Dieses Foto aus dem Jahr 1904 zeigt den Stammtisch des Großvaters Engelbert Weitenberg (rechts hinten) unter dem Titel "Erinnnerungen an die Wüste". Das Bild, das im Wohnzimmer von Georg Weitenbergs Elternhaus hing, stellt ihn vor ein Rätsel. War die Kostümierung vom Kolonialismus der Kaiserjahre inspiriert? Oder von der Verwandtschaft in Brasilien? Das Ödland, das Engelbert Weitenberg damals urbar machte, könnte der Anlass gewesen sein. © Georg Weitenberg
Genealogie

Familienforschung: 100 Jahre alter Brief entfachte eine Leidenschaft

Ahnenforschung? Das klingt nach einem angestaubten Hobby. Für den Stadtlohner Georg Weitenberg ist sie ein Abenteuer. Es begann schon in Jugendjahren mit einem alten Brief aus der Neuen Welt.

Georg Weitenberg hatte gerade seine Schmiedelehre begonnen, als dem damals 17-Jährigen in seinem Elternhaus ein alter Brief aus dem fernen Brasilien in die Hände fiel. Das war 1968. „Ich hatte mich eigentlich erst nur für die Briefmarke interessiert. Ich dachte, das wäre ein schönes Hobby für mich“, sagt der Stadtlohner.

Brief weckte Fernweh und Neugierde

Die Briefmarkensammelei sollte nur ein flüchtiges Hobby bleiben. Eine andere Leidenschaft aber, die der geheimnisvolle Brief weckte, hält den heute 69-jährigen Rentner Georg Weitenberg seither in Atem: die Ahnenforschung oder Genealogie.

Carlos Graf aus Brasilien hatte den Brief am 17. Juli 1902 seinen Onkels, Tanten und Vettern im Münsterland geschrieben, erzählte darin, dass er eine Ziegelei gekauft habe, jede Menge Vieh, einen großen Wald und „drei Kilometer Land“. Der 17-jährige Georg hatte aber noch ganz andere Bilder im Kopf. „Ich dachte auch an Urwald, Krokodile, Indianer und Abenteuer“, sagt er heute und lacht über sein junges Ich.

Georg Weitenberg zeigt eine von vielen Ahnentafeln, die er in langer Puzzlearbeit erstellt hat.
Georg Weitenberg zeigt eine von vielen Ahnentafeln, die er in langer Puzzlearbeit erstellt hat. © Stefan Grothues © Stefan Grothues

Und wer war dieser Carlos Graf? Diese Frage ließ den den jungen Georg Weitenberg nicht los. Er schrieb einen Brief nach Brasilien. Eine Antwort auf seine Fragen bekam er nicht. Noch nicht. Aber Georg Weitenberg wollte fortan noch mehr wissen. „Wo komme ich her? Wo liegen meine familiären Wurzeln? Wo ist meine Familie überall zu finden?

Die Goldhochzeit der Urgroßeltern im Jahr 1902
Die Goldhochzeit der Urgroßeltern im Jahr 1902 © Georg Weitenberg © Georg Weitenberg

Antworten fand Georg Weitenberg in einer 50-jährigen Spurensuche nicht nur in verstaubten Archiven und alten Kirchbüchern, sondern auch im Internet und in einer DNA-Analyse. Und auf Reisen nach Tirol und nach Brasilien. Er warnt augenzwinkernd jeden, der sich auf die Genealogie einlässt: „Die Suche hört nicht auf, das ist wie ein Virus, das einen infiziert. Es tauchen immer neue Fragen auf.“

Viele Recherchen lassen sich heute über das Internet erledigen. Als er mit seinen genealogischen Forschungen begann, musste Georg Weitenberg sich oft auf den Weg in Archive machen. © Stefan Grothues © Stefan Grothues

Sein eigenes Leben skizziert Georg Weitenberg so: Aufgewachsen in der Coesfelder Bauerschaft Stevede, vor knapp 40 Jahren auf einen ehemaligen Kötterhof in Estern gezogen, verheiratet, vier Kinder, als Schlosser bei Kemper und Hülsta gearbeitet.

Spurensuche reicht 400 Jahre zurück

Heute weiß er, dass er nicht der erste Weitenberg ist, der nach Stadtlohn zog. Schon vor über 100 Jahren wählte ein Weitenberg diesen Weg. Georg Weitenbergs Recherche aber reicht viel weiter zurück. „Ich habe in kleinster Puzzlearbeit die Herkunft der Familie Weitenberg bis 1622 zurückverfolgen können.“

Dabei war und ist Georg Weitenberg kein Einzelkämpfer. „Es geht nicht darum das Wissen allein zu haben, sondern es zu teilen, sagt er. Das tut er schon lange in der

„Arbeitsgemeinschaft Westmünsterland Genealogie“, in der sich über 300 Hobby-Forscher die Leidenschaft der Familienforschung teilen und deren Sprecher Georg Weitenberg ist. Zudem hat jeder in der AG Zugriff auf die mittlerweile mehr als 600.000 Daten umfassende computerunterstützte Datenbank.

Familienwurzeln in Tirol?

Doch weiter als 400 Jahre lässt sich die Spur der Familien Weitenberg nicht zurückverfolgen. „Es fehlen einfach die schriftlichen Quellen.“ Aber in Tirol wurde schon vor fast 900 Jahren ein Berg namens Weitenberg urkundlich erwähnt. Nach einem DNA-Test hält es Georg Weitenberg für wahrscheinlich, dass seine Vorfahren einst im Mittelalter von Tirol aus nach Norden wanderten.

Aber wer ist nun jener Carlos Graf, der geheimnisvolle Briefeschreiber aus Brasilien? Weil Georg Weitenberg mit schriftlichen Anfragen nicht weiterkam, reiste er 2001 mit seinem Bruder und dem 100 Jahre alten Brief nach Itajai in den Bundesstaat Santa Catarina an der Atlantikküste und suchte die Absenderadresse auf. Dort befindet sich heute ein Schreibwarengeschäft.

Die Urgroßeltern von Georg Weitenberg lebten in Velen: Wilhelm Henricus Weitenberg (1828-1907) und seine Frau Elisabeth Anna geb. Eink (1828-1905).
Die Urgroßeltern von Georg Weitenberg lebten in Velen: Wilhelm Henricus Weitenberg (1828-1907) und seine Frau Elisabeth Anna geb. Eink (1828-1905). © Georg Weitenberg © Georg Weitenberg

Georg Weitenberg zeigte dort den Brief vor, fragte nach Carlos Graf. „Der Chef des Schreibwarengeschäfts hat seinen Angestellten sofort freigegeben und gesagt: ,Heute wird nicht gearbeitet, heute ist die Verwandtschaft aus Deutschland zu Besuch.‘ Es war der Urenkel von Carlos Graf, der wiederum der Stiefsohn meiner Urgroßtante ist, die 1859 nach Brasilien auswanderte“, erzählt Georg Weitenberg. So lebendig kann Ahnenforschung sein. (www.wmgen.de)

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Stefan Grothues