Rätselhafte Tumortherapie eines Stadtlohner Immunologen

Nicht zugelassene Wirkstoffe

Die Geschichte ist eine voller Rätsel und Ungereimtheiten. Sie handelt von einer alternativen, nicht zugelassenen Krebstherapie, in der ein Stadtlohner Immunologe die Hauptrolle spielt.

STADTLOHN

, 14.10.2017, 12:25 Uhr / Lesedauer: 3 min
Rätselhafte Tumortherapie eines Stadtlohner Immunologen

Die Universitätsmedizin Greifswald in Mecklenburg-Vorpommern. Hier wurde die Infusionspumpe implantiert, die anschließend mit Exosomen befüllt wurde.

Der Inhalt: Dr. Norbert Sass hat einer Krebskranken im Universitätsklinikum Greifswald (Mecklenburg-Vorpommern) über eine Infusionspumpe nicht zugelassene Wirkstoffe verabreicht. Dabei handelt es sich um Exosome, Bestandteile von Stammzellen, die er in seinem Labor in Beirut gewinnt. Die Greifswalder Klinik hatte angenommen, dass Sass als niedergelassener Arzt tätig sei, inzwischen die Kooperation mit ihm aber aufgekündigt.

Blog einer Todkranken

Das Ganze beginnt vor sechs Jahren in Großbottwar in der Nähe von Stuttgart. Dort erkrankt eine junge Frau an einem Nebennierenzellenkarzinom – unheilbar. Parallel zu ihrer schweren Erkrankung lässt Svenja G. die Menschen in dem Blog „Ich will doch nur leben“ teilhaben an ihrem Schicksal. Rund 70 000 Follower verfolgen jeden Schritt der heute 34-Jährigen, und alle sind voller Mitgefühl. Die Reaktion ist eine Welle der Hilfsbereitschaft. Örtliche Vereine sammeln Geld, Feste und Konzerte werden organisiert. Die Ludwigsburger Lokalzeitung, aber auch Bild und ZDF berichten über die dramatischen Erfahrungen der Kranken. Das rührt auch Gesa Behrens aus Mölln, die sich im Netz mit anderen Frauen zu einer Gruppe zusammenschließt. Spontan wollen sie für Svenja 10 000 Euro spenden. Genau da kommt Dr. Norbert Sass ins Spiel, auf den sie in Svenjas Blog stoßen. Zusammen mit seiner Frau Annemarie von Eynern betreibt er den „Löwenhof“ in Stadtlohn, eine ländliche Idylle für Mensch und Tier (Münsterland Zeitung berichtete). Norbert Sass hat aber neben der Landwirtschaft noch einen weiteren Erwerbszweig als klinischer Immunbiologe. In seinem „Managerprofil“ tauchen eine ganze Reihe an Firmengründungen auf.

Labor in Beirut

Als Wissenschaftler ist er weit in der Welt herumgekommen, war unter anderem längere Zeit in den USA aktiv. Und schon lange setzt er Stammzellen-Therapie ein, die in Deutschland bislang nur ganz eingeschränkt zuässig ist. Norbert Sass aber ist von der Wirksamkeit bei bestimmten Erkrankungen wie zum Beispiel Parkinson oder Multiple Sklerose überzeugt. Als juristischen Ausweg findet er Beirut, wo er ein Labor zur Stammzellen-Gewinnung betreibt und auch Behandlungen durchführt: „Von dem Gesundheitsminister des Libanons habe ich eine Duldung bekommen.“ In Videos demonstrieren Patienten im Netz die angeblich positive Wirkung der Stammzellen.

Mittlerweile ist Norbert Sass aber auch vom therapeutischen Erfolg der Exosomen, die aus Stammzellen gewonnen werden, bei Krebserkrankungen überzeugt: „Stammzellen haben längst nicht die Möglichkeiten wie Exosome.“ Im vergangenen Jahr hat er bei einem Patienten mit einem Hirntumor Exosome eingesetzt. Im Netz beschreibt er „deutliche Zeichen des Tumorzerfalls“ und fordert dazu auf, sich bei Interesse an der Therapie an ihn zu wenden.

Der vierte Fall

Svenja G. ist sein vierter Fall. Bei ihr erfolgten Eingriff und Befüllung der Infusionspumpe in der Universitätsmedizin Greifswald, deren Chef Professor Dr. Ralf Ewert ist. Das jedenfalls postet Svenja G. bei Facebook und veröffentlicht dazu eine Rechnung von Dr. Sass. Dass dieser darin 73.800 Euro für die „Implantation der Infusionspumpe Uni Klinik Greifswald und Befüllung der Pumpe mit Exosomes im OP-Raum“ und damit nicht nur sein eigenes Honorar fordert sondern auch das von Prof. Ewert, finden Gesa Behrens und ihre Mitstreiterinnen im Netz ausgesprochen merkwürdig. Sie recherchieren und stoßen auf weitere Ungereimtheiten. Auch darauf, dass ihre kritischen Kommentare und Nachfragen in Svenja G.s Blog gelöscht werden. Die ursprüngliche „Rechnung war ein Fehler und ist korrigiert“, sagt Norbert Sass später auf Nachfrage. Die Höhe der Rechnung allerdings verteidigt er: „Ich verdiene mir dabei keine goldene Nase, eine konventionelle Chemotherapie ist weitaus teurer.“ Von einem Fehler spricht auch der Vorstand der Greifswalder Universitätsmedizin (s. Artikel links). Die schwerkranke Svenja G. äußert sich zu unserer Anfrage bei Facebook nur mit einem Satz: „Ich kann noch nicht viel über die Behandlung sagen, da wir noch am Anfang sind mit der Therapie.“ Derweil aber postet sie täglich weiter in ihrem Blog und lässt die Welt teilhaben an ihrem Schicksal. https://de-de.facebook.com/Svenjawillleben/

Infos

  • Mit Exosomen beschäftigen sich schon seit Jahren Forscher in aller Welt.
  • Von einer „revolutionären Krebsbehandlung“ war 2016 aus der „University of North Carolina at Chapel Hill“ zu hören. Ohne Test an Menschen allerdings.
  • Die Therapie mit Exosomen zum jetzigen Zeitpunkt findet Georg von Hannover irritierend und verfrüht. Der Heilpraktiker aus Gmund hat sich intensiv mit dem Thema befasst.

Drei Fragen an  Dr. Norbert Sass

Dr. Sass, die Therapie mit Exosomen ist offensichtlich nicht zugelassen, warum haben Sie sich nicht um eine Zulassung bemüht?

In keinem Land der Welt gibt es dafür aktuell eine Zulassung. Ich habe angefragt, von der zuständigen Behörde aber die Antwort bekommen, dass man das Verfahren für jede einzelne Indikation durchführen müsste. Das kostet Millionen. Ich bin aber von dem großen Potenzial der Exosome überzeugt. Und auch davon, dass es einen Paradigmenwechsel in der Medizin geben wird. Die heute eingesetzten Chemotherapeutika sind 50 Jahre alt und älter.

Sie sind kein Arzt, sondern Biologe, genauer Immunologe. Wie kommen Sie dazu, eine solche Tumortherapie, die eigentlich Ärzten vorbehalten ist, durchzuführen? Ich habe einen guten Bekannten, der ist Dr. med, ihn habe ich vom Erfolg meiner Behandlung überzeugen können. Er ist sozusagen mein berufliches Schutzschild.

Und dennoch bewegen Sie sich ja in einem juristischen Grauzonen-Bereich. Haben Sie keine Angst vor Konsequenzen? Eindeutig nein. Deswegen, weil ich von Exosomen überzeugt bin. Sie haben selbst keine pharmazeutische Wirkung und fungieren nur als Träger, um bei der Chemotherapie auch resistente Zellen erreichen zu können. Sie haben keinerlei Nebenwirkungen, ich jedenfalls würde sie zentnerweise essen. Ich nehme die juristische Problematik billigend in Kauf und bin davon überzeugt, dass die Bevölkerung es mir nicht übel nehmen wird. Außerdem würde ich auch lieber ins Gefängnis gehen, als meine Kranken allein zu lassen.

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