Halco-Mitarbeiter sehen sich als Bauernopfer für Hülsta

rnHalco-Schließung

Auf der Arbeitnehmerseite wächst der Unmut. In den Verhandlungen zum Interessenausgleich und Sozialplan zur Schließung der Halco GmbH gab es keine Annäherungen. Die Kluft wird sogar größer.

Stadtlohn

, 30.01.2019, 17:52 Uhr / Lesedauer: 3 min

Mittwoch, 13.30 Uhr vor den Toren des Halco-Werks an der Boschstraße in Stadtlohn. Schichtwechsel. Freddy Tausendfreund hat Feierabend. Wenn der 41-jährige Familienvater nach Hause kommt, dann wird ein Brief auf dem Küchentisch liegen. Seine Kündigung. Davon ist er fest überzeugt. Viele Kollegen haben heute schon einen Anruf von ihren Frauen erhalten. Die Halco-Geschäftsleitung hat nur wenigen Stunden nach den gescheiterten Verhandlungen zum Interessenausgleich die Kündigungsschreiben für 165 Mitarbeiter per Kurier auf den Weg gebracht.

Kündigung bis zum 31. Januar

Der Geschäftsbetrieb der Halco GmbH, ein Tochterunternehmen der Stadtlohner Hüls-Unternehmensgruppe, die Möbel und Möbelbauteile wie Laufschienen, Griffstrangen und Glasverklebungen in Auftragsfertigung für Drittkunden produziert, soll zur Jahresmitte eingestellt werden. Die 23 Beschäftigten in Stadtlohn und die über 140 Mitarbeiter im Werk Coesfeld erhalten spätestens am 31. Januar ihre Kündigung.

Am Dienstagabend hatte zunächst die Halco-Geschäftsführung erklärt, dass die Anstrengungen der Einigungsstelle „ohne vertretbares Ergebnis“ geblieben seien.

Weitere Verhandlungen seien notwendig. Am Mittwochmorgen teilte die Arbeitnehmerseite in einer gemeinsamen Presseerklärung des Gesamtbetriebsrates und der IG Metall mit, dass die Verhandlungen am Dienstagabend in dritter Runde gescheitert seien. Der Gesamtbetriebsrat und die IG Metall raten dazu, dass die Gekündigten gegen ihre Kündigung Klage erheben sollten.

Stimmung ist auf dem Tiefstpunkt

„Die Stimmung unter den Kollegen ist auf einem Tiefstpunkt. Jetzt wo das Aus Schwarz auf Weiß vorliegt“, sagt Freddy Tausendfreund, der als Gesamtbetriebsratsvorsitzender an den Verhandlungen teilgenommen hat. Vor 18 Jahren hat der gelernte Maler und Lackierer bei Hülsta begonnen. „Ich habe gedacht, das wäre ein Job fürs Leben.“ Das sagt auch Thorsten Terliesner. Der 35-jährige Holztechniker hat vor 19 Jahren als Azubi bei Hülsta begonnen. Als die beiden 2002 zu Halco wechselten, blieben sie in der Hüls-Firmen-Familie. Terliesner: „Und wir waren immer stolz darauf, zu Hülsta zu gehören. Und wir haben uns jahrelang für das Unternehmen ins Zeug gelegt. Jetzt fühlen wir uns als Ballast, den die Geschäftsleitung nur noch los werden will.“

Transfergesellschaft gescheitert

Nach den Vorstellungen der Halco-Geschäftsführung sollten 115 Beschäftigte ab 1. April 2019 für bis zu sieben Monate in eine Transfergesellschaft wechseln können. Die Rahmenbedingungen entsprächen jenen, die bereits in der Vergangenheit innerhalb der Hüls-Unternehmensgruppe vereinbart worden waren. Insbesondere entsprächen sie der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit der Halco GmbH. Angesichts der nach Angaben der Arbeitsagentur Coesfeld „sehr hohen Nachfrage nach Arbeitskräften“ wolle man sich alles in allem auf eine „angemessene Einigung verständigen“, so Halco-Geschäftsführer Franz Nitsche in einer Pressemitteilung.

Keine Annäherung im Streit um Abfindungshöhe

Jürgen Schmidt von der IG Metall in Münster widerspricht vehement: „Die Beschränkung der Transfergellschaft auf nur 115 Beschäftigte nach Sozialauswahl ist rechtlich gar nicht zulässig. Da konnten wir gar nicht zustimmen. Eine Transfergesellschaft muss für alle Beschäftigten offen sein.“ Und das am Dienstagabend vorgelegte Sozialplanangebot, so Schmidt, bewege sich „auf erbärmlich niedrigem Niveau“ und sei sogar hinter den Stand der Verhandlungen am 17. Januar zurückgefallen.

Die Arbeitnehmer hätten ihre Forderungen auf eine Abfindung auf 950 Euro je Beschäftigungsjahr zurückgeschraubt. Die Arbeitgeberseite habe nicht einmal die Hälfte geboten. Schmidt: „Dem Volumen nach soll nicht einmal der aus dem beabsichtigten Grundstücks- und Hallenverkauf zu erwartende Erlös für den Sozialplan bereitgestellt werden. Die Verkaufserlöse, so die Arbeitnehmerseite, sollten „offenbar dem Sozialplan vorenthalten werden und stattdessen bei der Hüls-Gruppe landen.“

Verhandlungen über Sozialplan werden fortgesetzt

Über einen Sozialplan, der die Entlassungsentschädigungen zu regeln hat, wird die Einigungsstelle weiterverhandeln. „Bis heute liegt seitens der Arbeitgeber kein verhandlungsfähiges Sozialplanangebot vor. Wir fordern die Unternehmer auf, ihrer Verantwortung gerecht zu werden und die nötigen Mittel für einen angemessenen Sozialplan zur Verfügung zu stellen“, sagt Freddy Tausendfreund. Sollte kein Verhandlungsergebnis erzielt werden, würde am Ende ein Schlichterspruch entscheiden.

Halco-Mitarbeiter sehen sich als Bauernopfer für Hülsta

Bei einer Demo zur Halco-Werksschließung im November 2018 (v.l.): Jürgen Schmidt, 1. Bevollmächtigter der IG Metall in Münster und Begleiter des Betriebsrates von Halco, Freddy Tausendfreund, Betriebsratsvorsitzender Stadtlohn, Wolfgang Bergerbusch, Betriebsratsvorsitzender Coesfeld © Jessica Demmer

Wolfgang Bergerbusch, Halco-Betriebsratsvorsitzender in Coesfeld, beschrieb am Mittwoch die Stimmung unter seinen Kollegen im Gespräch mit unserer Redaktion so: „Es herrscht blankes Entsetzen, ein hoher Grad an Enttäuschung und grenzenlose Wut. Jetzt fühlt sich auch der Treueste nicht mehr wertgeschätzt.“ Bergerbusch wirft den Arbeitgebern vor, „jeden Cent auf die eigene Seite zu schaffen“ und die Mitarbeiter für den Verlust ihres Arbeitsplatzes nicht angemessen zu entschädigen.

Schlaflose Nächte

Welche Sorgen der Verlust des einst sicher geglaubten Arbeitsplatzes in die Familien trägt, schildert Freddy Tausendfreund: „Ich bin nicht der einzige, der seit dem letzten Sommer nicht mehr durchschläft. Auch auf Ehefrauen und Kinder überträgt sich die Verunsicherung, weil keiner genau weiß, wie es weitergeht.“

Tausendfreund und Terliesner sind schon auf der Suche nach einem neuen Arbeitsplatz. Fündig geworden sind sie noch nicht. Terliesner: „Die Lage am Arbeitsmarkt ist zwar vergleichsweise gut. Das ist aber für die vielen älteren Kollegen kein Trost, die haben einfach schlechte Chancen.“

Halco-Mitarbeiter sehen sich als Bauernopfer für Hülsta

Das Halco-Werk in Coesfeld © Foto Münsterland Zeitung

Die Hüls-Gruppe hatte im Oktober 2018 angekündigt, die Halco GmbH Mitte 2019 schließen zu wollen. Die Entscheidung sei „nach Abwägung sämtlicher Handlungsoptionen“ getroffen worden und führe für die Hülsta-Werke zu „besserer Wertschöpfung, besserer Auslastung und besserer Produktivität“ und stärke so das Hülsta-Stammwerk in Stadtlohn.

Mitarbeiter fühlen sich im Stich gelassen

Freddy Tausendfreund und Thorsten Terliesner bezweifeln nicht, dass es Situationen geben kann, in denen Firmen zum größeren Gesamtwohl einer Unternehmensgruppe umstrukturiert oder gar geschlossen werden müssten. Tausendfreund: „Aber das Wie ist in diesem Fall eine totale Katastrophe. Wir wurden im letzten Sommer hingehalten und hintergangen. Jahrzehntelang haben wir für Hülsta Qualität geliefert. Selbst jetzt unter diesen Umständen feiert keiner uns krank. Aber wir fühlen uns im Stich gelassen. Wir sind das Bauernopfer für Hülsta.“

  • Die 2002 unter dem Dach der Stadtlohner Hüls Unternehmensgruppe gegründete Halco GmbH produziert auf über 13.000 Quadratmetern in Produktionsstätten in Coesfeld und Stadtlohn Lack-, Möbel- und Aluminiumbauteile in Auftragsfertigung.
  • In Coesfeld beschäftigte Halco im vergangenen Jahr rund 180 und in Stadtlohn an der Boschstraße rund 25 Mitarbeiter. Die Zahl der Mitarbeiter beträgt derzeit nach Unternehmensangaben insgesamt noch 165.
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