Die Stadtlohner Kirmes – hier ein Geisterbahnbild – stirbt schon seit Jahren einen langsamen Tod. Jetzt wollen die Politiker sie beerdigen. © Stefan Grothues
Kirmes

Verwaltung will Kirmes in Stadtlohn abschaffen

Auch Sambatänzerinnen und Feuerwerk haben nicht geholfen: Die Stadtlohner Kirmes befindet sich auf Talfahrt. Jetzt hat die Stadtverwaltung die komplette Abschaffung des Rummels vorgeschlagen.

Die „Abwärtsspirale“ könnte ein aufregendes Kirmesfahrgeschäft sein. Ist sie aber nicht. Sie ist eher der traurige Weg, den die Stadtlohner Kirmes seit Jahren nimmt.

Die Stadtlohner Kirmes leidet an Besucherschwund. Die Stadtverwaltung hat jetzt vorgeschlagen, die Traditionsveranstaltung ganz abzuschaffen. Da wollte die Politik aber nicht mitspielen. Es soll noch eine Gnadenfrist geben.

Kirmesgeschichte: Von Raubtierdressur bis Elektro-Selbstfahrer

Die Geschichte der Stadtlohner Kirmes reicht weit zurück. Vor 100 Jahren noch wurde in Stadtlohn sogar zu jeder Jahreszeit eine Kirmes gefeiert. 1934 wurden die vier kleinen Kirmessen zu einer großen „Volkskirmes“ vereinigt, die laut alten Presseberichten großen Zuspruch fand und ein echtes Volksfest war.

Zu den traditionellen Fahrgeschäften wie Schiffschaukel und Kettenkarussell kamen 1935 eine Raubtierdressur und 1936 ein „Elektro-Selbstfahrer“ hinzu – die letzte Neuheit. „Aufgrund einer Abmachung mit den Stadtlohner Unternehmen ruhte die Arbeit am Kirmesmontag“, berichtet Stadtarchivar Ulrich Söbbing.

Teufelskreis: Weniger Besucher, wenige Schausteller, noch weniger Besucher

Diese Zeiten sind längst vorbei. Nach Darstellung von Ordnungsamtsleiter Thomas Gausling befindet sich die Stadtlohner Kirmes in einem Teufelskreis: Schausteller und Händler leiden seit Jahren unter Besucherschwund.

Und die Stadt als Veranstalter und auch Besucher beklagen einen Anbieterschwund: Es gibt zu wenige Attraktionen und zu wenige Stände.

Ordnungsamtsleiter Thomas Gausling verdeutlicht das mit Zahlen. 2017 bewarben sich noch 88 Schausteller und Händler für einen Kirmesstandplatz. 2018 waren es 68, 2019: 72, 2020: 48 und 2021: 32. Der Negativtrend setzte schon lange vor der Coronapandemie ein.

Schon im Jahr 2018 waren sich alle Ratsfraktionen mit der Verwaltung einig: Die Kirmes und die Krammärkte in Stadtlohn sind nicht mehr das, was sie mal waren.

Gausling: Kirmes hat es in vielen Orten schwer

„Das ist keine Stadtlohner Besonderheit, sondern ein allgemeiner Trend – von Kirmeshochburgen wie Vreden einmal abgesehen“, sagt Thomas Gausling. Es fehle der Umsatz.

Die Gründe sind laut Thomas Gausling vielfältig. „Die Menschen sind mobiler geworden. Die Kirmes leidet daher zum Beispiel auch unter der Konkurrenz von Freizeitparks wie dem Movie Park.“

2019 sollte ein Samba-Dance-Festival der Kirmes zusätzliche Attraktivität verleihen.
2019 sollte ein Samba-Dance-Festival der Kirmes zusätzliche Attraktivität verleihen. © Heike Bierkämper © Heike Bierkämper

Die Stadt Stadtlohn stemmte sich in den vergangenen Jahren gegen den Abwärtstrend: mit Feuerwerken zum Kirmesauftakt oder zuletzt 2019 mit einem Samba-Dance-Festival. Doch jetzt schlugen Bürgermeister Berthold Dittmann und Thomas Gausling dem Haupt- und Finanzausschuss vor, die Reißleine zu ziehen und die Kirmes nicht weiter zu betreiben.

„Es ist sinnvoll, die Kirmes nicht länger zu betreiben“

In der von Thomas Gausling erstellten Sitzungsvorlage heißt es: „Die Feststellung, dass die Kirmes nicht wirtschaftlich betrieben werden kann und nicht mehr so viele Besucher wie in der Vergangenheit anzieht, treffe ich nur ungern. Sie ist aber unausweichlich. Es ist auch nicht zu erwarten, dass sich das mit vertretbarem Mitteleinsatz ändern lässt. Diese Tatsachen führen vor dem Hintergrund, dass ein neues Stadtfest etabliert werden soll, zu dem Schluss, dass es sinnvoll ist, die Kirmes nicht länger zu betreiben.“

Bei der FDP stieß dieser Vorschlag auf volle Zustimmung. Angelika Kessels (FDP) äußerte sich klar: „Die Kirmes ist ein totes Pferd, das wir nicht weiter reiten sollten.“

Die Entscheidung, die Kirmes abzuschaffen, sei sicher kein leichter Schritt, so Angelika Kessels. „Aber das Freizeitverhalten hat sich geändert. Wir müssen uns mit neuen Angeboten darauf einstellen und nicht an Altem festhalten, wenn es nicht mehr funktioniert. Stadtlohn steht ja auch eher für Karneval, Dodgeball und Schützenfeste.“ Aus Sicht der FDP sollte ein Stadtfest – auch mit kleineren Karussells in der Innenstadt – an die Stelle der Kirmes treten.

Die sofortige Abschaffung der Kirmes, die schon 2020 und 2021 wegen der Coronapandemie abgesagt worden war, ging den anderen Fraktionen aber zu weit. Sie sprachen sich dafür aus, die Entwicklung noch zwei bis drei Jahre weiter zu beobachten. Reinhold Dapper (SPD) positionierte sich deutlich gegen eine Abschaffung.

„So lange wie Schausteller nach Stadtlohn kommen wollen, sollten wir die Kirmes leben lassen. Auch wenn wir nur eine kleine Kirmes haben: Autoscooter, Musikexpress und Kinderkarussells bereiten den Kindern ja immer noch eine Freude. Und längst nicht alle Familien haben das nötige Kleingeld, um einen großen Freizeitpark zu besuchen“, so Reinhold Dapper.

Ausschussmehrheit votiert für Kirmeserhalt

Am Ende stimmten vier Ausschussmitglieder für den Vorschlag der Verwaltung, die Kirmes abzuschaffen. Neun Ausschussmitglieder votierten für einen Fortbestand der Kirmes, ein Ausschussmitglied enthielt sich der Stimme.

Einstimmig abgeschafft werden hingegen die Krammärkte am jeweils ersten Dienstag im Monat, die zuletzt nur noch von drei oder vier Händlern beschickt wurden und wenig Interesse bei den Stadtlohnerinnen und Stadtlohner weckten. Den großen Krammarkt am Kirmesmontag soll es aber auch in Zukunft noch geben.

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Stefan Grothues