Opfer und Zeugen belasten Angeklagten bei Polizei schwer – Erinnerungslücken vor Gericht

rnFreispruch im Strafprozess

Wenn sich Opfer, Zeugen und Angeklagter einig sind, hat das Gericht keine Handhabe für eine Verurteilung. Entsprechend endete ein Prozess wegen gefährlicher Körperverletzung mit Freispruch.

Stadtlohn

, 20.11.2019, 12:55 Uhr / Lesedauer: 3 min

Da war für Richter und Staatsanwältin am Montagmittag im Ahauser Amtsgericht nichts zu machen. Selbst das Opfer eines Streits am 1. November 2018 in einer Pizzeria konnte oder wollte sich an den genauen Tathergang nicht erinnern. Bei der Polizei hatten das Opfer und auch die drei geladenen Zeugen den Angeklagten noch schwer belastet, was zu einer Anklage wegen gefährlicher Körperverletzung führte.

Um 5.50 Uhr in der Halloweennacht des vergangenen Jahres war eine Pizzeria in der Mühlenstraße Ort des Geschehens. Dort trafen zwei Stadtlohner aufeinander und gerieten zunächst verbal und dann auch mit den Fäusten aneinander.

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Mit einem Glas habe der 29-jährige Angeklagte nach seinem 27-jährigen Kontrahenten geschlagen. Das nahm die Polizei nach dem Vorfall im Protokoll auf, bei dem das Opfer so schwer am Auge verletzt wurde, dass er in der Notaufnahme des Stadtlohner Krankenhauses behandelt werden musste.

Opfer und Zeugen hatten kaum noch Erinnerungen an die Tat

Vor Gericht tat sich am Montag eine massive Mauer des Vergessens auf. Der Angeklagte verweigerte die Aussage, was sein gutes Recht ist. Das Opfer „glänzte“ mit Erinnerungslücken und räumte nur ein, dass er den Angeklagten geschubst hatte. Bei allen Beteiligten sei zuvor reichlich Alkohol im Spiel gewesen.

Es sei zu Provokationen gekommen, berichtete das Opfer, ansonsten habe er „nicht mehr viel in Erinnerung“ von dem Vorfall. Wie es zu seinem blutigen Auge gekommen sei, könne er nicht mehr sagen.

Auch der Vorhalt des Richters, das Opfer habe bei der Polizei angegeben, mit einem Glas vom Angeklagten ins Gesicht geschlagen worden zu sein, vermochte die Erinnerungslücke des 27-jährigen Opfers nicht zu schließen.

Mit Angeklagtem über Tat gesprochen

„Haben Sie vielleicht mit dem Angeklagten darüber gesprochen, dass sie heute über Gläser nicht sprechen wollen“, wollte der Richter vom Opfer wissen. Der 27-Jährige berichtete, dass er tatsächlich mit dem Angeklagten gesprochen hatte. Am Ende habe man sich die Hand gegeben. Die Sache sei damit für sie erledigt.

Ein 30-jähriger Zeuge konnte das Gericht mit seinen Erinnerungslücken an die entscheidenden Stellen der Auseinandersetzung ebenfalls nicht gerade überzeugen. Auch der Stadtlohner hatte den Vorfall bei der Polizei anders geschildert, als er sich jetzt vor Gericht daran erinnern konnte.

Zeuge Nummer Drei brachte das Fass dann zum Überlaufen. Er sei erst gekommen, „da war alles schon gelaufen“, schilderte der 26-Jährige dem Gericht. Auch er hatte in der Tatnacht bei der Polizei andere Angaben gemacht.

Richter bricht Befragung abrupt ab

Der 26-Jährige wollte die Pizzeria nicht einmal betreten haben. Zuvor hatte das Opfer aber berichtet, das Trio sei gemeinsam in der Pizzeria gewesen, als sich die Gemüter erhitzten. Abrupt brach der Richter die Zeugenvernehmung ab, als sich abzeichnete, dass auch dieser Zeuge den Angeklagten nicht belasten würde.

In ihrem Plädoyer wechselte die Staatsanwältin dann vom Tatvorwurf der schweren Körperverletzung zur einfachen Körperverletzung. Fest stand für sie, dass der Angeklagte das Opfer am Auge verletzt habe. „Das Glas wurde nicht bestätigt, daher kann ich keine gefährliche Körperverletzung sehen“. Trotzdem: 50 Tagessätzte zu je 40 Euro lautete das von ihr geforderte Strafmaß.

Darüber zeigte sich der Anwalt des Angeklagten „überrascht“. Er habe während der Verhandlung „etwas anderes wahrgenommen“. Der Geschädigte und auch die Zeugen hätten keine konkreten Erinnerungen an die Tat. Daraus zu schließen, sein Mandant habe das Opfer verletzt, hielt er für „gewagt“.

Richter: „katastrophale Zeugenaussagen“

„Freispruch“ lautete das wenige Minuten später folgende Urteil. Der Richter sprach in der Urteilsbegründung von „katastrophalen Zeugenaussagen“, Opfer und Zeugen hätten ihre eigenen Aussagen bei der Polizei nicht bestätigt.

Fest stehe, das Opfer habe den Angeklagten geschubst. Dadurch könnte ein - vor Gericht von keinem Zeugen bestätigter Schlag – auch „von Notwehr gedeckt“ sein. Der Richter betonte noch einmal, dass die Zeugen in der Tatnacht völlig andere Aussagen als in der Hauptverhandlung gemacht hatten. Damals war von zwei Schlägen mit dem Glas gegen den Kopf des Opfers die Rede.

„Im Zweifel für den Angeklagten“, schloss der Richter am Ende die Sitzung.

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