Bis zum Beginn der Coronakrise kamen noch die Hauskassierer zu den Mitgliedern der Sterbekasse Westhofen, um den Einzug des Jahresbeitrags von 6 Euro im Mitgliedsbuch abzustempeln. © Reinhard Schmitz
Institution seit 1923

Zahlen für den Tod: Die Sterbekasse Westhofen darf nicht völlig sterben

Man konnte Beerdigungen nicht mehr bezahlen. Deshalb gründete sich auf private Initiative in der Inflationszeit 1923 die Sterbekasse Westhofen. Jetzt will keiner mehr ihre Geschäfte führen.

Man zahlt bis zum bitteren Ende. Unverändert 6 Euro pro Jahr, früher waren es mal 12 Mark. In bar, wenn die Hauskassierer vor der Tür stehen und den Erhalt des Beitrags mit dem Stempel im Mitgliedsbuch quittieren. So war es bis zum Frühjahr 2020 noch üblich bei der Sterbekasse Westhofen.

Dann erzwang die Corona-Krise die Umstellung auf eine Überweisung. „Das macht Maloche“, sagt Horst Wachholz, der seit drei Jahrzehnten die Buchhaltung unter seine Fittiche genommen hat. All die Daten und Adressen zu sammeln und zu aktualisieren, die im Laufe der Zeit in dem großen Karteikasten gelandet waren, ist eine Mammutaufgabe.

Gegründet zur Selbsthilfe in der Inflationszeit

980 Mitglieder halten der Einrichtung, die im Jahre 1923 in Westhofen auf private Initiative entstanden ist, immer noch die Treue. „In der Inflationszeit taten sich damals ein paar Leute zusammen, um die Beerdigungen bezahlen zu können“, berichtet Horst Wachholz, während er in dem allerersten Berichtsbuch blättert.

Was dort in zackiger Sütterlinschrift mit Tinte über die Gründung der „Allgemeinen Sterbekasse für Westhofen und Umgebung“ verzeichnet ist, hat er sich als Schreibmaschinentext „übersetzen“ lassen. 1925 zählte man schon 1.200 Mitglieder. Erwachsene zahlten einen Jahresbeitrag von 120 Reichsmark, Kinder je nach Alter 40 oder 80 Reichsmark.

Das erste Protokollbuch, das von der Gründung der Sterbekasse Westhofen im Jahre 1923 berichtet, wollen der Vorsitzende Jörg Scheuer (l.) und der 2. Geschäftsführer Horst Wachholz (r.) an den Heimatverein Westhofen übergeben.
Das erste Protokollbuch, das von der Gründung der Sterbekasse Westhofen im Jahre 1923 berichtet, wollen der Vorsitzende Jörg Scheuer (l.) und der 2. Geschäftsführer Horst Wachholz (r.) an den Heimatverein Westhofen übergeben. © Reinhard Schmitz © Reinhard Schmitz

„Ich habe es einmal erlebt, dass ein Kind gestorben ist“, berichtet Horst Wachholz. Den traurigen Moment, als er diesen Betrag auszahlen musste, hat er nicht vergessen. Die Summe reicht heutzutage schon längst nicht mehr für die Kosten einer Beisetzung. Ihm selbst – oder genauer seinen Hinterbliebenen – stünden heute nach 40 Beitragsjahren exakt 303 Euro zu.

„Wer heute eintritt, würde nach 40 Beitragsjahren noch 226 Euro bekommen“, entnimmt Horst Wachholz seiner Tabelle, die mit ihren verschiedenen Jahrgangsgruppen und Mitgliedszeiten kompliziert aussieht. Die Auszahlung besteht aus einem festen Satz und einem sogenannten „Gewinnzuschlag“. Doch den gibt es derzeit wegen der Niedrigstzinsen der Banken nicht. Die letzten langfristig abgeschlossenen Sparverträge, die noch ein wenig Rendite abwarfen, laufen aus.

Jedes Jahr treten immer noch neue Mitglieder ein

Trotzdem gibt es immer noch Interesse an der Sterbekasse. „Wir haben jedes Jahr fünf bis 15 neue Mitglieder – ein paar weniger als sterben“, erzählt Horst Wachholz. Darunter sind auch Jüngere. Bis zum Alter von 60 Jahren ist der Eintritt möglich. Den letzten großen Zuwachs gab es Ende der 1980er-Jahre, als man die Sterbekasse Holzen mit übernehmen konnte.

In feiner Handschrift wurden die Kassenberichte der Sterbekasse Westhofen in den 1970er-Jahren noch verfasst.
In feiner Handschrift wurden die Kassenberichte der Sterbekasse Westhofen in den 1970er-Jahren noch verfasst. © Reinhard Schmitz © Reinhard Schmitz

Jetzt geht es in die andere Richtung. Mit 98 Jahren wird für die Sterbekasse Westhofen ein Partner gesucht, damit sie weiterleben kann. Der Grund: Niemand will die Buchhaltung übernehmen, die Horst Wachholz in jüngere Hände legen möchte. „Ich habe 40 Leute gefragt – aber keiner wollte es machen“, berichtet der 81-Jährige. Die Aufgabe ist verantwortungsvoll – von exakter Buchführung der Einnahmen und Ausgaben bis zum möglichst gewinnbringenden, aber sicheren Anlegen des Kapitals.

Übergang an Begräbnishilfe Berghofen geplant

Einmal im Jahr wird alles von einem Prüfer der Bezirksregierung Arnsberg kontrolliert. Und alle fünf Jahre muss ein Spezialist bestellt werden für ein teures sogenanntes versicherungs-mathematisches Gutachten, das für künftige Auszahlungen beispielsweise die Lebenserwartung und Zinssituation berücksichtigt.

Horst Wachholz selbst erhält für seine Tätigkeit eine geringe Aufwandsentschädigung. Wenn er es überschlage, komme er vielleicht auf drei oder vier Euro pro Stunde, rechnet er vor. Eine seiner letzten Aufgaben war es, einen Partner für die Sterbekasse Westhofen zu finden.

Angepeilt ist ein Zusammenschluss mit der Begräbnishilfe Berghofen (Bochum), die laut ihrem Internetauftritt schon viele andere Kassen übernommen hat. Zustimmen muss diesem Plan noch eine Jahreshauptversammlung. In Westhofen bleibt dann nur das allererste Protokollbuch von 1925: „Das wollen wir dem Heimatverein geben.“

Über den Autor
Redaktion Schwerte
Reinhard Schmitz, in Schwerte geboren, schrieb und fotografierte schon während des Studiums für die Ruhr Nachrichten. Seit 1991 ist er als Redakteur in seiner Heimatstadt im Einsatz und begeistert, dass es dort immer noch Neues zu entdecken gibt.
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