Nachbarn erwägen Klage gegen geplanten Windpark

In Wendfeld

Das Haus der Hemsings in Wendfeld liegt auf einer Anhöhe. Von der Terrasse aus hat die Familie einen fantastischen Blick in die Weite der sanfthügeligen Landschaft: nichts als Wiesen, Felder, Bäume. Nächstes Jahr sollen sich dort acht Windkraftanlagen drehen. "Dann ist die Idylle weg", sagt Hermann Hemsing. Aber damit abfinden wollen sich er und viele seiner Nachbarn nicht.

STADTLOHN

, 07.09.2016, 18:29 Uhr / Lesedauer: 3 min
Nachbarn erwägen Klage gegen geplanten Windpark

In Hengeler-Wendfeld sind sich die Anwohner uneins darüber, wieviele Windkraftanlagen verträglich sind.(A)

In Hemsings Garten haben sich ein Dutzend Nachbarn versammelt, um ihren Unmut über die Pläne für den Windpark Hengeler-Wendfeld öffentlich zu machen. Ihnen geht es nicht um die Bewahrung eines Idylls.

Sie sorgen sich vielmehr um tagtägliche Beeinträchtigungen durch Schattenwurf, durch Lärmemissionen und Infraschall, durch Lichtreflexionen und nächtliches Blinken. "Es geht um unsere Lebensqualität", sagt Claudia Nienhaus und betont: "Ich weiß, wovon ich spreche."

Windrad brummt

Sie wohnt nur gut 300 Meter entfernt von der bislang einzigen Windkraftanlage in Wendfeld. Die 2005 errichtete Anlage ist allerdings mit ihrer Höhe von 134 Metern ein Zwerg gegenüber den acht geplanten und 200 Meter hohen Riesen. "Nachts höre ich das Windrad so laut als wenn ein Kühlschrank direkt neben meinem Bett brummen würde. Das sind 44,9 Dezibel, erlaubt sind 45. Ich kann nur jedem empfehlen, sich gegen die Pläne zu wehren", sagt Claudia Nienhaus.

200-Meter-Anlagen gebe es in Stadtlohn ja noch gar nicht, sagt sie und ist sich sicher: "Wenn die erst einmal stehen, dann wird sich mancher wundern, dass er betroffen ist." Hubert Reimering fügt hinzu: "Diese großen Anlagen sind ja auch in den Nachbargemeinden geplant. Das wird das Bild der ganzen Region negativ verändern."

Bedenken wegen Schatten

Eine Dauerbeschallung fürchtet nun auch Christina Krieger. Ihre Familie gehört künftig zu den am stärksten betroffenen Wendfeldern. Weniger als 700 Meter trennen ihr Haus von einer geplanten Windkraftanlage. Wieviele Wendfelder sind betroffen?

Hermann Hemsing zählt laut: "Im 2000-Meter-Radius rund um die Anlage gibt es rund 60 Haushalte. Für 20 gibt es wegen des Schattenschlags zeitweise automatische Abschaltungen. Aber wir werden alle vom Schattenwurf betroffen sein." Nur acht Familien aus Wendfeld seien in der Windpark GmbH vertreten, so Hemsing. Von einem Bürgerwindpark könne keine Rede sein. In Hengeler sei die Akzeptanz größer. Dort, so Hemsing, wohnen die Menschen auch nicht so nah an den geplanten Anlagen.

Mindestabstände eingehalten

Aber die gesetzlichen Bestimmungen und vorgeschriebenen Mindestabstände werden eingehalten. Das legen umfangreiche Gutachten dar. Am kommenden Mittwoch wird der Rat der Stadt Stadtlohn vermutlich den Bebauungsplan für den Windpark verabschieden. Widerspruch von Seiten der Politiker ist nicht in Sicht. Der Bau- und Planungsausschuss hat den Satzungsbeschluss in der vergangenen Woche bereits einstimmig empfohlen (wir berichteten).

"Wir waren in vielen Fraktionssitzungen, aber unsere Bedenken sind alle sauber weggelächelt worden. Wir fühlen uns allein gelassen", sagt Hermann Hemsing. Die Kommunalpolitiker, so sei ihnen gesagt worden, hätten keine Spielräume, ihnen seien die Hände gebunden, wenn alles nach Recht und Gesetz laufe.

Gespräche mit Rechtsanwalt

Da sind sich Hemsing und seine Nachbarn nicht so ganz sicher. Sind die Anliegen der Nachbarn angemessen gewürdigt worden? Ist der Schutz der Kiebitze und Fledermäuse und der ökologische Ausgleich tatsächlich ausreichend? Daran gebe es Zweifel. "Wir ziehen eine Klage in Betracht", sagt Hermann Hemsing. Die Nachbarn nicken.

Gespräche mit einem Rechtsanwalt würden bereits geführt. Dabei betonen die Nachbarn, dass sie grundsätzlich gar nicht gegen die Windkraft seien. Hemsing: "Es muss aber verträglich für alle bleiben." Als 2011 die ersten Überlegungen für drei Anlagen aufkamen, habe er sich noch keine großen Sorgen gemacht, so Hemsing. Da hätte ja der Abstand zur Wohnbebauung gestimmt.

Fehlender Platz

Für acht Anlagen fehle in Hengeler-Wendfeld einfach der Platz. "Mit fünf Anlagen hätten wir gut leben können", erklärt Josef Breuers. Doch von Seiten der Geschäftsführer der He-We-Windpark GmbH & Co. KG habe es keinerlei Entgegenkommen oder Kompromissbereitschaft gegeben.

Breuers: "Die sehen nur die maximale Rendite." Den Gegnern sei auch ein freiwilliger finanzieller Ausgleich angeboten worden. Damit wäre aber der Verzicht auf weitere rechtliche Schritte einhergegangen. Hemsing: "Wir lassen uns unsere Bedenken nicht abkaufen. Wir wollen kein Geld, wir wollen unsere Lebensqualität erhalten."

Kein Krawall

Warum gehen die Wendfelder Windkraft-Kritiker erst jetzt an die Öffentlichkeit, wo das Genehmigungsverfahren dem Ende entgegengeht? "Lauter Protest ist eigentlich nicht unser Ding, wir wollen keinen Krawall", sagt Hemsing. Er und ein Dutzend anderer Nachbarn hätten im Bebauungsplanverfahren die Bedenken schriftlich eingereicht und viele Gespräche geführt, letztlich aber ohne Erfolg. Die Klagemöglichkeit eröffne sich ohnehin erst dann, wenn der Bebauungsplan verabschiedet worden sei.

Interviewäußerungen von Otger Harks, einem der Geschäftsführer der He-We-Windpark GmbH & Co. KG, haben in der letzten Woche aber für die Runde in Hemsings Garten das Fass zum Überlaufen gebracht. Auf die Frage, wie es um das Nachbarschaftsklima in Wendfeld stehe, hatte Harks geantwortet: "Die Gräben sind nicht tiefer geworden. Im Gegenteil: Schauen Sie sich das Bild vom Schützenfest an. Da können Sie sehen, wie sich Gegner und Befürworter einträchtig den Thron teilen. Mein Eindruck ist, dass die Akzeptanz größer wird."

Windkraft ausgeklammert

Diese Darstellung erboste manchen Wendfelder, darunter auch der Schützenvereinsvorsitzende Josef Breuers: "Wir wollen uns unser Traditionsfest nicht vermiesen lassen. Darum haben wir auf dem Fest das Windkraftproblem ganz bewusst ausgeklammert. Das hat aber nichts mit Akzeptanz der Windkraftanlagen zu tun!" 

Die Windpark-Kritiker stören sich auch daran, dass Otger Harks selbst zugunsten einer Windkraftanlage auf seinen Wohnsitz in Wendfeld verzichtet und in die Stadt zieht, wo es keine Windkraftanlagen gibt. "Otger Harks verlässt uns - und wir bleiben mit den Windrädern hier."

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