Brief an Ludger Wissing: "Pullover-Chef" mit Teamgeist

Beckfelds Briefe

Thomas Gottschalk, Christian Wulff, Dieter Bohlen, Gerhard Schröder, Uwe Seeler - sie alle haben eines gemeinsam: Sie haben von Chefredakteur Hermann Beckfeld in unserem Wochenend-Magazin einen offenen Brief erhalten. Heute schreibt er an Ludger Wissing.

DORTMUND/SÜDLOHN

, 27.02.2016, 05:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Sehr geehrter Ludger Wissing,

es muss herrlich sein. Neun Tage ohne iPhone, ohne Fernsehen, ohne schlechte, schreckliche Nachrichten, ohne Ablenkung, gerne auch ohne Luxus. Mir hat gefallen, wie Sie am Anfang Ihrer Rede von der Reise mit Ihrer Frau Ute in die Wüste Omans erzählt haben. Sie hatten keine Dusche, keine Toilette, sie schliefen unter freiem Himmel.

Nachts, beim Blick auf die Sterne, hatten Sie Zeit, sehr viel Zeit, über Ihr Leben nachzudenken. Und sich zu überlegen, was Sie sagen werden, wenn die Sparkasse Westmünsterland und unsere Zeitung Sie als Unternehmer des Jahres in Ahaus auszeichnen. Sie stellten sich selbst Fragen, die jeder von uns sich irgendwann stellt: Woher komme ich? Was ist meine Aufgabe? Was muss ich loslassen? Welcher ist der Weg meines Herzens?

Ich war bei der Ehrung im stylischen Campus des Softwareherstellers Tobit dabei, als Sie allein, irgendwie verloren und scheinbar völlig fehl am Platz, auf der großen schwarzen Bühne standen. Als Ihnen die Stimme stockte, als Sie mit der Aufregung und immer wieder mit den Tränen der Rührung kämpften. Und als alle im Saal Ihnen in diesen Momenten glaubten, dass Sie die Auszeichnung, diese Aufmerksamkeit, diesen öffentlichen Auftritt zuerst ablehnen wollten. Zum Glück haben Sie es sich anders überlegt. Sonst hätten wir Ihre Antworten auf die Fragen des Lebens nicht gehört, hätten diese Antworten uns nicht nachdenklich gemacht, nicht gerührt.

Seit 30 Jahren bei der Firma Pfreundt

Schon vorher, von meinem Platz aus, konnte ich Ihnen im Gesicht ablesen, wie ungern Sie im Mittelpunkt stehen, als Moderator und Laudator Ihre Leistungen würdigten. Der Techniker aus dem beschaulichen Heiden-Leblich, der 1986 bei der Firma Pfreundt in Südlohn anfing, einem Hersteller für mobile Wiegesysteme. Dessen Schreibtisch im Keller des Wohnhauses des Firmengründers Hans-Günther Pfreundt stand.

Elf Jahre später wurde aus dem Angestellten der Chef, der Mitarbeiter führen und Verantwortung übernehmen musste. Der nie ein Kaufmann gewesen war und nie einer sein wollte. Und mit seinem Team überaus erfolgreich ist. Heute haben Sie ein modernes, transparentes Firmengebäude mit einem eigenen Kindergarten. Mittlerweile 86 Mitarbeiter betreuen mehr als 10.000 Kunden auf allen fünf Kontinenten, Ihre Firma macht zehn Millionen Euro Umsatz und gilt als Weltmarktführer.

Sie sprachen so authentisch, so ehrlich

Ich bin kein Techniker, habe keine Ahnung, was Amortisationsrechner und Dumperwaagen sind; es ist auch nicht wichtig. Aber seit Freitag weiß ich, dass man kein großer Redner sein muss, um eine große Rede zu halten. Sie sprachen so authentisch, so ehrlich und am wenigsten über sich selbst. Stattdessen gingen Sie mit ganz persönlichen, liebevollen Worten auf so viele Wegbegleiter ein, von den Abteilungsleitern bis zum Auszubildenden; Sie dankten dem Ehepaar, das sich seit 25 Jahren um die Pflege der Räume und Grünanlagen kümmert, dem Steuerberater und Anwalt, natürlich Ihrer Ehefrau und den drei Kindern, ganz besonders auch dem Firmengründer: „Hans-Günther, ich danke Dir besonders für Deine stets ehrliche Meinung.“

Toll fand ich, dass es Ihnen am Herzen lag, dass alle Auszubildenden an diesem Morgen dabei waren. „Die Zukunft der Firma Pfreundt hängt nicht von mir ab, sondern von Euch“, riefen Sie ihnen zu. Womit wir bei Ihren Antworten sind. Sie haben sich hochgekämpft, mit Hartnäckigkeit und Leidenschaft für den Beruf, ein „Pullover-Chef“, dem keiner am Arbeitsplatz was vormachen kann. Der schnell verstanden hat, dass ohne Teamgeist, ohne Vertrauen in die Mitarbeiter, ohne die Liebe zum Menschen kein Unternehmen der Welt über Jahrzehnte erfolgreich sein kann. Dem sein Herz sagen wird, wann er seine Firma in andere, jüngere Hände geben muss.

Lieber Ludger Wissing,

ich habe viel zu viele Unternehmer kennengelernt, die ihre eigene Laudatio gehalten haben und, wenn überhaupt, im vorletzten Absatz ihrer Ehefrau einige Worte und einen Blumenstrauß geschenkt haben. Seit Ihrer Rede weiß ich noch besser als zuvor, dass man diese Chefs in die Wüste schicken sollte.

Mit besten Grüßen, Hermann Beckfeld

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