Als die Kirmes salonfähig wurde

Dokument des Monats

STADTLOHN Ein historisches Dokument, das sich auf die Stadtlohner Kirmes bezieht und im Jahr 1938 für deren Besuch wirbt, hat Archivar Ulrich Söbbing zum "Dokument des Monats" erhoben.

19.07.2009, 14:06 Uhr / Lesedauer: 2 min
<p>Kirmestrubel in alten Zeiten - bei den Kindern besonders beliebt waren die Karussells auch damals schon.  MLZ-Foto privat</p>

<p>Kirmestrubel in alten Zeiten - bei den Kindern besonders beliebt waren die Karussells auch damals schon. MLZ-Foto privat</p>

In Stadtlohn gab es traditionell an vier Terminen im Jahr eine "Quartals"-Kirmesfeier: am Osterdienstag, Mariä Heimsuchung (2. Juli), Mitte September und Anfang November. Eine Folge dieser Vielzahl von Veranstaltungen war, dass jede Einzelne recht klein und unbedeutend blieb. So fand sich am 8. Juli 1931 folgender Kommentar in der Tageszeitung: "Wie immer, so war auch unsere letzte Kirmes am vergangenen Sonntag wenig besucht und es gab kein reges Leben und Treiben. Hoffentlich werden bald alle die kleinen Kirmessen zu einer großen vereinigt."

Nach seiner Amtsübernahme im August 1933 griff Bürgermeister Clemens Blanke diese Stimmung auf und bemühte sich, in Zusammenarbeit mit dem Verkehrsdezernenten Friedrich Dorweiler zum ersten Mal am 7. und 9. Juli 1934 eine zentrale Kirmesveranstaltung zu organisieren. Durch eine intensive Werbung wurde die Öffentlichkeit auf das neue Volksfest aufmerksam gemacht.

Persönliche Einladung

Ehemalige Stadtlohner, besonders die früheren Rektoratsschüler, wurden persönlich eingeladen, zur Kirmes ihre alte Heimat zu besuchen. Aufgrund einer Abmachung mit den Stadtlohner Unternehmern ruhte die Arbeit am Kirmesmontag in den Industriebetrieben und wurde an anderen Tagen nachgeholt. Gleichzeitig fand eine große Tierausstellung für den südlichen Kreis Ahaus statt.

Nachdem die Kirmes zuvor vor allem auf der Grabenstraße ("Auf dem Wall") und auf dem Steigerturmplatz (heute Südstraße) abgehalten worden war, richtete man 1934 einen neuen Festplatz vor der Flussbadeanstalt her (heute Sporthalle an der Burgstraße). Die Zahl der Fahr- und Schaugeschäfte blieb im ersten Jahr gering, da die Stadtlohner Kirmes bei den Schaustellern keinen guten Ruf besaß. Sogar ein Kinderkarussell fehlte. Trotzdem verzeichnete die Volkskirmes bei gutem Wetter einen regen Besucherstrom.

Neue Bemühungen

In den folgenden Jahren setzte man die Bemühungen um eine Attraktivitätssteigerung der Kirmes fort. Zu den traditionellen Fahrgeschäften wie Schiffschaukel und Kettenkarussell kamen 1935 eine Raubtierdressur und 1936 ein "Elektro-Selbstfahrer", die "letzte Neuheit der Chicagoer Weltausstellung". Außerdem wurde ein Ballonaufstieg organisiert. 1938 veranstaltete man im Beiprogramm ein Sängerfest mit 600 auswärtigen Sängern.

1949 wiederbelebt

Nach Kriegsausbruch wurde die Volkskirmes 1940 aus Sicherheitsgründen abgesagt und 1941 nur noch eine reduzierte "Volksbelustigung" abgehalten. Die Idee einer zentralen Kirmesfeier war jedoch so erfolgreich, dass die Tradition schon 1949 in der noch weitgehend zerstörten Stadt fortgesetzt wurde.

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