Heiner Demes geht mit Spürnase Tons auf die Suche nach verwundetem Wild

rnSchweißhundstation

Schweißhund Tons ist eine echte Spürnase. Heiner Demes ist ein Spezialist, der das zu nutzen weiß. Die beiden verbindet eine lange Leine und eine Passion: die Suche nach verletztem Wild.

Stadtlohn

, 21.08.2019, 05:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

Manche Dinge kann man nicht planen. An diesem Nachmittag wollen vier Schweißhundeführer auf der Terrasse des Landgutes Ritter in Stadtlohn-Büren mit dem Reporter über ihren noch jungen „Nachsuchering Münsterland“ sprechen. Und über die gesetzliche und moralische Pflicht des Waidmanns, angeschossene oder durch einen Verkehrsunfall verwundete Tiere zu suchen, um sie von ihrem Leiden zu erlösen.

Heiner Demes geht mit Spürnase Tons auf die Suche nach verwundetem Wild

Die vier Hundeführer des Nachsucherings Münsterland (von links): Torsten Könnecker mit Aika, Ansgar Westrup mit Thor, Heiner Demes mit Tons und Peter Nottenkämper mit Paula. © Stefan Grothues

Die Schweißhunde Tons, Paula und Aika dösen friedlich zu Füßen ihrer Besitzer Heiner Demes aus Stadtlohn, Peter Nottenkämper aus Haltern und Torsten Könnecker aus Bösensell. Aber Ansgar Westrup aus Münster und sein Hund Thor fehlen noch. Als die beiden endlich eintreffen, haben sie eine gute Entschuldigung für ihre Verspätung: Sieben Stunden Nachsuche liegen an diesem Tag bereits hinter ihnen. „Wir sind schon seit 6.30 Uhr im Einsatz“, sagt ein abgekämpfter Ansgar Westrup, als er sich im Schutzanzug auf den Stuhl fallen lässt, während sich unterm Tisch die drahtigen und kräftige Hunde mit kurzem braunen Haar freudig begrüßen. Man kennt sich.

„Das Tier wäre elendig verdurstet oder verhungert“

Und schon ist das theoretische Gespräch mitten in der Praxis angelangt, im Alltag einer anerkannten Schweißhundstation. Am Abend zuvor erreichten Ansgar Westrup zwei Anrufe: Einem Jäger ist ein Schuss auf ein Rotwild missglückt. Und ein Autofahrer hat ein Reh angefahren. Weil die Dunkelheit schon anbrach, setzte Ansgar Westrup seinen Hannoverschen Schweißhund Thor erst am nächsten Morgen auf die Fährten. „Das Rotwild war von einem Äserschuss getroffen worden und dann geflüchtet“, berichtet Ansgar Westrup und erklärt für den Laien: „Nur der Kiefer war verletzt. Das Tier wäre elendig verdurstet oder verhungert.“

Schutzkleidung ist unerlässlich

Thor nahm die Spur auf und hetzte los, Ansgar Westrup an der zehn Meter langen Leine hinterher, durch stacheliges Gestrüpp, durch Brombeeren und Weißdorn. Der Hund bestimmt das Tempo. Da ist Schutzkleidung unerlässlich. Und auch ein Helm ist ratsam. Die vier Hundeführer in der Runde nicken. Fast alle haben im Eifer der Suche schon unliebsame Kopfkontakte mit dicken Ästen oder Baumstämmen gehabt.

Heiner Demes geht mit Spürnase Tons auf die Suche nach verwundetem Wild

Die Supernase Tons bei der Arbeit © Stefan Grothues

Bis zu 48 Stunden alte Spuren sind für die Schweißhunde noch zu erschnüffeln, erst Recht, wenn Schweiß im Spiel ist. So nennen die Jäger das Blut des Wildes. Sieben bis zwölf Kilometer lang können die Fährten sein. Geradlinig sind sie selten. „Das Wild hat sich in den vielen tausend Jahren der Evolution auf die Verfolgung durch Wölfe eingestellt“, erklärt Heiner Demes. So versuchten flüchtende Rehe, ihre Verfolger durch falsche Fährten zu überlisten, indem sie streckenweise auf ihrer eigenen Spur zurücklaufen, um dann einen neuen Weg einzuschlagen.

Heiner Demes begann 2007 mit der Ausbildung

Da braucht der Hund nicht nur eine feine Nase, sondern auch eine gute Ausbildung. Schließlich darf er sich nicht durch andere, noch so verlockende Fährten und Gerüche ablenken lassen. Und er braucht einen erfahrenen Hundeführer, der ihm hilft, sich auf die entscheidende Spur zu konzentrieren.

Heiner Demes ist von Kindesbeinen an mit der Jagd und Hunden aufgewachsen. Schon seit 1975 ist er Jäger und Hundeführer. Über die Wildschweinjagd in Brandenburg kam er in Kontakt mit Schweißhundeführern – und wurde mit der Suchleidenschaft infiziert. Ehrgeizig und mit viel Erfolg stürzte er sich ab 2007 in die Ausbildung mit Bootsmann, seinem ersten Bayerischen Gebirgsschweißhund und Vater von Tons.

Offiziell bestellte Schweißhundführer haben Sonderrechte

Seit einem Jahr ist Heiner Demes offiziell anerkannter und vom Landesjagdverband bestellter Schweißhundeführer in NRW. Damit ist er auch mit Sonderrechten ausgestattet. Anders als andere Jäger darf er zum Beispiel mit der Waffe Reviergrenzen überschreiten, um verletzte Tiere zu finden und ihnen den Fangschuss zu geben.

Heiner Demes geht mit Spürnase Tons auf die Suche nach verwundetem Wild

Heiner Demes und der Bayerische Gebirgsschweißhund Tons © Stefan Grothues

„Das ist ein Glücksfall, dass wir jetzt einen echten Spezialisten hier vor Ort haben, der diese wichtige Aufgabe für die Jägerschaft übernimmt“, sagt Ulrich Behmenburg, der Leiter des Hegerings Stadtlohn-Südlohn-Oeding. Er betont: „Es geht ja bei der Nachsuche in allererster Linie um Tierschutz. Es ist gut, dass es Idealisten gibt, die ihre Freizeit für diese wichtige Aufgabe opfern.“

80 bis 100 Nachsucheinsätze im Jahr

80 bis 100 Einsätze hat allein Heiner Demes pro Jahr. „Ich kann das nur machen, weil meine Frau und mein Bruder, mit dem ich einen Malerbetrieb führe, dafür Verständnis aufbringen“. Die jährliche Aufwandsentschädigung von 1500 Euro deckt nicht einmal den Aufwand. Etwa zehn Prozent der Einsätze sind nach Wildunfällen notwendig. Bei etwa einem Viertel der Fälle handelt es sich um Kontrollen, ob der Jäger das Wild getroffen hat oder nicht. In etwa 50 Prozent aller Fälle wird das verletzte Wild tatsächlich gefunden und mit dem Fangschuss erlöst.

Heiner Demes geht mit Spürnase Tons auf die Suche nach verwundetem Wild

Teamgeist: Der Nachsuchering Münsterland hat ein eigenes Emblem. © Stefan Grothues

Wie Demes sind auch die drei anderen Schweißhundeführer am Tisch selbstständig: Peter Nottenkämper ist Anwalt, Torsten Könnecker führt ein Callcenter und Ansgar Westrup ist Landwirt. Damit können sie flexibler als andere über ihre Zeit verfügen. Und doch haben sich die vier „Einzelkämpfer im Münsterland“ zum „Nachsuchering Münsterland“ zusammengeschlossen. „Das erleichtert das gemeinschaftliche Handeln im Sinne des Tierschutzes“, sagt Peter Nottenkämper. „Wir sprechen uns ab und unterstützen uns gegenseitig.“ Denn es passiere gar nicht so selten, dass der Schweißhund auf langen Wundfährten an seine körperlichen Grenzen komme und eine Ablösung brauche.

Schwerstarbeit mit der Nase

„Heute Morgen zum Beispiel war es für Thor schon grenzwertig. Schnüffeln ist für den Hund Schwerstarbeit“, sagt Ansgar Westrup. Das Unfall-Reh wurde an diesem Morgen nicht gefunden. „Es ist auch unklar, ob und wie schwer es verletzt war“, sagt Ansgar Westrup. Aber die Suche nach dem angeschossenen Rotwild war erfolgreich. „Der Jäger, der den Äserschuss abgegeben hatte, war sehr betroffen über seinen Fehlschuss – und so erleichtert, dass wir das verletzte Tier gefunden und erlöst haben.“

Jetzt lesen

Nie würden die Nachsucher darüber sprechen, in welchem Revier sich das zugetragen hat. „Schweigepflicht ist für uns Ehrensache. Wir wollen ja ein Vertrauensverhältnis zu den Jägern. Keiner sollte aus falscher Scham einen Fehlschuss verschweigen. Wir richten nicht über die Jäger, wir wollen nur das Tierleid verkürzen“, sagt Heiner Demes. Fehlschüsse seien auch die Ausnahme, ergänzt Peter Nottekämper: „Im Regierungsbezirk Münster werden jährlich 24.000 Rehe, Wildschweine, Rotwild und Damwild geschossen. Daran bemessen ist die Zahl unserer Einsätze ja verschwindend klein.“

Uralter Jagdtrieb

Tierschutz ist der ernsthafte Hintergrund der jagdlichen Nachsuche. Aber wer mit den vier Schweißhundeführern, die längst Freunde geworden sind, spricht, spürt auch die Leidenschaft. Peter Nottenkämper räumt ein: „Die Nachsuche befriedigt den uralten Jagdtrieb.“ Und das gilt wohl für die Nachsucher an beiden Enden der Leine. Heiner Demes sagt lachend: „Als ich mit Bootsmann die erste tote Sau aufgespürt habe, war ich so begeistert. Und das spürt der Hund, der seinem Hundeführer ja eine Freude machen will. Der Hund war stolz wie Bolle. Und ich war es noch mehr.“

DER HANNOVERSCHE SCHWEISSHUND
  • Der Hannoversche Schweißhund ist nach Angaben des Züchterverbandes „Verein Hirschmann“ bis in die Keltenzeit, einem Jägervolk in Mitteleuropa etwa ab 500 v.Chr., zurückzuführen. Die Kelten benutzten zum Aufspüren des Wildes den sogenannten Segusierhund, welcher aus der Keltenbracke hervorging.

  • Besonders der Hannoversche Jägerhof entwickelte im 18. und 19. Jahrhundert diese Hunderasse weiter. Der Hund wurde sowohl für das Bestätigen, wie auch zur Nachsuche auf krankgeschossenes Hochwild eingesetzt. Dabei wurde eine Führungsmethode geschaffen, die sich in einigen Abschnitten bis heute für den Nachsuchenhund bewährt hat, die sogenannte „Jägerhofmethode“.

  • Im Jahr 1885 erhielt der Schweißhund aus Hannover, anlässlich einer Delegiertenversammlung des Vereins zur Veredelung der Hunderassen in Deutschland, seinen Namen „Hannoverscher Schweißhund“ / „Deutscher Schweißhund“.
DER BAYERISCHE GEBIRGSSCHWEISSHUND
  • 1848 nach der Revolution findet man erste Hinweise auf die Rasseentstehung des Bayerischen Gebirgsschweißhundes. Die sich verändernden jagdlichen Verhältnisse haben passionierte Jagdherrn bewogen, einen Hund zu züchten, der dem harten Einsatz im Gebirge gewachsen war. Hierfür wurden Wildbodenhunde und Bracken des Gebirges mit dem Hannoverschen Schweißhund verpaart.

  • 1883 wurde die Rasse Bayerischer Gebirgsschweißhund erstmals über Rassekennzeichen beschrieben und erhielt von der Delegierten Versammlung der Deutschen Kommission den Namen und die Stammbaumfähigkeit.
Lesen Sie jetzt