Dramatische Szenen haben sich im April in einem Einfamilienhaus in Stadtlohn abgespielt. Ein 65-Jähriger musste sich am Dienstag vor Gericht verantworten. Er soll seine Frau gewürgt haben.

Stadtlohn

, 20.11.2019, 19:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Unstrittig war am Dienstag vor dem Amtsgericht in Ahaus nur eine blutige Attacke, und die blieb juristisch ohne Folgen: Während eines dramatischen Ehestreits in der heimischen Küche am Abend des 17. Aprils 2019 biss der Berner Sennenhund den Familienvater in den dicken Zeh und verletzte ihn schwer. Der 65-Jährige musste stationär im Krankenhaus behandelt werden.

Ehefrau: „Ich hatte Todesangst.“

Ansonsten aber war der 65-Jährige nach den Schilderungen seiner 48 Jahre alten Ehefrau nicht das Opfer, sondern ein Täter. Unter Tränen schilderte sie als Zeugin vor Gericht, ihr Mann habe sie geschlagen, beschimpft und Todesdrohungen ausgesprochen. „Und dann hat er mich mit beiden Händen gewürgt, bis mir schwarz vor Augen wurde. Als ich am Boden lag hat er auf mich eingeschlagen, mit der Krücke und mit den Händen. Ich hatte Todesangst.“

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Der Eskalation war ein langer Ehestreit vorausgegangen. Bereits Ende 2018 war die Ehefrau ausgezogen. Im Februar kehrte sie zurück. Wegen des gemeinsamen 15-jährigen Sohnes, wie sie vor Gericht sagte. Doch weil die Streitigkeiten, bei denen ihr Mann wiederholt gewalttätig geworden sein soll, kein Ende genommen hätten, habe sie ihren Mann im April dieses Jahres verlassen wollen.

„Er hat gewollt, dass ich bei ihm bleibe. Dann fing er an, mich zu beschimpfen.“ Ein Wort habe das andere gegeben „Wir haben uns richtig geprügelt. Dabei zerriss auch das T-Shirt des Ehemannes.

Ehemann zur Polizei: „Mein Frau spinnt mal wieder.“

Der Angeklagte aber bestritt, seiner Ehefrau auch nur ein Haar gekrümmt zu haben. Schon am Tatabend sagt er zur Polizei: „Meine Frau spinnt mal wieder.“ Ja, so der 65-Jährige, es habe Streit gegeben. „Meine Frau hat an mir herumgezerrt und dann sind wir zu Boden gegangen, weil ich zu der Zeit ja Krücken brauchte.“ Die Krücken seien ein Beleg dafür, dass er gar nicht schlagen konnte. „Ohne die konnte ich ja gar nicht stehen.“

Die Gehhilfen habe er benötigt, weil seine Frau einige Wochen zuvor zwei Schläger auf ihn gehetzt habe. Darum nannte er zum Prozessauftakt auch nur ungern seine Adresse. „Ich habe Angst, dass das noch einmal passieren könnte“, erklärte der Rentner, der inzwischen in einer anderen Stadt lebt.

Richter fragte intensiv nach

Der Richter hakte bei beiden Eheleuten intensiv nach: „Sie sind für mich beide erst einmal beide gleich glaubwürdig“, erklärte er zum Prozessauftakt. So durchkämmte der auch die Aussage der Ehefrau nach Widersprüchen und Unklarheiten.

Er machte aber auch klar, dass die Fotos in der Polizeiakte eine deutliche Sprache sprächen. Sie zeigen blaue Flecken und Abschürfungen am Hals und an der Schulter der Ehefrau. Das passt so gar nicht zu Ihrer Aussage“, erklärte der Richter gegenüber dem Angeklagten. Der antwortete: „Ich habe keine Erklärung dafür, wann und wie die Verletzungen auf den Fotos entstanden sind. Ich musste ja selbst direkt ins Krankenhaus.“

Sohn macht die entscheidende Aussage

Entscheidend war am Ende für den Richter die Aussage des 15-jährigen Sohnes der beiden Eheleute, der auf sein Aussageverweigerungsrecht auf mehrfache Nachfrage des Richters ausdrücklich verzichtete. Der 15-Jährige erzählte vor Gericht, wie er die Hilfeschreie seiner Mutter gehört habe. Als er die Treppe hinunter gekommen sei, habe er gesehen, wie der Vater mit der Gehhilfe gegen die Schulter seiner Mutter geschlagen habe. Außerdem habe der Vater gesagt, dass die Mutter die Nacht nicht überleben werde.

Richter fassungslos

„Für mich steht nach der glaubhaften Aussage Ihres Sohnes fest, dass Sie mindestens einmal zugeschlagen haben“, sagte der Richter, während der Angeklagte beharrlich mit dem Kopf schüttelt. Der Richter quittierte das am Ende so: „Das ist unglaublich, dass Sie Ihrem eigenen Sohn die Aussage vor Gericht gegen seinen eigenen Vater nicht ersparen, weil Sie Ihre eigenen Taten nicht zugeben wollen. Das macht mich fassungslos.“

Auch die Vertreterin der Staatsanwaltschaft sah die schwere Körperverletzung als erwiesen an. Sie forderte sechs Monate Freiheitsstrafe auf Bewährung und 60 Tagessätze à 40 Euro.

Der Verteidiger des Rentners räumte in seinem Schlussplädoyer die Beleidigung ein. Der Ablauf des Gerangels sei aber nicht aufzuklären. „Er hat sie nicht geschlagen, darum ist er vom Vorwurf der Körperverletzung freizusprechen“, so der Anwalt des Angeklagten.

4000 Euro Geldstrafe

Wegen schwerer Körperverletzung in einem minderschweren Fall, wegen Beleidigung und Bedrohung verurteilte der Richter den 65-Jährigen zu einer Geldstrafe von 4000 Euro (100 Tagessätze à 40 Euro). Als strafmildernd wertete er die bisherige Unbescholtenheit des Angeklagten und die hochemotionale Situation des Ehestreits. Der Richter sagte aber auch: „Das, was Sie gemacht haben war hochgefährlich. Würgen kann schnell zu lebensbedrohlichen Situationen führen.“

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