Über 100 Schülerinnen und Schüler des Geschwister-Scholl-Gymnasiums haben sich Anfang 2019 für eine Stammzellenspende typisieren lassen. Zwei von ihnen sind inzwischen Spender und damit Lebensretter geworden. © Stefan Grothues
Stammzellenspende

Stammzellenspende: Stadtlohner Ex-Gymnasiast rettet Mann aus den USA das Leben

Paul Söbbing und Erik Schlottbohm sind gerade erst Studienanfänger – und doch schon Lebensretter. Die beiden Ehemaligen des Stadtlohner Gymnasiums konnten Stammzellen für Leukämiekranke spenden.

Der Stadtlohner Paul Söbbing wird am Samstag 20 Jahre alt. In diesem Herbst beginnt er mit einem Studium der Wirtschaftswissenschaften. Zuvor hat er ein Freiwilliges Soziales Jahr im Kindergarten abgeleistet. Und einem Mann in den USA das Leben gerettet.

Paul Söbbing (20) spendete Stammzellen für einen an Blutkrebs erkrankten Mann in den USA.
Paul Söbbing (20) spendete Stammzellen für einen an Blutkrebs erkrankten Mann in den USA. © privat © privat

Erik Schlottbohm aus Südlohn ist 21. Er studiert Maschinenbau in Aachen. Wie Paul Söbbing hat er sein Abitur am Geschwister-Scholl-Gymnasium in Stadtlohn abgelegt. Und auch er ist ein Lebensretter: Ein Österreicher, zwischen 30 und 40 Jahre alt, hat dank Erik Schlottbohm überlebt.

Erik Schlottbohm (21) hat mit seiner Stammzellenspende einem Mann in Österreich das Leben gerettet.
Erik Schlottbohm (21) hat mit seiner Stammzellenspende einem Mann in Österreich das Leben gerettet. © privat © privat

Die beiden machen kein großes Aufheben davon. Sind sie nicht stolz darauf? Erik Schlottbohm sucht nach Worten. „Das Gefühl ist schwer zu beschreiben. Ich habe mich einfach gefreut, das machen zu dürfen.“ Paul Söbbing sagt: „Es macht glücklich, helfen zu können.“

Typisierungsaktion des Geschwister-Scholl-Gymnasiums

Paul Söbbing und Erik Schlottbohm sind Stammzellenspender. Im Januar 2019 hatten die beiden sich bei einer Typisierungsaktion des Geschwister-Scholl-Gymnasiums als mögliche Spender registrieren lassen, um Menschen zu helfen, die an Blutkrebs erkrankt sind. Denn viele Leukämiepatienten können nur dann gerettet werden, wenn für sie ein passender „genetischer Zwilling“ gefunden wird, der bereit ist, Stammzellen zu spenden.

„Eine Stammzellenspende ist keine Garantie für eine Heilung“, erklärte ihnen damals Janina Schmitz von der DKMS. „Aber die Spende ist oft die einzige Überlebenschance.“ 107 Oberstufenschülerinnen und -schüler haben sich daraufhin registrieren lassen.

„Lebensnahes Thema fürs Gymnasium“

Der Biologie- und Englischlehrer Roland Franke, der auch für die Ausbildung der Ersthelfer am Geschwister-Scholl-Gymnasium verantwortlich ist, war der Initiator der Aktion. Franke: „Die Themen Tod und Sterben werden bei uns in vielen verschiedenen Fächern behandelt. Ich meine, dass Schule sich auch ganz lebensnah mit Fragen der Stammzellen- oder Organspende auseinandersetzen sollte.“

Damals, 2019, war aber für die Schüler alles noch mehr oder weniger Theorie. „Ich war ganz schön baff, als dann der Anruf von der DKMS kam, dass ich der passende Spender für einen Österreicher bin“, sagt Erik Schlottbohm im Gespräch mit unserer Redaktion. Gezögert aber hat er nicht. Sein erster Gedanke: „Ja klar, ich mach das!“ Seine Spende liegt jetzt schon ein Jahr zurück.

Paul Söbbing spendete erst vor wenigen Wochen seine Stammzellen. Beide kamen wie die meisten Stammzellenspender um eine aufwendigere Knochenmarkentnahme drumherum. Sie konnten wie 80 Prozent der Stammzellenspender ihre Stammzellen über die sogenannte periphere Stammzellentnahme spenden. Dabei werden die Stammzellen aus dem Blut herausgefiltert. „Das ist nicht schmerzhafter als eine Blutspende“, sagt Erik Schlottbohm. Es dauert aber einige Stunden.

Spritzen und Rückenschmerzen für den guten Zweck gerne ertragen

Unangenehmer waren die Spritzen, die sich die Stammzellenspender selbst fünf Tage lang vor der Spende geben mussten, um die Bildung von weißen Blutkörperchen anzuregen. „Es kostet zuerst ein wenig Überwindung, sich selbst zu spritzen. Aber dann gewöhnt man sich schnell daran“, sagt Erik Schlottbohm.

Paul Söbbing musste sich nicht selber spritzen. „Das hat meine Mutter gemacht. Sie ist Altenpflegerin.“ Er bekam allerdings von den Spritzen starke Rückenschmerzen – eine bekannte Nebenwirkung. „Aber das ist ja eine Kleinigkeit, wenn man bedenkt, dass es ein Leben rettet. Das macht ja glücklich“, sagt er.

Lehrer: „Ich war total happy!“

Glücklich gemacht hat die Spende auch ihren ehemaligen Lehrer. „Ich war total happy, als ich von den Spenden erfahren habe“, sagt Roland Franke. „Es ist doch schön, dass wir als Schule gemeinsam helfen konnten. Da hat sich der große Aufwand für die Aktion doch gelohnt.“

Für Roland Franke ist der Erfolg auch Ansporn für eine Wiederholung. Aber die wird noch etwas auf sich warten lassen. Franke: „Die Coronapandemie hat die Schülerinnen und Schüler schon genug in Atem gehalten. Jetzt steht erst einmal der Unterrichtsstoff im Mittelpunkt.“

Kennenlernen werden die beiden Lebensretter ihre „genetischen Zwillinge“ übrigens nicht. Das sei in der Regel nicht vorgesehen. Ob, wann und auf welche Weise ein Kontakt zwischen Spendern und Patienten überhaupt erlaubt ist, hängt von den jeweiligen Regeln der verschiedenen Länder ab.

Überall aber gilt mindestens eine zweijährige Anonymitätsfrist. Erik Schlottbohm: „Aber es reicht ja zu wissen, dass man einem Menschen geholfen hat.“ Und das mache ja noch mehr Freude als der große Präsentkorb, den er von der DKMS als Dank für seine Spende erhielt.

THEMA STAMMZELLENSPENDE

  • Alle 15 Minuten erhält ein Patient in Deutschland die Diagnose Blutkrebs. Blutkrebspatienten können die Krankheit häufig nur mithilfe einer Stammzellspende eines passenden Spenders besiegen. Oft ist die Übertragung gesunder Stammzellen sogar die einzige Aussicht auf Heilung.
  • Nur ein Drittel aller Blutkrebspatienten findet innerhalb der Familie einen passenden Spender. Jeder zehnte Blutkrebspatient sucht vergeblich einen passenden Spender.
  • DKMS steht für Deutsche Knochenmarkspenderdatei. Sie wurde 1991 gegründet, um für jeden Blutkrebspatienten einen passenden Stammzellspender zu finden.
  • 1991 gab es nur 3000 registrierte potenzielle Spender, heute zählt die DKMS, die auch Ableger in den USA, Chile, Polen und Großbritannien hat, über 8,6 Millionen Registrierungen weltweit. Alle Register zusammengefasst gibt es insgesamt 32 Millionen Registrierungen.
  • In etwa 80 Prozent der Fälle werden die Stammzellen der Blutbahn entnommen. Es ist keine Operation notwendig. In den anderen Fällen wird dem Spender unter Vollnarkose aus dem Beckenkamm mit einer Nadel Knochenmarks entnommen. Innerhalb von zwei bis vier Wochen regeneriert sich das Knochenmark beim Spender. (Quelle: DKMS)
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Stefan Grothues