer schon an die nächste Frage denken.“ Wäre ein Streitgespräch unter Politikern nicht besser gewesen? „Das hatten wir ursprünglich geplant“, erklärt Klara. „Aber Herr Seifen hat uns geschrieben, dass er das nicht so gerne wolle, weil es immer persönliche Angriffe gebe.“ Helmut Seifen bestätigt das. Er hätte aber auch für ein Streitgespräch zur Verfügung gestanden. In Absprache mit Lehrer Marcel Grunert und dem Schulleiter des Geschwister-Scholl-Gymnasiums, Heinrich Dreier, habe man sich aber für den Einzelbesuch im Unterricht entschieden. 

 

Fragen und Antworten

Ist es richtig, der AfD ein Forum in der Schule zu bieten? „Die Schüler sollen sich selbst ein Bild machen“, sagt Heinrich Dreier, Leiter des Geschwister-Scholl-Gymnasiums. Daher sei es gut, wenn Politiker jeglicher Couleur in die Schule kommen. Damit halte Realität Einzug in die Schule.

Sind Zehntklässler damit nicht überfordert? Das sei die Aufgabe des sozialwissenschaftlichen Unterrichts: die Einordnung und kritische Reflexion, sagt Lehrer Marcel Grunert. „Wir werten das Gesagte noch intensiv aus.“ Vielleicht sei es aber besser, solche Runden künftig mit älteren Schülern zu führen.

Wäre eine kontroverse Podiumsdiskussion nicht erhellender gewesen? „Damit haben wir keine guten Erfahrungen gemacht“, sagt Schulleiter Heinrich Dreier. Polemik und Wahlkampf hätten zu oft dominiert. „Das steigert die Politikverdrossenheit.“ Im Einzelgespräch würden sich die Politiker mehr öffnen.

Kommen auch Politiker anderer Parteien in die Schule? Ja. In den SoWi-Paralellkursen waren jetzt auch Vertreter der SPD und der Grünen. Aber nicht jeder Kurs könne Besuch von jeder Partei erhalten. Dafür fehle die Zeit. 2016 hatte Bernhard Tenhumberg (CDU) den Kurs besucht, in dem jetzt der AfD-Mann gesprochen hat.

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