Haft für Arzt ohne Zulassung

Patienten ohne Approbation behandelt

Noch im vergangenen Frühjahr galt er als neuer Chefarzt in spe – obwohl er eine kriminelle Vergangenheit hatte. Dann aber kam zusätzlich heraus: Prof. Dr. Dr. D. hat als Vertretungsarzt im Krankenhaus Maria- Hilf fast 100 Patienten behandelt, obwohl ihm wegen Betrugs die ärztliche Approbation entzogen worden war.

STADTLOHN/AHAUS

, 02.09.2016, 18:05 Uhr / Lesedauer: 3 min
Ohne Zulassung hat ein Vertretungsarzt Patienten behandelt.

Ohne Zulassung hat ein Vertretungsarzt Patienten behandelt.

Ohne Approbation, das ist eine ärztliche Zulassung, darf in Deutschland kein Arzt praktizieren. Gestern wurde der 54 Jahre alte Mediziner vom Amtsgericht Ahaus zu einer Haftstrafe von einem Jahr und acht Monaten verurteilt – ohne Bewährung.

Die wichtige Nachricht vorweg: Patienten kamen offenbar nicht zu Schaden. D. gilt nach wie vor im Kollegenkreis als ausgewiesener Tumorexperte. Aber D. hat auch eine andere, schillernde bis dunkle Seite, die sich am Freitag in der sechsstündigen Verhandlung vor dem Schöffengericht offenbarte: Er nimmt es mit dem Gesetz und der Wahrheit nicht so genau. Im Bericht seiner Bewährungshelferin heißt es, dass D. wegen einer bipolaren Störung in psychiatrischer Behandlung sei und eine positive Sozialprognose schwer falle.

Zulassung nur in Kopie

Was ist passiert? Anfang 2016 suchte das Stadtlohner Krankenhaus für die Onkologie wegen Krankheit und Fortbildung eines Arztes einen Vertretungsarzt. Eine Agentur vermittelte D. nach Stadtlohn. Zeugnisse und Approbation wurden von der Agentur per E-Mail zugesandt. Am 18. Januar trat D. erstmals seinen Dienst an – und hinterließ bei seinen Kollegen einen hervorragenden fachlichen Eindruck – auch auf den Krankenhaus-Geschäftsführer Michael Saffé, dessen Mutter zu D.s Patienten zählte. Drei weitere kurzzeitige Vertretungen folgten bis Ende März. Dafür erhielt D. 34 000 Euro.

Ab Mitte Februar sickerte dann auch im Stadtlohner Krankenhaus durch, dass D. unter anderem wegen Kreditbetrugs bis August 2014 im Gefängnis gesessen hatte. Doch seine ärztliche Kompetenz wog für die Verantwortlichen schwerer. „Wir wollten ihm eine Chance geben und einen Experten für unser Haus gewinnen“, sagte Michael Saffé. Er bot D. schon im März einen Chefarztposten an. D. willigte ein. Allerdings: Ein Vertrag wurde nie unterzeichnet. Im Zeugenstand betonten mehrere Mediziner und Verwaltungsmitarbeiter des Krankenhauses, dass sie alle selbstverständlich davon ausgegangen seien, dass D. eine gültige Approbation habe. Dies habe D. auf Nachfrage auch versichert.

D. stellte das im Prozess anders dar: Er habe von Beginn an offen gesagt, er habe keine Approbation in Deutschland, sondern nur eine in seiner neuen Wahlheimat Großbritannien. Diese Zulassung ist in Deutschland nicht gültig. Aber schließlich, so D., sei er in Stadtlohn ja auch nicht als Arzt tätig geworden, sondern lediglich als „Berater“.

„Immer neue Vorwände“

Im März und April zögerte D. die Unterzeichnung des Chefarztvertrages immer mit neuen Entschuldigungen heraus: mal mit einem Vortrag in New York, mal mit einem Kongress in Boston oder wegen Verpflichtungen an der Universität in München.

Weil D. immer neue Ausreden fand, wenn er seine Zeugnisse und seine Approbation im Original vorlegen sollte, schöpfte Michael Saffé Verdacht und zog Erkundigungen ein. Die Bezirksregierung Köln schließlich brachte Klarheit: D. hat keine gültige Approbation. Saffé erstattete Anzeige. Am 7. April 2016 wurde D. von Kripo-Beamten aus einer ärztlichen Besprechung heraus zum Verhör abgeführt.

Die Vertreterin der Staatsanwaltschaft machte am Freitag deutlich, dass D. ohne Zweifel das Krankenhaus getäuscht und gegen das Heilpraktikergesetz verstoßen habe. Sie beantragte eine Freiheitsstrafe von zwei Jahren und zwei Monaten. Der Verteidiger plädierte auf Freispruch.

„Keine Einsicht“

Der Vorsitzende Richter hielt dem Angeklagten entlastend zu Gute, dass kein Patient zu Schaden gekommen sei. Zudem: „Das Krankenhaus hat es Ihnen durchaus einfach gemacht.“ Dennoch wollte der Richter die Strafe wegen der einschlägigen Vorstrafen nicht zur Bewährung aussetzen – vor allem aber aus folgenden Grund: „Ihnen fehlt es an jeglicher Einsicht.“ D. selbst kündigte auf Nachfrage an, in die Berufung gehen zu wollen. „Mit Sicherheit! Das war ja heute eine ziemlich einseitige Angelegenheit.“

Vorwurf gegen Krankenhaus

Nachdem aufgeflogen war, dass D. ohne Approbation im Krankenhaus Maria-Hilf Patienten behandelt hat, holte er zum Gegenschlag aus: Im Mai bezichtigte er gegenüber der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) das Krankenhaus des Abrechnungsbetrugs. Diesen Vorwurf wiederholte er auch am Freitag vor Gericht. Der Richter mahnte: „Sie sitzen auf der Anklagebank, nicht das Krankenhaus.“

In D.s Vorwurf ging es unter anderem darum, dass ein Chefarzt vor seinem Urlaub Blanko-Rezepte unterschrieben habe. Das räumte der Chefarzt in der Verhandlung auch ein. „Ich dachte, das wäre in Ordnung. Retrospektiv war das sicher nicht ganz korrekt.“ Ein KV-Vertreter erklärte als Zeuge vor Gericht, dass die KV den Sachverhalt derzeit prüfe. Ob staatsanwaltliche Ermittlungen folgen, sei noch unklar. 

Es ist nicht die erste Verurteilung für D.: 2003 fiel er als Chefarzt in Goch erstmals auf. Er hatte Handwerker beauftragt, obwohl er Rechnungen über rund 90 000 Euro nicht bezahlen konnte. 15 Monate auf Bewährung lautete das Urteil. Damals war er in die Insolvenz geraten und hatte 2,6 Millionen Euro Schulden angehäuft. 2011 – inzwischen war D. Chefarzt in Riesa – wurde wieder ermittelt. Unter drei Identitäten hatte D. in ganz Deutschland 29 Konten bei 23 Banken eröffnet. So hatte er sich über vier Jahre Kredite in Höhe von rund 1,6 Millionen Euro erschlichen.
2012 wurde er wegen gewerbsmäßigen Betrugs und Bankrotts zu einer Freiheitsstrafe von drei Jahren und zwei Monaten verurteilt. Im August 2014 wurde er aus der Haft entlassen und steht seither unter doppelter Bewährung. 

 

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