Aus für das Turbo-Abitur?

Unterschriftensammlung

Kommt das Aus für das Turbo-Abi G8? In dieser Woche beginnt auch in Stadtlohn das nordrhein-westfälische Volksbegehren für eine Rückkehr zum Abitur nach 13 Jahren (G9). Ab Donnerstag, 2. Februar, liegen Unterschriftenlisten im Stadtlohner Rathaus aus. Am Geschwister-Scholl-Gymnasium stößt das Volksbegehren auf Zustimmung unter Lehrern und Eltern.

STADTLOHN

, 30.01.2017, 18:30 Uhr / Lesedauer: 3 min
Aus für das Turbo-Abitur?

„G8“ und „G9“ stehen auf diesem Symbolbild in einem Gymnasium an der Tafel: Ab Donnerstag werden in 396 nordrhein-westfälischen Rathäusern Unterschriften für ein Volksbegehren gegen das Turbo-Abitur gesammelt, auch im Stadtlohner Rathaus.

Was genau will das Bürgerbegehren?

Die Rückkehr zum  Abitur an den Gymnasien in NRW nach 13 Jahren. "Wir fordern, dass Eltern und Kindern die Wahlfreiheit gegeben wird, an einem Gymnasium in ihrer Nähe das Abitur nach Klasse 13 ohne Pflicht zum Nachmittagsunterricht zu erreichen", heißt es auf der Internetseite der landesweiten Elterninitiative "G9 jetzt!" 2005 wurde in Nordrhein-Westfalen die Schulzeit an Gymnasien auf acht Jahre gekürzt. Dies ist das so genannte G8 oder Turbo-Abi nach Klasse 12.

"Durch G8 müssen Kinder an bis zu drei Tagen in der Woche von 8 bis fast 16 Uhr im Klassenraum sitzen und lernen. Selbst Erwachsene sind nicht in der Lage, ununterbrochen zu lernen," so die Initiatoren des Volksbegehrens. Durch G8 mangele es den Kindern an Freiräumen für Hobby, Familie, Sport und außerschulisches Engagement. Außerdem führe der Leistungsdruck vermehrt zu psychischen Erkrankungen.

Was sagt die Schulleitung des Stadtlohner Gymnasiums zu diesem Thema?

Heinrich Dreier, Leiter des Geschwister-Scholl-Gymnasiums, ist "auf jeden Fall" für eine Rückkehr zu G9. "Ja, ich empfehle Eltern, ihre Unterschrift für das Volksbegehren abzugeben", erklärte Heinrich Dreier am Montag auf Anfrage unserer Zeitung. Nach den Erfahrungen des Schulleiters kommen die Schüler zwar auch mit G8 zurecht. Nach den Erkenntnissen von Gehirnforschern, so Dreier, machen junge Erwachsene gerade im Alter von 18 bis 19 Jahren einen großen Entwicklungssprung.

Sie seien bei G9 im letzten Schuljahr reifer und können das Gelernte besser einordnen und reflektieren. "Wir brauchen Persönlichkeiten, kritische Menschen, eine Leistungselite mit sozialer Verantwortung", so Heinrich Dreier. G8 ist machbar, aber G9 aber ist besser."

Was halten Eltern von G8 und G9?

"Die Eltern tendieren größtenteils zur Wiedereinführung von G9." Diesen Eindruck hat Peter Heming in vielen Gesprächen gewonnen. Der Vorsitzende der Schulpflegschaft des Geschwister-Scholl-Gymnasiums ist davon überzeugt, dass die Qualität des Lernens dadurch gesteigert werden kann: "G9 versetzt Schüler in die Lage, eigenständiger zu lernen, anstatt nur Quantität zu pauken. Beim Turbo-Abitur kommen die Grundlagen einfach zu kurz."

Wichtig sei, die Schüler in den Klassen 5 bis 10 zu entlasten. Die zweite Fremdsprache sollte nicht schon ab dem 6., sondern erst ab dem 7. Schuljahr unterrichtet werden. Nachmittage sollten nach Hemings Ansicht selbstständigen Hausaufgaben, freiwilligen AGs und gezielten Förderprogrammen vorbehalten bleiben.

Wünschen sich auch die Schüler mehr Zeit auf dem Weg zu Abitur?

"Nicht unbedingt", sagt Anna Heming (18). Sie ist Schülersprecherin am Geschwister-Scholl-Gymnasium. Ob G8 oder G9 - beide Modelle hätten Vor- und Nachteile. "Wegen des Nachmittagsunterrichts ist die Freizeit für uns durch G8 schon etwas knapper, aber dauergestresst sind wir nicht", so Anna Heming. Das führt sie auch darauf zurück, "dass unsere Schule das Turbo-Abi sehr gut gemanagt hat." Unter ihren Mitschülern sei das Volksbegehren auch kein großes Thema. "Wir werden davon ja auch nicht mehr betroffen sein."

Sie persönlich wäre gerne noch ein weiteres Jahr zur Schule gegangen. "Viele meiner Mitschüler wissen auch noch nicht, was sie im Sommer nach dem Abi machen sollen. Manche sind ja erst 17." Und was macht Anna Heming? "Ich leiste ein Jahr lang einen Freiwilligendienst in Mexiko ab. Das kann ich mir nach G8 ja leisten. Das ist definitiv ein Vorteil der verkürzten Schulzeit."

Was sagt die Stadt als Schulträger?

"Wir als Stadt verhalten uns in der Frage des Volksbegehrens für die Wiedereinführung von G9 neutral. Wir sammeln die Unterschriften so, wie es das Land vorgibt", sagt der Erste Beigeordnete Günter Wewers.

Ihm und dem Schulamtsleiter Günter Wehning ist es aber ein Anliegen, auf die vielfältigen Möglichkeiten der schulischen Bildung in Stadtlohn hinzuweisen. "Das System ist durchlässig, Haupt- und Realschüler können jetzt schon in 13 Jahren den Weg zum Abitur gehen", so Günter Wewers.

Wer darf mit seiner Unterschrift am Volksbegehren teilnehmen?

Alle Nordrhein-Westfalen mit deutscher Staatsangehörigkeit, die am Stichtag 7. Juni 2017 mindestens 18 Jahre alt sind. In Stadtlohn sind es 15.317 Stimmberechtigte.

Wo und wann kann unterschrieben werden?

Die Unterschriftenlisten liegen landesweit vom 2. Februar bis zum 7. Juni 2017 landesweit in allen Rathäusern aus. Im Stadtlohner Bürgerbüro, Markt 3, können Unterschriften montags bis freitags von 8 bis 17 Uhr und donnerstags von 8 bis 18 Uhr eingetragen werden.

Außerdem gibt es vier Sonntagstermine: Am 19. Februar, am 26. März, am 30. April sowie am 28. Mai ist das Bürgerbüro eigens für diesen Zweck von 9 bis 13 Uhr geöffnet. Darüber hinaus kann die Initiative noch bis zum 4. Januar 2018 Unterstützer in einer freien Unterschriftensammlung suchen.

Wie geht es nach der Unterschriftensammlung weiter?

Das Volksbegehren ist erfolgreich, wenn sich mindestens acht Prozent der Stimmberechtigten per Unterschrift für die Wiedereinführung von G9 stimmen, das sind landesweit gut eine Million Menschen. Ist dies der Fall, muss sich der Landtag mit dem Thema befassen. Führt das Parlament G9 nicht ein, so gibt es einen Volksentscheid.

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