Türen und Herzen für Flüchtlinge geöffnet

Im Haus aufgenommen

Viele Menschen engagieren sich in Stadtlohn ehrenamtlich für die Flüchtlinge. Otger und Mechthild Möller sowie Reinhard und Christiane Daldrup sind noch einen Schritt weitergegangen. Sie haben Flüchtlingsfamilien in ihren eigenen vier Wänden aufgenommen. Mehr Integration geht kaum. Nach einem Jahr haben beide Paare jetzt Bilanz gezogen. Alle Vier sagen: "Wir haben nicht nur geholfen. Unser eigenes Leben ist reicher geworden."

STADTLOHN

, 03.01.2017, 17:26 Uhr / Lesedauer: 3 min

Es klingelt an der Haustür. Der fünfjährige Raman kommt angesaust und öffnet mit einem fröhlichen "Guten Tag!" Seine kleine Schwester Layan (2) hält sich mit ihren zwei Puppen im Arm lieber im Hintergrund, während Raman wortreich die große Weihnachtskrippe im Hause Möllers vorstellt - inklusive Löwe und Tiger, die er selbst beigesteuert hat. Raman und seine Schwester fühlen sich im Hause Möllers ganz offensichtlich zuhause. Und ihre Gastgeber nennen sie "Otger" und "Oma". Otger (58) und Mechthild (57) Möllers lachen. "Ja, wir waren von heute auf morgen Oma und Opa", sagt Otger Möllers. Passiert ist das vor genau einem Jahr.

Im Internationalen Café kennengelernt

Otger und Mechthild Möllers hatten die syrische Familie Jawich-Alkhalaf im Internationalen Café kennengelernt. Die Chemie stimmte gleich. "Bei einem Besuch der Familie in der Flüchtlingsunterkunft hat uns die Enge dort bedrückt", erzählt Mechthild Möllers. Die Familie hatte nur ein kleines Zimmer für sich. Bad und Küche teilten sie sich mit sechs weiteren Männern.

Mutter Shakria Alkhalaf war damals schwanger. Für eine junge Familie mit kleinen Kindern, so sagt sie, sei die Unterkunft in der Hagenstraße kein guter Ort gewesen. Dennoch seien sie nach ihrer Flucht aus dem ausgebombten Aleppo und den Mühen der Balkanroute froh gewesen, in Sicherheit zu sein. Der Besuch in der Flüchtlingsunterkunft zeigte Wirkung bei Otger und Mechthild Möllers. "Wir haben hin und her überlegt. Wir hatten ja die leerstehende Einliegerwohnung, in der die Schwiegereltern gelebt hatten", berichtet Otger Möllers. "Aber es gibt ja bei uns nur einen gemeinsamen Eingang, unsere Wohnung war nicht abgeschlossen."

Nächstenliebe und christliches Engagement

Dennoch stand für die beiden Stadtlohner an Neujahr 2016 fest: "Nächstenliebe und christliches Engagement dürfen nicht nur Worte bleiben." Für Shakria Alkhalaf, ihren Mann Ahmad Jawich und ihre Kinder begann damit ein neues Leben. "Es ist perfekt hier", sagt die 31-jährige Syrerin, die fließend englisch und schon relativ gut deutsch spricht, über ihr neues Zuhause. Und sie fügt hinzu: "Das können wir wohl nie wiedergutmachen."

Ebenfalls zu Weihnachten 2015 und ganz unabhängig vom Ehepaar Möllers machten sich auch Reinhard (48) und Christiane (46) Daldrup Gedanken über die Unterbringung der Flüchtlinge. Und sie kamen zum gleichen Entschluss: "Wir haben genug Platz im Haus. Da haben wir uns in der Verantwortung gesehen", sagt Christiane Daldrup. Seit einem Jahr wohnt bei ihnen eine vierköpfige afghanische Familie in einer Souterrain-Wohnung - Badbenutzung im Erdgeschoss und ein Zimmer im Dachgeschoss inklusive. "Die Stadt hat uns prima bei der Einrichtung und allen Fragen unterstützt", berichtet Reinhard Daldrup. Dass die Stadt am Ende auch Miete zahlt, spielte weder für die Daldrups noch für die Möllers’ eine Rolle. Helfen zu können, sich neuen Erfahrungen und neuen Kulturen zu öffnen, das waren für die Gastgeber nach eigenen Angaben die entscheidenden Impulse.

Orientalische Küche hat Einzug gehalten

"Unser Haus riecht nun anders", sagt Reinhard Daldrup. Kein Wunder, die Gäste kochen in ihrer Küche ja afghanisch. Hier wie im Hause Möllers freuen die deutschen Gastgeber über Einladungen in die orientalische Küche. Umgekehrt natürlich auch. Und Ahmad Jawich hilft auch gern bei der Gartenarbeit. "In unserem Haus ist jetzt sehr viel mehr Leben", freut sich Mechthild Möllers. Und Vertrauen gehört auch dazu. Beide Gastgeberpaare sind auch schon in Urlaub gefahren und haben ihre Gäste mit Schlüssel allein zurückgelassen. Im alltäglichen Zusammenleben gelingt Integration ganz nebenbei: von der deutschen Sprache bis hin zur Mülltrennung.

Eigene Wohnung wird gesucht

Die afghanische Familie sucht inzwischen mit Unterstützung der Daldrups eine eigene Wohnung. "Wir können uns aber vorstellen, eine neue Familie aufzunehmen", sagt Christiane Daldrup. Im Hause Möllers dagegen gibt es keine Umzugspläne. "Zum Glück", sagt Mechthild Möllers: "Ich mag gar nicht daran denken, dass die Fünf uns wieder verlassen."

340 Flüchtlinge in 30 Wohnungen

340 Flüchtlinge leben derzeit in Stadtlohn. Für ihre Unterbringung verfügt die Stadt zurzeit über 30 Wohnungen. „100 Menschen haben schon ein eigenes Einkommen und ein gute Bleibeperspektive. Für sie suchen wir Wohnungen oder Zimmer“, sagt Ludger Wilmer, Leiter des Fachbereichs Soziales. „Im ersten Schritt mussten wir dafür sorgen, dass die Flüchtlinge ein Dach über dem Kopf haben“, erklärt Bürgermeister Helmut Könning. „Unsere eigenen Wohnungen sind aber überfüllt, die Menschen dort leben in sehr beengten Verhältnissen. Und der Wohnungsmarkt in Stadtlohn ist leergefegt.“  

„Die Not ist groß“, sagt auch Sozialarbeiterin Gaby Schneider, die für die Stadt die Flüchtlinge betreut. „Die Menschen leben psychisch an ihren Grenzen, wenn sie sich dauerhaft ein Zimmer mit anderen teilen müssen.“ Der Bürgermeister hofft, dass sich mehr Stadtlohner ein Beispiel an den Daldrups und Möllers nehmen. „Wir sind für jede Meldung dankbar – auch wenn nur ein Zimmer frei ist“. Und er lobt die guten Beispiele: „Hut ab vor soviel Integrationsarbeit!“

Die Stadt sagt ihre Unterstützung zu: „Wir würden auch sehen, dass die Flüchtlinge zu den Gastfamilien passen, wir schicken nicht jeden“, verspricht Ludger Wilmer. Interessenten können sich direkt bei Gaby Schneider unter Tel. 4 00 21 41 informieren. Unterstützung und Rat bieten auch die Ehepaare Daldrup und Möllers an. Sie freuen sich über Anfragen per E-Mail: reinharddaldrup@ web.de oder otger-moellers@ versanet.de  

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