Stadtlohner der Hexerei verdächtigt

Historischer Fall von 1652

Der Stadtlohner Bürger Henrich zum Rothaus hat vor 365 Jahren unter der Anklage der Hexerei gestanden. Stadtarchivar Ulrich Söbbing gibt einen Einblick in dieses dunkle Kapitel der Stadtlohner Stadtgeschichte.

STADTLOHN

, 09.09.2017, 05:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Die Sonne scheint auf die Dächer der Stadt an diesem Frühsommertag im Jahre 1652. Henrich zum Rothaus kümmert das wenig. Er fürchtet sich, denn für ihn geht es um um viel mehr als nur seinen guten Ruf. Er steht in der Amtsstube des Bürgermeisters und hat gerade die ungeheuerlichen Anklagepunkte gehört, derer er verdächtigt wird. 

Irgendein missgünstiger Mitbürger hat ihn beim Sendgericht beim Archidiakon angeschwärzt. Angeblich benutzt der Arzt unzulässige Medizin, um Menschen und Tiere zu heilen. Angeblich kann er verlorene Gegenstände mithilfe von Magie wiederfinden. Und er soll Teufelsbannerei betreiben.

Befragung beginnt

Sein Blick geht zu seinem alten Freund Berendt Busschoff. Die beiden kennen sich seit 36 Jahren, sind nächste Nachbarn. Er hat versprochen, für Henrich auszusagen, gemeinsam mit Gerdt Suisters, seinem anderen nächsten Nachbarn. Berendt tritt schüchtern vor und die Befragung durch den Bürgermeister beginnt.

So könnte es sich zugetragen haben, damals, am 19. Juni vor 365 Jahren, als die Worte, die jetzt vor Stadtarchivar Ulrich Söbbing in einem alten Protokollbuch liegen, zu Papier gebracht wurden. „Henrich zum Rothaus war bestimmt kein richtiger Arzt, denn die gab es erst ab dem 18. Jahrhundert“, erklärt der Stadtarchivar. Vielmehr habe er Menschen und Tiere behandelt als eine Art Heilpraktiker.

Sendgericht

„Da kam man schnell in den Verdacht, dass das Zauberei ist, wenn das dann auch noch half“, Söbbing zuckt die Schultern. Das Sendgericht sei ein kirchliches Archidiakonalgericht gewesen, das einmal im Jahr abgehalten wurde. „Das gab es noch bis ins 18. Jahrhundert“, erklärt der Geschichtsforscher.

Nicht nur für schwarze, sondern auch für weiße Magie, so wie im Fall von Henrich zum Rothaus, wurden Menschen damals angeklagt. Der Aberglaube war im 16. und 17. Jahrhundert, dem Höhepunkt der Hexenverfolgung, tief in den Menschen verwurzelt. „Das ist ja noch bis heute so, man braucht ja nur mal in die Zeitschriften auf die Horoskope zu schauen“, Ulrich Söbbing lacht.

Prangerstrafe

Der Fall von Henrich zum Rothaus ist nicht der einzige. Schon 1644, so geht aus den Büchern hervor, habe eine „Wickersche“ namens Anna Heidmans schmerzvoll erfahren müssen, was es heißt, unter Hexereiverdacht zu stehen.

Sie wurde öffentlich an einen Pranger gestellt und dort ausgepeitscht. Danach wurde sie ihrer Heimatstadt verwiesen und durfte nie wieder nach Stadtlohn zurückkehren. „Immer noch besser, als verbrannt zu werden“, ist sich der Archivar sicher.

Schinderdynastie

Für die Vollstreckung der Urteile in den Hexenprozessen habe es in Stadtlohn eine ganze Dynastie von sogenannten Schindern gegeben. „Der Beruf war nicht besonders angesehen“, verrät Ulrich Söbbing. Den Namen der Familie will er nicht nennen, aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes: „Den Namen gibt es heute noch in Stadtlohn, obwohl diese Leute damit gar nichts zu tun haben.“

Über Henrich zum Rothaus steht in den Büchern, dass Gerdt Suisters und Berendt Busschoff den Stadtlohner Bürgermeister am Ende von der Unschuld ihres Nachbarn überzeugen konnten. Der „Arzt“ wurde von allen Anklagepunkten freigesprochen. Wie sich die Verdächtigungen auf sein weiteres Leben ausgewirkt haben, ist nicht bekannt. Aber: „Den Glauben an die Wirksamkeit dessen, was er getan hat, hat das vielleicht sogar noch gesteigert“, vermutet Ulrich Söbbing.

40.000 Opfer

Die Hexenverfolgung fand in Europa von etwa 1450 bis 1750 statt. Ihren Höhepunkt erreichte sie zwischen 1550 und 1650. In Deutschland wurden rund 40 000 Menschen als Hexen verbrannt, darunter Frauen, Männer und Kinder jeden Alters. In Stadtlohn kann in den erhaltenen Schriftstücken aus der Zeit nach dem 15. Jahrhundert keine Hexenverbrennung nachgewiesen werden.

Der Begriff „Wickersche“ leitet sich aus dem mittelniederdeutschen Wort für Zauberin oder Gauklerin ab. Diese Frauen sagten die Zukunft voraus und führten Beschwörungen aus.

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