Widerspruch aus Loyalität

Pfarrer Stefan Jürgens im Interview

Pfarrer Stefan Jürgens hat Position bezogen: Am vergangenen Wochenende hat der katholische Priester das Memorandum „Kirche 2011“ in den Mittelpunkt der Predigt gestellt und sich klar dafür ausgesprochen. Die Unterzeichner fordern Reformen in der katholischen Kirche, die bis hin zur Freistellung des Zölibats reichen. Wir sprachen mit dem Seelsorger.

STADTLOHN

von von Thorsten Ohm

, 05.03.2011, 08:00 Uhr / Lesedauer: 3 min
Pfarrer Stefan Jürgens von der St. Otger-Gemeinde Stadtlohn hat im Gespräch mit der Münsterland Zeitung noch einmal betont, dass er Reformen in der katholischen Kirche für notwendig hält.

Pfarrer Stefan Jürgens von der St. Otger-Gemeinde Stadtlohn hat im Gespräch mit der Münsterland Zeitung noch einmal betont, dass er Reformen in der katholischen Kirche für notwendig hält.

Selbstverständlich. Was heute nicht sehr pointiert herüberkommt, wird nicht wahrgenommen. Ich wollte meiner Gemeinde mitteilen, dass es hier keine Denkverbote gibt und dass man auch dann ein guter Katholik ist, wenn man in bestimmten Fragen anders denkt als die Kirchenleitung.

Bis jetzt habe ich nur Zustimmung gehört und keine ernst zu nehmende Gegenrede. Ich wollte deutlich machen, dass die Memorandums-Theologen keine Kirchenzerstörer sind.

Sicher kann man darüber auch ein Glaubensgespräch führen. Die Predigt war die schnellste Möglichkeit. Es ist aber darüber hinaus auch denkbar, dazu eine Diskussionsveranstaltung in der Gemeinde anzubieten. Daneben gibt es innerkirchlich allerdings kein Forum, wo man so etwas diskutieren könnte; die diözesanen Gremiensitzungen werden so vorbereitet, dass strittige Themen erst gar nicht auf die Tagesordnung kommen.

Selbstverständlich. Ich bin gerne Priester. Mich bewegt die heutige Krise der Kirche. Sie erfüllt mich mit tiefer Sorge. Der Kirche laufen scharenweise die Menschen davon. Ich empfinde aber keine persönliche Unzufriedenheit. Es bedarf eines Prozesses der Erneuerung, der Transparenz und der Glaubwürdigkeit, auch für die Kirche selbst. Die Kirche wird nur noch wenig wahrgenommen. Man traut ihr die Antworten auf große Fragen kaum noch zu. Als Reaktion auf den Priestermangel findet bisher aber nur eine Verwaltungsreform statt. Die Gemeinden werden damit aber immer größer. Ich sehe auch, dass viele Priester frustriert sind. Sie verlieren die Nähe zu den Menschen. Man kann nicht Seelsorger sein, wenn man nur noch Verwaltung managt. Dabei haben wir eine super Botschaft.

Die Botschaft ist das Programm Jesu, das Evangelium, das ist spitzenmäßig. Wir haben die beste Botschaft der Welt. Dass ich von Gott leistungsfrei und bedingungslos geliebt werde. Und das besitzt eine verändernde Kraft.

Das glaube ich nicht. Wir müssen uns von einem Priesterbild lösen, das an Schamanismus grenzt. Solche archaischen Vorstellungen sind nicht mit einem christlichen Priester vereinbar.

Die Ehelosigkeit um des Himmelreiches willen ist eine Gabe Gottes; sie ist ein wichtiges Zeichen für seine Liebe, die über alle menschliche Liebe hinausgeht. Sie ist ein Charisma, dass man nicht einfach bei allen voraussetzen darf, die sich zum Gemeindepriester berufen fühlen. Es gibt Priester, die unendlich darunter leiden, die daran menschlich zerbrochen sind. Da es sich beim Zölibat nicht um eine Glaubensfrage handelt, sondern um eine Frage des Kirchenrechts, darf man hier geteilter Meinung sein. Ich selbst lebe den Zölibat gern.

Die Sakramente vergegenwärtigen Jesus Christus. Sie müssen verstanden werden. Da liegt das Problem: Die Kirche spricht nicht die Sprache der Menschen, ihre Formen bedürfen einer Reform. Auch Liturgien sind etwas, was irgendwann durch Menschen entstanden ist. Gleichzeitig wird es immer der Anspruch sein, Liturgie und Glauben ehrfürchtig zu leben. Man kann etwas erneuern, wenn man ehrfürchtig damit umgeht.

Sicher ist es so, dass die katholische Kirche eine große Vielfalt zeigt. Da müssen vielleicht regionale Unterschiede gemacht werden. Vorstellbar wäre es, dass beispielsweise der Pflichtzölibat nicht in allen Ländern gleichzeitig aufgehoben wird. Aber auch in der Liturgie sind unterschiedliche regionale Formen denkbar.

Wenn sie nicht in den nächsten zehn Jahren einsetzen, stehen wir in der katholischen Kirche vor einem so eklatanten Personalproblem, dass gar nichts mehr geht. Kirche lebt nicht zuletzt auch davon, dass das Angebot in der Nähe der Menschen vorgehalten wird. Wir brauchen Seelsorge mit einem Gesicht, nicht Seelsorge mit dem Fernrohr.

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