Landgut-WG als alternatives „Lebens-Projekt“

Bauerschaft Look

Manchmal sind es ernste, oder in diesem Fall sogar traurige „Quellen“, die besondere Ideen sprudeln lassen. Bei Julia Böcker-Hoopman waren es familiäre Umstände und Schicksalsschläge, die den Impuls dazu gaben, auf ihrem wunderschönen Landgut im Look 1 eine inklusive Wohngemeinschaft (WG) zu gründen und Menschen mit und ohne Behinderung einen neuen Lebensraum zu bieten.

OEDING

von Christiane Hildebrand-Stubbe

, 25.03.2016, 14:01 Uhr / Lesedauer: 2 min
Das Landgut Böcker im Look bietet heute Platz für eine inklusive Wohngemeinschaft.

Das Landgut Böcker im Look bietet heute Platz für eine inklusive Wohngemeinschaft.

Der ursprüngliche Anlass dazu war ein sehr privater. Für Schwester Margret (55), die seit der Kindheit leicht geistig behindert ist, ist der elterliche Hof seit über 30 Jahren ihr Zuhause. Nach Beendigung der Sonderschule in Haus Hall (Gescher) arbeitet sie tagsüber in einer Werkstatt für Behinderte in Stadtlohn, ein Leben aber ohne die vertraute Umgebung – für sie unvorstellbar. Ihr Wunsch ließ sich relativ problemlos realisieren, da ihr Bruder Georg nach dem Tod der Eltern (2000 und 2009) ihre Begleitung übernommen hatte und ihr das gewünschte Leben möglich machte.

Dann aber sollte plötzlich alles anders werden: Im März 2014 verunglückte der Bruder Georg tödlich. Nur wenige Meter vom Familienbesitz entfernt. Und Schwester Julia stand plötzlich in der alleinigen Verantwortung – für den Hof und natürlich für die jüngere Schwester.

Stabilität garantieren

Zuerst war es nur die Sorge, Margret weiter Stabilität zu garantieren, die Julia Böcker-Hoopman veranlasste, nach Menschen Ausschau zu halten. Nach solchen, die sich ein Wohnen auf dem Lande ebenso vorstellen könnten, wie die Aufgabe als „soziale Begleiter“ der Schwester zu übernehmen. Gedanken nämlich, alles zu verkaufen und sozusagen einen „Cut“ zu machen, hatte sie schnell verworfen. Und die Ideen von einer größeren Wohngemeinschaft reiften.

Via Internet, über eine spezielle Plattform (WG plus) traf sie auch genau auf die beiden Menschen, deren Lebensentwurf exakt zu ihren eigenen Vorstellungen passte. Seit Oktober wohnen Manuela Müller-Glörfeld (Altenpflegefachkraft) und ihr Lebensgefährte Matthias Flüshöh (Fleischer und Koch), in der Oedinger Bauerschaft, sind von Hagen hierher gezogen. „Wir haben unser altes, städtisches Leben aufgegeben“, sagt die 48-Jährige, die eine 50-Prozent-Stelle beim DRK in Südlohn bekommen hat, und somit auch Zeit für Margret hat.

Eine Lebensentscheidung aber, die sie nicht blauäugig gemacht hätten, betont Manuela. Ein längerer Entscheidungsweg, etliche Treffen, Gespräche und vor allem eine Woche Probewohnen liegen hinter ihnen. Und natürlich intensive Begegnungen mit Margret. Manuela: „Schließlich musste insbesondere auch zwischen uns die Chemie stimmen.“

Gemeinsam mit Julia Böcker wurden Ideen entwickelt, in einen Topf geworfen, bis am Ende ein gemeinsames Konzept stand. Das Konzept, mit weiteren Menschen, auch mit solchen, die im Alltag Unterstützung brauchen, eine WG aufzubauen, den Alltag gemeinsam zu gestalten.

Umbau der Hofanlage

Zwar wohnt Julia Böcker-Hoopman mit ihrer Familie jenseits der Grenze in den Niederlanden, versteht sich aber dennoch als Teil der WG: „Ich habe das Haus ja nicht, um es von außen betrachten zu können, sondern möchte in meinem Elternhaus weiter ein und aus gehen können.“

Zurzeit leben Manuela und Matthias noch in einem Provisorium. Ihre künftigen Privaträume nehmen gerade Gestalt an, Margret hat ihren Bereich behalten, ansonsten aber wird eigentlich fast überall gewerkelt, die Hofanlage komplett renoviert. Denn das stand mit der Grundsatzentscheidung bereits fest: Für die neue Funktion mussten auch die räumlichen Voraussetzungen geschaffen werden. Julia Böcker-Hoopman ist auf der Baustelle stets mittendrin, führt nicht nur die Regie, sondern legt auch immer wieder selbst Hand an, wenn es erforderlich ist.

Seit Oktober ist das Haupthaus komplett fertig – mit sechs hellen, freundlichen Zimmern und drei Bädern. Im Erdgeschoss befinden sich die historische Diele sowie weitere Gesellschaftsräume. Und die große Wohnküche, wo es sich am Ofen nicht nur Hofhund Basko gemütlich macht. Hier ist die Kommunikationszentrale, der passende Rahmen für den Austausch der Bewohner. In dieser Atmosphäre lässt es sich wunderbar quatschen über das, was jeder den Tag über erlebt hat.

Und wie reagieren die bäuerlichen Nachbarn auf solche moderne Lebensformen? „Die haben das durchweg positiv aufgenommen“, sagt Manuela und schwärmt vom karnevalistischen Wurstaufholen in der Bauerschaft sowie der gemeinsame Brunch mit der Nachbarschaft. Ihr bisheriges Fazit: „Es ist genauso, wie wir es uns vorgestellt haben, es fühlt sich richtig an.“

Schlagworte:

Dortmund am Abend

Täglich um 18:30 Uhr berichten unsere Redakteure für Sie im Newsletter über die wichtigsten Ereignisse des Tages.

Lesen Sie jetzt